Das Schloss, welches ich nie sah

Ein Mord, Hitler und eine Hecke:
die Geschichte vom Haus Buddenburg in
Lünen-Lippholthausen

Vom Schloss wussten wir nichts. Für uns war das einfach der Wald, in dem wir spielten: Lünen-Alstedde und Lippholthausen, irgendwann Anfang der 1990er Jahre. Mit Freunden und Cousins streifte ich als Kind durch den Wald an der Lippe. Wir liefen über schmale Pfade, über Wiesen und zwischen den Bäumen hindurch und rollten mit Fahrrad oder Schlitten den »Buddenberg« hinunter. Was Kinder eben so machen, wenn es hinter der Siedlung bergab geht und ein Wald sich befindet, an dem sich die Lippe entlangschlängelt.

Dass wir dabei durch den ehemaligen Schlossgarten liefen, war uns nicht klar. Dass hier einmal ein großes Schloss gestanden hatte, ebenfalls nicht. Und erst recht nicht, dass sich an diesem Ort ein Mord ereignet hatte, Adolf Hitler hier gewesen war und das Gebäude später Künstlern als Arbeits- und Ausbildungsstätte gedient hatte.

Das Schloss selbst kannte ich zunächst nur aus Erzählungen meiner Großeltern und von alten Bildern. Eines davon war allerdings gar nicht so alt: Mein Onkel Otto Elsner hatte Schloss Buddenburg 1992 gemalt – vierzehn Jahre nach seinem Abriss. Ob ihm dabei eine historische Fotografie oder eine alte Postkarte als Vorlage diente, weiß ich nicht.

Sein Bild hing lange im Gästezimmer von Oma und Opa Heute hängt es bei mir:

Als ich 1983 auf die Welt kam, war Schloss Buddenburg nämlich bereits verschwunden. Einige Jahre zuvor war das baufällige Gebäude abgerissen worden. Und in meiner Kindheit erinnerte vor Ort (im Gegensatz zu heute) kaum noch etwas daran: Keine Ligusterhecke zeichnete den Grundriss nach, keine Informationstafeln erzählten die Geschichte. Was vom Schlosspark übrig geblieben war, hatte sich die Natur längst zurückgeholt…

Eine Burg an einer alten Grenze

Die alte Buddenburg lag am Nordufer in einer Lippeschleife, westlich von Lünen, im heutigen Stadtteil Lippholthausen. Im Mittelalter war dies eine politisch und territorial unruhige Gegend, um die sich hin und wieder gestritten wurde. Hier lagen die Grafschaften Mark und Dortmund, das kurkölnische Vest Recklinghausen und das Fürstbistum Münster dicht beieinander. Die Lippe war nicht nur ein Fluss, sondern über weite Strecken auch Grenze, Verkehrsweg und Hindernis. Schon die alten Römer nutzten den Fluss und waren am benachbarten Heikenberg kurzzeitig anwesend.

Der Name Buddenburg soll auf die Brüder Gottschalk und Gottfried Budde zurückgehen. Sie hatten gegen Ende des 13. Jahrhunderts nahe der Lippe ein festes Haus errichtet. Lange Bestand hatte diese erste Burg nicht: Im Jahr 1293 mussten die Brüder sie auf Anordnung der beteiligten Landesherren wieder abbrechen. Der Bau war offenbar ohne deren Zustimmung entstanden. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass an dieser Stelle keine neue Burg errichtet werden dürfe.

In der Urkunde dazu taucht allerdings die Buddenburg namentlich als solche nicht auf. Vielmehr ist ist von einer »Burg in Lippholthausen die Rede, die Gottfried Budde und sein gleichnamiger Sohn errichtet hatten«. Graf Eberhard von der Mark verpflichtete sich gegenüber dem Kölner Erzbischof, die Befestigung wieder abbrechen zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie nicht erneut errichtet wurde.«

1293 amtlich besiegelt: Die Befestigung der Brüder Budde in Lippholthausen muss abgebrochen werden.

Doch bereits 1330 wird erneut eine Buddenburg erwähnt. Ob dieser zweite Bau tatsächlich genau dort stand, wo zuvor die Burg der Brüder Budde gelegen hatte, weiß ich nicht genau. Mit der zweiten Buddenburg ist jedenfalls erstmals die Familie Frydag verbunden. In den Quellen erscheint ein Herr Evert Frydag, der sich später auch Evert Frydag von Buddenburg nannte.

Im Jahr 1349 erklärte Evert Frydag die Burg gegenüber Dortmund zum Offenhaus, sprich: Grafen und die Reichsstadt durften die Anlage im Kriegsfall als Stützpunkt nutzen. Rund achtzig Jahre später änderten sich die Bündnisse: 1432 stellte Johann Frydag die Buddenburg dem Grafen Gerhard von der Mark als Offenhaus zur Verfügung. Im 16. Jahrhundert gehörten die Buddenburg und ihr Umland schließlich selbst zur Grafschaft Mark. Aus dem Besitz entwickelte sich die »Herrlichkeit Buddenburg«, ein kleiner Gerichts- und Verwaltungsbezirk. Der jeweilige Herr von Frydag verfügte dort über die niedere Gerichtsbarkeit und ließ sich durch einen eigenen Richter vertreten. Für größere Rechtsangelegenheiten war der Magistrat der Stadt Lünen zuständig.

Übrigens, falls Sie, wie ich, über das Wort »Herrlichkeit« gestolpert sind: das meint weniger einen besonders schönen, herrlichen Landstrich, sondern ein schlicht einen räumlich begrenzter Herrschaftsbereich mit eigenen Rechten. Die Buddenburg war zugleich Mittelpunkt eines kleinen Herrschafts- und Gerichtsbezirks, zu dem Höfe, Abgaben und bestimmte Rechte gehörten.

Die Familie von Frydag blieb ungefähr sechs Jahrhunderte mit der Buddenburg verbunden. Sie gehörte zu den alten westfälischen Adelsfamilien. Ihre Beziehungen reichten nach Dortmund, Lünen und in weitere Teile Westfalens. Kirchlich gehörte die Familie zur Gemeinde Brechten, besaß aber auch einen eigenen Sitz und eine Begräbnisstätte in der Lüner Stadtkirche St. Georg.

Von den älteren Gebäuden der Buddenburg ist nur wenig bekannt. Einen Eindruck vermittelt ein Plan, der dem Landvermesser Detmar Mülher aus dem Jahr 1613 zugeschrieben wird. Darauf ist die Anlage von Wasser umgeben. Der Zugang erfolgte von Süden über eine Zugbrücke. Hinter der Brücke lag ein Torhaus. Das eigentliche Herrenhaus besaß einen hohen Giebel; daneben standen weitere Gebäude, die vermutlich wirtschaftlichen Zwecken dienten.

Die Lippe umfloss das Gelände ursprünglich in einem weiten Bogen. Nach Norden wurde die Burg durch eine Landwehr geschützt. Vermutlich handelte es sich also um Erdwälle, Gräben und dichten Bewuchs (oft mit vielen Dornen). Das ist natürlich kein Vergleich zu einer gemauerten Festungsmauer, erschwerte und verlangsamte aber dennoch das unbemerkte Durchqueren des Geländes. (Spuren von solchen Landwehren kann man heute übrigens noch in Brambauer am Ententeich erkennen, anderswo zumindest im Straßennamen »Landwehr« in Alstedde).

Später kam ein künstlich angelegter Wassergraben hinzu. Hintergrund waren offenbar wiederholte Truppendurchzüge während des Spanisch-Niederländischen Krieges. Zwischen 1584 und 1600 überquerten Soldaten mehrfach in der Nähe der Buddenburg die Lippe. Der zusätzliche Graben sollte die ungeschützte Nordseite der Anlage sichern.

Aus der alten Burg wird ein Schloss

Mitte des 19. Jahrhunderts genügte die alte Anlage offenbar nicht mehr den Ansprüchen ihrer Bewohner. Sie wurde 1845 abgebrochen. In unmittelbarer Nähe entstand 1846 ein repräsentativer Neubau im klassizistischen Stil. Die Bauleitung übernahm Ferdinand Zangerl aus Bork. Als architektonisches Vorbild soll Schloss Tegel bei Berlin gedient haben.

Dieser Neubau ist das Schloss, das auf den bekannten Fotografien und Postkarten zu sehen ist. Es gab ein zweigeschossiges Hauptgebäude mit einem rechteckigen Grundriss. An den Ecken befanden sich vier kleine Türme. Der mittlere Teil der Fassade mit dem Eingang war vorgezogen und wurde von einem Giebel mit den Wappen der Familien von Frydag und von Romberg bekrönt. Eine breite Freitreppe führte zum Eingang. An der Rückseite erhob sich ein runder Turm.

Grundriss des Schlosses, aufgenommen 1914. (Stadtarchiv Lünen)

Vor dem Hauptgebäude standen zwei kleinere, ebenfalls zweigeschossige Pavillons. In ihren Erdgeschossen befanden sich eine Wagenremise und ein Pferdestall. Die oberen Stockwerke enthielten Wohnungen für den Förster und den Kutscher.

Das Wappen der Familie Frydag über dem Portal, aufgenommen 1960, Unbekannter Fotograf (Quelle: Stadtarchiv Lünen)

Der umgebende Park war im englischen Stil gestaltet: mit geschwungenen Wegen, Baumgruppen, offenen Wiesen und wechselnden Blickachsen sollte es natürlich, organisch wirken. Also ein deutlicher Kontrast zu den streng geometrischen Parks des Barock, wie etwa am Schloss Nordkirchen. Manche der alten Wege sind übrigens bis heute erkennbar und gangbar. Vielleicht bin ich als Kind also über Wege gelaufen, die schon die Bewohner und Bediensteten des Schlosses benutzt hatten? Damals habe ich darüber nicht nachgedacht.

Das Ende der Familie von Frydag

Im Jahr 1902 starb Udo von Frydag, der letzte männliche Vertreter der Buddenburger Familienlinie. Er blieb kinderlos. Der Besitz fiel daraufhin an seinen Neffen Udo von Rüxleben, der wiederum 1908 starb.

Mord auf Schloss Buddenburg

Der Tod von Udo von Rüxleben klingt zunächst wie ein normaler Eintrag in einer Chronik. Allerdings verbirgt sich dahinter eine Geschichte, über die in den Zeitungen des ganzen Deutschen Reiches berichtet wurde: In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1908 wurde der 35-jährige Schlossherr nämlich von seiner eigenen Frau Wanda erschossen. Sie richtete die Waffe anschließend gegen sich selbst und starb wenig später ebenfalls an ihren Verletzungen.

Udo und Wanda von Rüxleben waren zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate verheiratet. Die Hochzeit hatte im November 1907 in Berlin stattgefunden. Wanda, eine geborene von Strombeck, war 26 Jahre alt. Was sich in jener Nacht genau zwischen den beiden abgespielt hat, lässt sich -zumindest für mich- nicht vollständig rekonstruieren. Dass Wanda auf ihren Mann schoss, ist ohne Zweifel. Bei den Gründen dafür wird es dagegen kompliziert…

Illustration von Wanda und Udo von Rünxleben (Quelle: Stadtarchiv Lünen)

Vielleicht hilft da zunächst ein bisschen geografischer Abstand. So beschreibt eine Meldung der Bergedorfer Zeitung (Hamburg!) vom 5. Mai 1908, Udo von Rüxleben habe am Abend einen Freund, den Freiherrn von Romberg auf Schloss Buldern, besucht und sei gegen ein Uhr nachts nach Buddenburg zurückgekehrt. Nach einem kurzen Wortwechsel zwischen den Eheleuten habe Wanda mit einem Revolver viermal auf ihren Mann geschossen. Die Kugeln trafen ihn nach dieser Darstellung in Kopf und Brust; er starb noch am Tatort. Anschließend schoss Wanda zweimal auf sich selbst. Auch das Hauspersonal, das durch die Schüsse geweckt worden sein soll, findet sich bereits in diesen frühen Berichten.

Im selben Artikel heißt es zunächst noch, das Motiv sei nicht festgestellt worden, weil Wanda nicht vernehmungsfähig gewesen sei. Nur wenige Absätze später wird dagegen bereits eine beinahe lückenlose Erklärung geliefert: Wanda sei krankhaft eifersüchtig gewesen, habe ihrem Mann eine Geliebte unterstellt und die Tat schon länger geplant. Sie soll die Türen im Wohnbereich verschlossen und mit dem geladenen Revolver auf seine Rückkehr gewartet haben. Die Zeitung behauptete sogar ausdrücklich, Udo habe in Wirklichkeit überhaupt keine Geliebte gehabt.

Andere Zeitungen berichteten wenige Tage später jedoch genau das Gegenteil. Im Merseburger Korrespondenten hieß es am 8. Mai, Wandas Eifersucht sei »nicht ganz unbegründet« gewesen. Was damit konkret gemeint war und worauf diese Einschätzung beruhte, wird allerdings nicht erklärt. Und so ist es, wie es immer ist: die einen schreiben so, die anderen so, dabei war keiner. In der einen Zeitung war Udo der gesellige, aber treue Ehemann und Wanda eine maßlos eifersüchtige Frau; in der anderen hatte ihre Eifersucht zumindest einen Anlass.

Auch andere Einzelheiten passen nicht immer zusammen. Selbst die Bergedorfer Zeitung widerspricht sich innerhalb ihres Berichts beim Zeitpunkt von Wandas Tod. Einmal heißt es, sie sei bereits in der Nacht zum Sonntag gestorben, später ist davon die Rede, sie sei ihren Verletzungen erst nach 48 Stunden erlegen.

Eine weitere Geschichte betrifft Udo von Rüxlebens Testament. Zeitgenössische Berichte behaupteten, er habe kurz vor seinem Tod ein neues Testament verfasst und darin seinen Bruder zum Erben eingesetzt. Einige Zeitungen deuteten dies sogar als eine Art Todesahnung. Spätere Meldungen versuchten wiederum, diese angebliche Vorahnung durch einen heftigen Ehestreit kurz vor der Tat zu erklären. Ob Wanda von dem Testament wusste und ob es für die Auseinandersetzung überhaupt eine Rolle spielte, kann ich bislang nicht sicher feststellen. Sicher ist dagegen, dass nach Udos Tod tatsächlich sein Bruder Otto von Rüxleben den Besitz übernahm.

Viele Fragen bleiben mir, aber so ging es wohl bisher allen, die sich mit diesem Mordfall beschäftigten. Besonders ausführlich hat ihn die Lüner Autorin Sabine Grimm untersucht. Ihr Buch »Der Buddenburg-Mord« erschien erstmals 2010 und wurde 2014 nochmal überarbeitet. Denn erst nach der Buchveröffentlichung erhielt sie nach eigenen Angaben von einer Nachfahrin der Familie des Ermordeten eine Familienchronik, die weitere Einzelheiten enthielt. Grimm sammelte außerdem zeitgenössische Berichte und Überlieferungen und versuchte daraus die Geschichte des Ehepaares zu rekonstruieren. Ihr Buch verwendet allerdings selbst die Bezeichnung »Doppelmord«. Genau genommen handelt es sich nach der bekannten Abfolge eher um einen Mord mit anschließendem Suizid: Wanda erschoss ihren Mann und verletzte danach sich selbst tödlich.

Im August 2026 nahm Sylvia vom Hofe von den Ruhr Nachrichten (Artikel hinter Bezahlschranke) den Fall noch einmal auf. Auch sie arbeitete mit den Zeitungsberichten von 1908 und ging unter anderem der Tatwaffe, Aussagen aus dem Umfeld, dem Testament, der Beerdigung und Wandas früher veröffentlichten Gedichten nach.

Daneben taucht die Geschichte in älteren Darstellungen zur Buddenburg auf. Fredy Niklowitz (Lünens Stadtarchivar i.R.) behandelte das Haus bereits 2000 in der vom Museum und Stadtarchiv Lünen herausgegebenen Schrift Haus Buddenburg. Seine Arbeit gehört zu den wichtigen Grundlagen für die allgemeine Geschichte des Schlosses; eine eigenständige Untersuchung des Mordfalls wie bei Grimm ist sie jedoch nicht. Noch ältere Literatur zur Buddenburg reicht bis zu Karl-Heinz Ludwigs Manuskript von 1948 und August Meininghaus‘ Untersuchung zur ältesten Geschichte der Burg von 1917 zurück.

Doch wer auch immer schon darüber geschrieben hat, der Kern dieser Geschichte bleibt ohne Zweifel: Am frühen Morgen des 2. Mai 1908 erschoss Wanda von Rüxleben ihren Mann Udo auf Schloss Buddenburg und fügte sich anschließend selbst tödliche Verletzungen zu. Die Frage nach dem Warum bleibt spekulativ.

Udo von Rüxleben wurde in der Familiengruft auf Buddenburg beigesetzt. Wanda soll sich gewünscht haben, ebenfalls dort bestattet zu werden. Die Familie lehnte dies nach einem Zeitungsbericht jedoch ab; ihr Leichnam wurde nach Berlin überführt. Wo genau die Familiengruft auf dem Gelände war, konnte ich allerdings nicht herausfinden.

Das Schloss wird weltlich

Nach Udos Tod erbte sein Bruder Otto von Rüxleben das Anwesen. Wie es die ersten Jahre danach weiterging, darüber ist nichts überliefert, zumindest nicht bis 1913: in dem Jahr verkaufte Otto einen großen Teil des Besitzes an die Stadt Lünen. Damit endete nach ungefähr sechs Jahrhunderten die unmittelbare Verbindung der Familie von Frydag mit der Buddenburg.

Das alte Schlossarchiv

Als die Stadt Lünen 1913 Buddenburg erwarb, sollte auch das alte Hausarchiv in ihren Besitz übergehen. Doch trotz einer entsprechenden Absprache mit Otto wurden die Unterlagen nicht übergeben. Jahrelange Bemühungen des Historikers Josef Lappe blieben zunächst erfolglos. Offenbar hatte von Rüxleben zumindest einen Teil der Urkunden an den Lüner Althändler Sally Bendix verkauft. 1926 bot dessen Sohn die Stücke verschiedenen Städten zum Kauf an. Auf Lappes dringenden Rat konnte Lünen schließlich 67 Urkunden für jeweils zehn Reichsmark zurückkaufen. Weitere Dokumente tauchten erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Andere Teile des einst umfangreichen Buddenburger Archivs gelangten an andere Orte oder blieben verloren; darunter vor allem jene Akten über den Schlossneubau von 1846/47.

Ausflugsziel Buddenburg

Das Schloss selbst soll nach dem Verkauf an die Stadt Lünen einem Dortmunder Bürger als Sommersitz gedient haben, jedoch konnte ich dazu nichts Genaueres finden. 1919 gab es Pläne, ein Hotel oder Kurhaus im Schloss einzurichten. Aus heutiger Sicht mag das auf den ersten Gedanken völlig abwegig klingen, aber Lippholthausen war damals noch nicht von Industrie geprägt. Es gab kein Lippewerk und kein Kohlekraftwerk. Im Gegenteil: vor allem die nahe gelegene Quelle (der »Lüner Brunnen«) lockten immer noch Ausflügler an, wenngleich an die Wirkung eines Jungbrunnen zu der Zeit niemand mehr glaubte.

Auf einem Luftbild von 1926 erkennt man gut das Schloss, besonders aber auch die auf dem anderen Ufer liegenden Wirtschaftsgebäude. Felder und Bäume drumherum, aber keine Industrie. Was mir noch auf diesem Luftbild auffällt: Es gibt gar keine Brücke?!

RVR, 1926, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 
Ein Paar (?) ließ sich 1922 vor dem Schloss fotografieren. Wer die Personen oder der Fotograf sind, ist nicht bekannt. (Quelle: Stadtarchiv Lünen). Die Schuhe der Dame sind auch interessant…

Wie auch immer: Hotel oder Kurhaus wurden damals nicht verwirklicht. Das Gebäude stand anschließend längere Zeit wohl weitgehend leer und blieb im Besitz der Stadt Lünen.

Aber ein bisschen Ausflugsziel wurde das Schloss dennoch. 1926 kaufte der Essener Drogist August Krüger zwei motorisierte Ausflugsboote. Sie erhielten die Namen »Tante Martha« und »Lünen« und ankerten »Im Hagen«, gegenüber der damaligen Metallwarenfabrik Quitmann (wo heute das Lippezentrum steht, also noch vor der Brücke der Fußgängerzone). Der Name »Tante Martha« soll auf Krügers Ehefrau Martha zurückgehen, die nach einer im Stadtarchiv überlieferten Erinnerung besonders bei Kindern beliebt war. Von dort fuhren die Boote die Lippe hinab nach Lippholthausen und zur Buddenburg. Sonntags verkehrten sie im Halbstundentakt, bei gutem Wetter zusätzlich am Mittwochnachmittag.

Koloration von Friedhelm Eschner

Zehn Jahre dauerte dieser Ausflugsverkehr. Für viele Familien war dies ein beliebter Tagesausflug. Bootsfahrt, Schloss, anschließend am Lüner Brunnen oder einer anderen Gaststätte einkehren. Erst Ende 1936 war damit Schluss: Im Zuge der Eindeichung und Umgestaltung der Lippe wurde die Schifffahrt eingestellt, »Tante Martha« und »Lünen« kamen anschließend auf den Sorpesee.

Schloss Buddenburg im Nationalsozialismus

Und noch etwas änderte sich schon 1934: Die Stadt Lünen verpachtete die Buddenburg ab dem 10. Januar 1934 an den »Freiwilligen Arbeitsdienst« (FAD), dem Vorläufer des später eingerichteten Reichsarbeitsdienstes (RAD). Laut zeitgenössischen Berichten richtete der FAD eine Bezirksarbeitsdienstführerschule ein. Hinter dem sperrigen Wort verbirgt sich, dass hier nicht nur ein Arbeiterlager war, sondern vielmehr Führungskräfte für den Arbeitsdienst ausgebildet wurden.

Dazu wurden auf dem gegenüberliegenden Flussufer der Lippe, neben den Wirtschaftsgebäuden, Baracken und Lager errichtet. Für den Bau wurde auch eigens eine Schmalspur-Feldbahn zum Transport der Baumaterialien installiert. Es folgte ebenso ein Schießstand an der Moltkestraße.

Bau der Feldbahn, aufgenommen vom Justus Pabst (Quelle: Stadtarchiv Lünen). Der genaue Aufnahmestandort ist unbekannt, ich frage mich aber, was für eine Erhebung rechts im Hintergrund sein könnte oder ob es sich doch nur um Wald in der Ferne handelt?
Die Unterkünfte des Reichsarbeitsdienstes, aufgenommen von Justus Pabst 1938 (Quelle: Stadtarchiv Lünen). Das Schloss befand sich hinter Pabsts Aufnahmestandort.
Das Kameradschaftsheim, vermutlich vormals die Orangerie des Schlosses. Genauer Standort und Fotograf unbekannt. (Quelle: Stadtarchiv Lünen)
Erweiterungen durch den FAD/RAD.
Luftbild: RVR, 1952, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 , eigene Bearbeitung
Vorplatz und Wirtschaftsgebäude ca. 1936 von Justus-Pabst aufgenommen. Im Hintergrund deutlich erkennbar ist die Zeche Minister Achenbach Schacht IV in Brambauer sowie (wenn man genau hinschaut) der Kirchturm der Herz-Jesu Kirche Brambauer.

Hitlers Besuch im Juni 1934

Am 29. Juni 1934 bekam die Buddenburg dann prominenten Besuch: Adolf Hitler kam nach Lippholthausen, um die Führerschule und anschließend weitere Einrichtungen des Arbeitsdienstes in Westfalen zu besichtigen. Für Hitler war es offenbar der erste offizielle Besuch einer solchen Einrichtung. Die Reise war offenbar kurzfristig angesetzt worden und auch die Reisepläne danach wurden ebenso kurzfristig geändert. Zu den Gründen später mehr.

Bleiben wir zunächst bei diesem 29. Juni, einem Freitag: Schon am frühen Morgen liefen die Vorbereitungen. Gegen 7.30 Uhr wurde das Spalier des Freiwilligen Arbeitsdienstes aufgestellt. Vor dem Schloss nahmen die Lehrabteilungen sowie Ehrenformationen von SA und SS Aufstellung. Unter den anwesenden Funktionären befanden sich Konstantin Hierl, der den Arbeitsdienst führte, die Gauleiter Josef Wagner und Alfred Meyer sowie weitere Führer von SA, SS und Arbeitsdienst. Hitler kam aus Essen. Seine Ankunft verzögerte sich zunächst; während die Männer auf der Buddenburg warteten, regnete es stark. Erst gegen zehn Uhr besserte sich das Wetter.

Hitler und Schloss Buddenburg, 1934, unbekannter Fotograf. (Quelle: Stadtarchiv Lünen)

Auf einem der erhaltenen Fotos sieht man die Inszenierung dieses Besuchs besonders deutlich. Vor der großen Freitreppe stehen Uniformierte in langen Reihen, während sich auf den Stufen zahlreiche Funktionäre versammelt haben.

Nach dem Empfang besichtigte Hitler die Lehr- und Unterkunftsräume der Schule. Außerdem wurden ihm sportliche Übungen einer Arbeitsdienstabteilung vorgeführt. Im Mittelpunkt der Berichterstattung in den Zeitungen stand dabei auch Konstantin Hierl: Hitler lobte ihn auf der Buddenburg öffentlich für den Aufbau des nationalsozialistischen Arbeitsdienstes und kündigte seine weitere Aufwertung an. (Nur wenige Tage später, am 3. Juli 1934, wurde Hierl zum Reichskommissar für den Arbeitsdienst ernannt). Der Besuch auf der Buddenburg war damit jedenfalls mehr als ein rein lokaler Termin und stand wohl im Zusammenhang mit der politischen Aufwertung des Arbeitsdienstes.

Dabei muss man berücksichtigen, dass diese Berichte darüber natürlich Teil der nationalsozialistischen Propaganda waren. Sie schilderten begeisterte Menschen an den Straßen, die Leistungen der Arbeitsdienstmänner und Hitlers Anerkennung für deren Arbeit in entsprechend überschwänglicher Sprache. Kurios wirkte auf mich daher zunächst ein anderer Foto-Fund im Stadtarchiv Lünen: Hitler steht hier nicht vor angetretenen Formationen, sondern inmitten einer Gruppe von Männern und scheint zu scherzen. Er beugt sich im Gespräch zu einem von ihnen hinüber, während mehrere der Umstehenden lachen. Bei dem Mann dürfte es sich wohl um Konstantin Hierl handeln.

Nun noch einmal zum Datum, denn jetzt wird es interessant: Der Besuch auf der Buddenburg fand wie genannt am 29. Juni 1934 statt. Einen Tag später begann die Mordaktion gegen die SA-Führung um Ernst Röhm und weitere tatsächliche oder vermeintliche Gegner Hitlers, die von den Nationalsozialisten später als »Röhm-Putsch« bezeichnet wurde. Die historische Forschung geht davon aus, dass Hitler die Besichtigung der Buddenburg und weiterer Arbeitsdienstlager kurzfristig angesetzt hatte. Wolfgang Benz beschrieb bereits 1968 den Besuch als demonstratives Zeichen von Hitlers Interesse am Arbeitsdienst. Andere Untersuchungen gehen noch weiter und berichten, dass Hierl im Zusammenhang mit dem Besuch über die bevorstehende Ausschaltung der SA-Führung informiert wurde. Wann genau Hitler mit ihm darüber sprach, wird allerdings unterschiedlich dargestellt. Hierls eigene spätere Erinnerungen verlegen ein entsprechendes Gespräch nach Bad Godesberg. Das bedeutet: Es kann sein, dass Hierl bereits auf der Buddenburg über die anstehenden Morde informiert wurde, oder doch erst in Bad Godesberg. Eindeutig lässt es sich für mich nicht rekonstruieren.

Was sich aber rekonstruieren lässt, ist der ungefähre zeitliche und geografische Ablauf von Hitlers Reiseroute, bevor er in München ankam:

Wie das nun alles wirklich zusammen hängt, vermag ich nicht zu beantworten. Einen direkten Zusammenhang zwischen dem Buddenburg-Besuch und der am nächsten Tag stattfindenden Putsch-Inszenierung, bei der neben SA-Führern auch andere politische Gegner und missliebige Personen getötet wurden, sehe ich nicht. Aber zumindest erschien es Hitler aus irgendeinem Grund wichtig, kurzfristig auf der Buddenburg vorbeizusehen und danach die Route abzuändern, damit er rechtzeitig in München ist.

1935 wurde der Reichsarbeitsdienst (RAD) schließlich gesetzlich eingeführt und der FAD ging darin auf. Auch die Schule auf Schloss Buddenburg bestand weiter und wurde später als Feldmeisterschule genutzt. Der Arbeitsdienst wurde dabei zunehmend militärisch geprägt. Doch noch mehr: die »Feierstunden des Deutschseins« wurden auf der Buddenburg gefeiert.

»Deutsche Freilichtspiele« auf Schloss Buddenburg

Zur Nutzung der Buddenburg während der Zeit des Nationalsozialismus gehörte nämlich auch eine große Freilichtbühne. Sie befand sich unmittelbar auf der Rückseite des Schlosses (Nordseite). Auf einem Foto aus dem Stadtarchiv ist zu erkennen, dass das Gebäude selbst dabei Teil der Kulisse wurde.

Festspiele 1939. (Foto: Stadtarchiv Lünen)

Vor der Schlossfassade entstand eine aufwendige Bühnenanlage mit Mauern, Treppen und großen Wappen, die ans Mittelalter erinnert. Davor fanden mehrere hundert, vielleicht auch deutlich mehr Zuschauer Platz, offenbar am Tag der Aufnahme überwiegend Kinder. Über das Programm habe ich bislang leider nur wenig herausfinden können, weder von wann bis wann, noch wie oft diese Spiele stattfanden. Sicher belegt ist nur eine 1939 in Lünen erschienene Schrift mit dem Titel Feierstunden des Deutschseins. Freilichtspiele Schloss Buddenburg/Lünen. Sie wird zumindest in der Literaturübersicht des LWL zu Haus Buddenburg aufgeführt. Darüber hinaus wurden lt. Fredy Niklowitz »Hutten der Rebel«, »Egmont« und »Till Eulenspiegel« aufgeführt.

Vom Schlosspark zum Industriestandort

Parallel zum Auf- bzw. Ausbau des Lagers begann in unmittelbarer Nähe des Schlossparks der Bau des Lippewerks 1937. Bauherr waren die Vereinigten Aluminium-Werke, kurz VAW. Bereits 1938 nahm das Werk die Produktion auf. Es stellte aus dem eingeführten Rohstoff Bauxit zunächst Aluminiumoxid und daraus schließlich Aluminium her. Das neue Werk gehörte zum starken Ausbau der deutschen Aluminiumproduktion in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Aluminium war besonders wichtig für den Bau von (Kampf-)Flugzeugen.

Wo zuvor der Schlosspark in die Lippeaue überging, entstanden nun Werkhallen, Gleise, technische Anlagen und ein Kohlekraftwerk mit Lippe-Wehr. Hier im Schloss also die Kaderschmiede für den NS-Arbeitsdienst, und nebenan auf dem Lippewerk Aluminiumproduktion für die Aufrüstung bzw. Kriegsvorbereitung.

Die letzten Kriegsjahre

In den letzten Kriegsjahren wurde aus der Feldschule ein Wehrertüchtigungslager. Den Krieg selbst überstand die Buddenburg scheinbar unbeschadet, trotz umfangreicher Bombenabwürfe auf das Lüner Stadtgebiet und hier besonders das Lippewerk und die nicht weit entfernte Zeche Minister Achenbach. Etwa einen Kilometer nördlich stand eine Flakstellung und ca. anderthalb Kilometer südlich eine zweite Flakstellung; an der Moltkestraße befanden sich Flakscheinwerfer.

Auf den Kriegsluftbildern der Alliierten (die nach den Bombenabwürfen aufgenommen wurden und die ich aus urheberrechtlichen Gründen hier leider nicht zeigen kann) scheint das Schloss selbst nicht getroffen zu sein. Die Baracken des RAD haben ein oder zwei Treffer abbekommen, einige Meter daneben sieht man deutlich eine Spur von 12 Bombenkratern eines Flugzeuges, die ihr Ziel verfehlt haben.

Kurzer Einschub an dieser Stelle: Interessant ist in dem Zusammenhang für mich persönlich, dass auch einige Blindgänger im Boden lagen. Denn 2005 hatte ich im Rahmen meiner Ausbildung bei der Stadtverwaltung Lünen die Gelegenheit, bei einer solchen Blindgänger-Entschärfung dabei zu sein. Die Bombe lag ca. 300 Meter südwestlich von Schloss Buddenburg und musste für den Bau des Biomassekraftwerkes (BMK) entschärft werden. Aufgrund meiner Ortskenntnis war ich für die Sicherung zweier Wege am Rande des Schlossparks zuständig. Am Ende ging alles gut und es war absolut spannend. Es war nur Schweinekalt an diesem verschneiten Wintertag im Schlosspark, sich die Beine in den Bauch zu stehen.

Zurück zu den letzten Kriegstagen: Beim benachbarten Lippewerk wurden während des Krieges ausländische Arbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt. Für 1944 ist dort ein eigenes Kriegsgefangenenlager nachgewiesen. In Unterlagen des Stadtarchivs Lünen aus dem Jahr 1945 tauchen außerdem ein »Russenlager« am Lippewerk sowie Plünderungen beim Schloss Buddenburg auf. Ob sich das Gefangenenlager unmittelbar auf dem Schlossgelände befand, geht daraus nicht hervor.

Von der Feldschule zur Kunstschule

Nach Kriegsende bekam das Schloss zunächst eine ganz andere Aufgabe. Zeitweise wurden dort Vertriebene und Wohnungslose untergebracht; außerdem wird eine Schule für Spätaussiedler genannt. Aus der ehemaligen Führerschule des Arbeitsdienstes war damit zunächst eine Notunterkunft geworden.

Schon bald zog jedoch wieder eine Schule in die alten Räume ein – diesmal eine völlig andere. Die Dortmunder »Meisterschule des Deutschen Handwerks«, aus der später die Werkkunstschule Dortmund hervorging, musste nach der Zerstörung ihres Dortmunder Gebäudes einen neuen Standort finden. Von 1946 an wurde Schloss Buddenburg für rund zehn Jahre zu ihrem Ausweichquartier. Die Quellen nennen für den Aufenthalt meist die Jahre 1946 bis 1955; andere Darstellungen reichen bis 1956.

Schloss Buddenburg Innen im Jahr 1961. Unbekannter Fotograf. Quelle: Stadtarchiv Lünen

Unterrichtet wurden unter anderem Malerei, Grafik, Bildhauerei, Textilgestaltung sowie Bau und Raum. Zu den Lehrern gehörten später bekannte Künstler wie Gustav Deppe und der Bildhauer Karel Niestrath (bekannt u.a. durch das Mahnmal Bitterfeld in Dortmund). Niestraths eigene Arbeiten waren während des Nationalsozialismus als »entartete Kunst« verfolgt und aus Museen entfernt worden. Das ist schon ein bemerkenswerter Wechsel: Wo zuvor also Arbeitsdienstführer ausgebildet und Jugendliche militärisch vorbereitet worden waren, saßen nun junge Künstler in den Räumen und arbeiteten an Gemälden, Grafiken und Skulpturen, die zuvor verabscheut wurden.

Auch einige der Schüler blieben später mit Lünen verbunden. Der Bildhauer Anselm Treese studierte von 1953 bis 1956 auf der Buddenburg bei Karel Niestrath. Nach dem Ende seiner Ausbildung blieb er in Lünen und schuf hier zahlreiche Arbeiten für den öffentlichen Raum.

Mitte der 1950er Jahre kehrte die Schule schließlich nach Dortmund zurück. Damit endete auch diese ungewöhnliche Phase der Buddenburg. Von 1958 bis 1965 nutzte eine Förderschule für Spätaussiedler das Gebäude.

Schloss Buddenburg auf einem Luftbild von 1975. Verfasser unbekannt. Quelle: Stadtarchiv Lünen
Die Wirtschaftsgebäude und alles andere auf dem gegenüberliegenden Lippeufer sind bereits abgerissen. Oben links am Rand die Heinrich-Imbusch-Straße, wo ich als Kind gewohnt habe.

1969 erwarben die Vereinigten Aluminium-Werke das Schloss und die zugehörigen Ländereien. Das nahe Lippewerk hatte die Umgebung bereits stark verändert. Teile des Schlosses wurden zunächst als Wohnungen für ausländische Arbeiter genutzt. Gleichzeitig verschlechterte sich der bauliche Zustand zunehmend.

Im November 1977 wurden schließlich das Hauptgebäude und die beiden Seitenpavillons abgerissen. Die südlich der Lippe gelegenen Wirtschaftsgebäude waren bereits in den 1960er-Jahren verschwunden.

Von Ulrich Grepel – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1134381

Die Buddenburg hatte bis zum Abriss also innerhalb weniger Jahrzehnte völlig unterschiedliche Bewohner erlebt: eine Adelsfamilie, Schüler des Arbeitsdienstes, Jugendliche in militärischer Ausbildung, Flüchtlinge, Kunststudierende und Spätaussiedler.

Und dann kommt 1966 noch eine Rockband hinzu: Die Lünener »Boy Scouts« nutzen das Schloss als Kulisse für ihre Bandfotos. Die Gruppe war im selben Jahr aus Mitgliedern der Pfadfindergruppe »Stamm Goldener Löwe« des Bundes Deutscher Pfadfinder entstanden. Mit Gitarren, Schlagzeug, Verstärker und einem Renault posierten die jungen Musiker vor dem Schloss. (Fotos siehe hier bei Gerd Borchert )

Heute: Eine Hecke zeichnet das Schloss nach

Kommt man heute zum ehemaligen Schlossplatz, sieht man zunächst eine offenen Grünfläche zwischen den Bäumen, zu der eine Treppe und ein Weg führen. Dahinter erhebt sich eine hohe Hecke. Alte Bäume und dichter Bewuchs begrenzen den Blick. Informationstafeln zeigen historische Ansichten und den Grundriss der Anlage. Obwohl das Schloss abgerissen ist, lässt sich seine Form trotzdem noch ablesen, wenn man genauer auf die Hecke schaut: Der Förderverein für Kunst und Kultur Lünen ließ entlang der früheren Außenmauern des Hauptgebäudes und der beiden Pavillons eine Ligusterhecke pflanzen. Auf einer Gesamtlänge von 256 Metern zeichnet sie den Grundriss der Schlossanlage nach. Die Anpflanzung entstand 2006 und 2007.

RVR, 2025, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 

Eine schöne Sache! Die Hecke versucht natürlich nicht, völlig exakt den Grundriss nachzubauen (dazu fehlen ja auch die Räume), sie gibt aber einen guten Eindruck von den Ausmaßen der Gebäude. So kann man an ihr entlanggehen und sich vorstellen, wo die Fassade verlief, wo die Seitenpavillons standen und wie weit sich die Anlage ausdehnte. Der leere Innenraum gehört dabei ebenso zur Erinnerung wie die Hecke selbst. Sogar Fenster sind angedeutet und ein übergroßes Holzbett ist aufgestellt.

Zudem erzählen auch kleine Metalltafeln im ehemaligen Schlosspark von der Buddenburg. Eine davon lässt den Baumeister Ferdinand Zangerl selbst zu Wort kommen: »Ich bin sehr stolz darauf, dass ich […] das Schloss Buddenburg 1845 im klassizistischen Stil erbauen durfte.« Dabei handelt es sich allerdings offenbar nicht um ein überliefertes Zitat Zangerls, sondern um eine moderne, für den Rundweg verfasste Rollenrede.

Einen kuriosen Nebeneffekt bekam die Heckenanlage 2020. Im damals neuen Microsoft Flight Simulator tauchte an der Stelle der längst abgerissenen Buddenburg plötzlich wieder ein Gebäude auf. Der Simulator erzeugte einen großen Teil seiner dreidimensionalen Bebauung nämlich automatisch aus Luft- und Satellitenbildern und vermutlich wurde dabei die Heckenanlage mit dem nachgestellten Grundriss als Gebäude interpretiert.

Das Ergebnis hatte mit dem historischen Schloss zwar überhaupt keine Ähnlichkeit – stand aber ziemlich genau dort, wo es einst gestanden hatte. Ausgerechnet die Hecke, die an das verschwundene Schloss erinnern soll, ließ die Buddenburg so zumindest virtuell wieder auferstehen. In einem Artikel über Lünen und Selm im Flight Simulator schrieb ich im August 2020 passend dazu nur kurz: »Schloss Buddenburg (1977 abgerissen) ist auch wieder auferstanden…«.

Die Buddenburg ist im Microsoft Flight Simulator 2020 wieder auferstanden… 😉

Von den alten Wirtschaftsgebäude oder den Baracken des RAD ist nichts mehr erhalten oder sichtbar. Teilweise wurde ein Deich darüber gebaut, teilweise liegt es auf dem Gelände des Lippenwerkes, vieles ist einfach von Natur überwuchert.

Fotomontage: Vom RAD-Lager ist 2026 nichts mehr erkennbar

Was aber tatsächlich noch da ist, ist der Schlosspark. Wenngleich er mangels Pflege mehr einem Wald gleicht. Aber man findet sie noch, die Stellen, an denen keine bis wenige Bäume stehen, weil dort früher die Rasenflächen waren. Manche Wege sind gut gangbar; andere im Dickicht verschwunden. Sogar eine Bank stand noch viele Jahre zwischen den Bäumen, aber die ist mittlerweile verfallen bzw. zerstört worden. Auch die Landwehr ist an manchen Stellen noch im Ansatz erkennbar.

Weitere Spuren finden sich in der näheren Umgebung: Die Schloßallee und die Frydagstraße bewahren die Namen der Anlage und ihrer früheren Besitzer. Südlich der Lippe steht noch die Schlossmühle mit einem Teil des ursprünglichen Schlossteiches. Das heutige Gebäude wurde 1760 im Auftrag Wessel Giesberts von Frydag errichtet. Bis 1930 wurde dort Korn gemahlen; heute kann dort geheiratet werden.

Auch die Lippe hat sich verändert. Am Wehr Buddenburg entstand 2003 ein naturnah gestalteter Fischaufstieg, auch »Lachstreppe« genannt. Er ermöglicht Fischen, das Wehr über ein längeres, flacheres Nebengerinne zu umgehen. Untersuchungen zeigten anschließend, dass die in diesem Abschnitt vorkommenden Fischarten die Anlage finden und tatsächlich überwinden konnten. 2021 wurde das Kohlekraftwerk abgerissen, während das Lippewerk weiter gewachsen ist.

Für das Titelbild dieses Artikels habe ich übrigens versucht, eine alte Aufnahme des Schlosses möglichst genau an ihrem früheren Standort in die heutige Landschaft zu halten. Ganz funktioniert das nicht mehr. Die damalige Brücke existiert nicht mehr, die heutige liegt etwas versetzt, und dort, wo man für den ursprünglichen Blick eigentlich stehen müsste, versperren inzwischen Bäume und dichter Bewuchs die Sicht.

Bäume versperren die Sicht auf den Standort und die Brücke befindet sich heute einige Meter weiter links, als auf dem historischen Foto

Also blieb nur der bestmögliche Kompromiss. Vielleicht passt aber gerade das ganz gut: Das Schloss lässt sich heute eben nicht mehr vollständig in die Landschaft zurückholen.

Mittelalterliche Grenzpolitik, adelige Herrschaft, ein Mord, Nationalsozialismus, Industrie, Kunst und Naturschutz – all das gehört zur Geschichte eines Ortes, der für mich als Kind einfach nur Wald war.

Ich habe keine eigene Erinnerung an Schloss Buddenburg. Als ich auf die Welt kam, war es bereits verschwunden. Meine Erinnerung an diesen Ort beginnt erst danach: mit dem Wald, den Wegen und den Erzählungen meiner Großeltern. Und mit dem gemalten Schloss im Gästezimmer meines Opas.

Heute weiß ich sehr viel mehr über den Ort – und das Bild hängt inzwischen bei mir. Das Schloss, das ich nie sah, ist also trotzdem immer ganz in meiner Nähe.

Quellen / zum Weiterlesen:

Die persönlichen Erinnerungen, die Angaben zum Gemälde von Otto Elsner sowie die Hinweise auf die eigene Fotosammlung und Friedhelm Eschner stammen von mir. Für die historischen Abschnitte wurden insbesondere folgende Quellen verwendet:

Stadt Lünen, Stadtarchiv: Bestände des Stadtarchivs, Abschnitt Haus Buddenburg. Enthält Angaben zur ersten Burg, zur Familie von Frydag, zum Verkauf an die Stadt und zum Archivbestand; sowie die Fotosammlung. An die Kolleginnen dort geht mein besonderer Dank für die Unterstützung mit Material!

Stadt Lünen: Ausflugsziele – Schlossmühle Lippholthausen. Angaben zum heutigen Mühlengebäude und zu seiner Nutzung.

Fredy Niklowitz: Haus Buddenburg. Informationen aus dem Museum der Stadt Lünen, Heft 20, Lünen 2000. Enthält eine ausführliche Darstellung der Burg- und Schlossgeschichte, der verschiedenen Nutzungen sowie der heutigen Erinnerungszeichen.

Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Buddenburg, Haus. Eintrag im Internet-Portal Westfälische Geschichte mit Angaben zur Lage, zur Herrlichkeit Buddenburg, zur Familie von Frydag und zu den Archivbeständen.(https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/urkunden_datenbank/suche/vollansicht_archiv.php?id=63)

Landschaftsverband Westfalen-Lippe / LWL-GeodatenKultur: Gedenkstätte Schloss Buddenburg, Lünen-Lippholthausen (https://www.lwl.org/geodatenkultur/objekt/268696)

Projekt Verwischte Spuren: Bäckerstraße / Hitler in Lünen. Angaben zum Besuch Hitlers am 29. Juni 1934 und zur Nutzung der Buddenburg durch den Arbeitsdienst.

Dr. Peter Löffler, Zur Geschichte des Stadtarchivs Lünen, erschienen 1981 in: Archivpflege in Westfalen und Lippe, Heft 15. (https://www.lwl.org/waa-download/archivpflege1_49/Heft_15_1981.pdf)

Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen: Mehr Leben für die Lippe, Stand September 2008. Angaben zum 2003 errichteten Fischaufstieg am Wehr Buddenburg und zu den anschließenden Untersuchungen.

Stadtmagazin Lünen, Artikel: »Die Lippe – Liebe, Leid und Lebenslust«, in Ausgabe 100 (4/2018)
(https://www.stadtmag.de/cms/luenen/ausgabe-100-seite-5.html)

Sabine Grimm, »Der Buddenburg-Mord«

Sylvia vom Hofe, Ruhr Nachrichten Lünen vom 30.08.2026, Artikel: »Ehedrama auf Schloss Buddenburg -Als Wanda von Rüxleben (26) ihren Mann erschießt und selbst stirbt«(https://www.ruhrnachrichten.de/luenen/ehedrama-wanda-von-ruexleben-mord-schloss-buddenburg-1908-liebe-tragoedie-w1175363-2002023486/)

Bergedorfer Zeitung und Anzeiger vom 05.Mai 1908, Artikel »Ehetragödie auf Schloss Buddenburg«

Wolfgang Benz, »Vom Freiwilligen Arbeitsdienst zur Arbeitsdienstpflicht«. In: Vierteljahreshefte zur Zeitgeschichte, 16. Jahrgang 1968, 4. Heft Oktober, (https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1968_4.pdf)

Fotos, soweit nicht extra gekennzeichnet: Stadtarchiv Lünen und Friedhelm Eschner, sonst von mir selbst.