»Wer sonst könnte diese riesigen Gräber errichtet haben, wenn nicht Riesen selbst? Es waren die Hünen, die mit übermenschlicher Kraft die als unbesiegbar geltenden Römischen Legionen vertrieben!
Seit jener Zeit wandern sie zwischem dem Heikenberge und dem Struckmannsberge auf Ihrem Hünnenpad hin und her, geben einander Signale und backen gemeinsam Brot miteinander.«
So ähnlich klingen viele Sagen über den Alstedder Heikenberg.1Auf mich übte er als Kind schon eine besondere Wirkung aus. Vielleicht, weil die alten Germanen und Römer sich tatsächlich auf ihm niederließen?Dies ist daher der Versuch einer Rekonstruktion über die Frühgeschichte des Heikenberges in Lünen-Alstedde mit seinem zauberhaften Wäldchen, denn:
»Es ist also der Heikenberg eine geschichtlich merkwürdige Stätte, welche die Aufmerksamkeit der Alterthumsfreunde im höchsten Grade verdient.«
– Pfarrer Sehrbrock, 1894. In: Altes und Neues aus Lünen und Altlünen2
Dabei ist der Heikenberg zunächst eine unscheinbare Erhebung in Alstedde, wie schon 1878 festgehalten wurde:
»Der Heikenberg ist eine völlig isolirte rundliche Höhe, welche sich gegen 4000 Schritte westlich der Stadt Lünen, dicht am nördlichen Rande der Lippe-Niederung, gegen 20 Metern über letztere erhebt und schon seit längerem der Cultur unterworfen ist. Dieselbe bietet daher für den Beschauer nichts Auffälliges dar.«
Er drängt sich mit seiner sanften Steigung nicht auf und ist aus der Ferne kaum als Hügel erkennbar. Während der überwiegende Teil seit den 1950er Jahren bebaut ist, hat sich am Süd- und Osthang ein kleines Wäldchen erhalten. Doch wer sich zum Heikenberg begibt, dem weht einiges an Spuren der Vergangenheit entgegen: in den Straßennamen des Lünener Stadtteils Alstedde. Es gibt den Hünenweg, Am Urnenfeld, die Römerstraße und die Landwehr, im Drubbel und einen Hainweg.
Selbst der Name Alstedde ist schon besonders. Er ist altsächsischen Ursprungs und steht für »Götterstätte«. Laut dem Heimatforscher Aloys Siegeroth steht die Silbe »Al« nämlich für Gott und »stedi« für Stätte, also letztlich einem Ort, an dem Göttern geopfert wurde.4 Schriftlich erwähnt wird Alstedde erstmals zwischen den Jahren 880 und 890 im Heberegister der Werdener Mönche als »Alstedi«5
Ein ganz besonderer Zeitabschnitt für Alstedde und auch den Heikenberg ist die Zeit, in der die Römer anwesend waren.
Professor Hülsenbecks Suche nach dem Römerlager Aliso
Der erste Besuch am Heikenberg 1867 und die Veröffentlichung der Erkenntnisse 1873.
1856 kam der Paderborner Professor Franz Hülsenbeck erstmals auf den Gedanken, dass sich auf dem Heikenberg ein römisches Lager befunden haben könnte. Grund seiner Annahme war die Aussage eines Bauern, dass sich durch seinen Getreideacker auf dem Heikenberg schmale Streifen ziehen, auf denen das Getreide schlechter wuchs, weil der Boden dort außerordentlich fest sei. Die Menschen nannten diese Streifen damals »Hünenpädde« oder »Hünenpfade«, weil sie Annahmen, dass die Hünen einst auf diesen Wegen wanderten.6
Kurzer Einschub: Hünenpädde würden heute in der Archäologie Bewuchsmerkmale genannt. Denn wenn sich unter den Pflanzen im Boden Mauern, zugeschüttete Gräben oder eingeebnete Wege aus früheren Jahrhunderten befinden, wachsen die Pflanzen darauf anders. Auf Luftbildern werden solche Abweichung deutlich sichtbar. In der Wikipedia ist das beim Thema Luftbildarchäologie gut erklärt
Professor Hülsenbeck war offiziell im Regierungsauftrag auf der Suche nach dem Militärlager Alio. Dieses Lager spielte eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Varusschlacht und niemand konnte bislang mit Gewissheit sagen, wo es sich wirklich befand.
Zusammen mit Direktor C. Wollmann, einem Ingenieur und ehemaligem Artilleristen aus Charlottenburg, begann Hülsenbeck den Heikenberg 1867 zu untersuchen7 (lt. Siegeroth und Sehrbrock erst 1869/70)8.
Sie beide fanden zahlreiche Spuren aus Germanischer und Römischer Zeit (im Detail dazu später) und Hülsenbeck kam zu dem Ergebnis, den bislang unbekannten Standort des Römerlagers Aliso tatsächlich am Heikenberg gefunden zu haben.
Heute wissen wir, dass er sich irrte (Alisos Standort ist weiterhin nicht abschließend geklärt, am wahrscheinlichsten erscheint Haltern), doch er selbst war damals überzeugt, es gefunden zu haben. All seine Erkenntnisse veröffentlichte er sodann in dem Buch: »Das römische Kastell Aliso an der Lippe«, welches 1873 erschien.9
Dem Buch liegt eine Zeichnung von C. Wollmann bei, der -im Gegensatz zu Hülsenbeck- entsprechende Kenntnisse zum zeichnen einer solche Karte mitbrachte:10
Die Karte zeigt den Heikenberg (oben links), den Verlauf der Lippe, einen möglichen früheren Lippe-Verlauf, einige Wege und Dämme sowie eine Graben- und Hügelkonstellation beidseits der Lippe nebst Niveau-Darstellung (Geländequerschnitt). Hierbei soll es sich mutmaßlich um einen Flußübergang gehandelt haben, dazu später mehr. Die Karte beschreibt die Situation, wie sie Hülsenbeck 1867 vorfand.
Hölzermanns kritische Betrachtung und der gemeinsame Exkurs mit Hülsenbeck
Der zweite Besuch am Heikenberg (zwischen 1873 und 1878)
Einige Jahre später befasste sich Ludwig Hölzerman aus Münster mit der Veröffentlichung von Hülsenbeck. Er sezierte kritisch Stück für Stück die Angaben von Hülsenbeck für sein in Arbeit befindliches Werk »Lokaluntersuchungen, die Kriege der Roemer und Franken, sowie die Befestigungsmanieren der Germanen, Sachsen und des spaeteren Mittelalters betreffend«.
Für Hölzermann ergaben sich einige Irrtümer und Fehlannahmen, denen Hülsenbeck seiner Auffassung erlag. Dies führte dazu, dass Hölzermann gemeinsam mit Professor Hülsenbeck den Heikenberg aufsuchte.11
Die Ergebnisse und Korrekturen legte er in dem dann 1878 erschienen, o.g. Werk dar, also fünf Jahre nach Hülsenbecks ursprünglicher Veröffentlichung. Auch fertigte Hölzermann eine korrigierte Fassung von Hülsenbecks Karte an, die sich allerdings nur auf den Heikenberg beschränkt (also ohne die Lippequerung weiter östlich).12 Dafür ist sie wesentlich detaillierter:
Die Funde am und um den Heikenberg (1867-1870)
Vermutung eines römischen Lagers auf dem Heikenberg. Die Hünenpädde als stumme Zeugen römischer Mauern?
Hölzermann beschreibt, dass er den Verlauf der Hünenpädde nicht persönlich im Getreidefeld nachvollziehen konnte. Aus den zeitlichen Angaben vermute ich, dass er mit Hülsenbeck im Winter auf dem Heikenberg war. Er stützt sich also ganz auf Hülsenbecks Erklärungen und Erläuterungen aus seiner ersten Expedition, die ihm, Hölzermann, jedoch ebenfalls keinen Zweifel daran lassen, dass hier ein römisches Lager stand.13
Der Doppelwall
Der Grund für seine Annahme ist der sich aus den Hünenpädden ergebene Doppelwall, sowie die Mauern auf dem höchsten Punkt. Dort soll sich das Prätorium befunden haben, also der Standort des Befehlshabers, dem zentralen Gebäude in einem römischem Marschlager.14
Der Brunnen
Am Nordöstlichen Hang fand sich eine ca. drei Meter Tiefe Senke in ovaler Form, in der sich ein Brunnen befand. Eine ca. zweieinhalb bis drei Meter breite Rampe führte zu diesem Brunnen, was auf Hölzermann wie eine »kunstvoll und praktisch hergerichtete Anlage« wirkte. Interessant war besonders der Umstand, dass der Besitzer dieser Länderei den Brunnen, Herr Otthof, diesen Brunnen noch nie benutzt haben soll. Aufgrund des hohen Wasserstandes war eine gründliche Untersuchung nicht möglich; die Frage, ob es ein Brunnen aus römischer Zeit war, blieb damit offen.15
Gefundene Artefakte
Innerhalb des vermuteten Doppelwalls führte Hülsenbeck an verschiedenen Stellen Grabungen durch. Er berichtet dazu:
Bei den Nachgrabungen auf dem Plateau wurden fast überall durchschnittlich 1 -2´ unter der Ackerkrume Scherben von Thongefäßen, Eisensachen, wie Nägel der verschiedensten Größe, einige mit dreieckigen Köpfen, Haken, Klammern, Schrauben, zwei kleine Stangen, ein Messer, der ewähnte Schlüssel, Tuff- und Ziegelbrocken ausgegraben. (…) Unter den Scherben sind die beiden in natürlicher Größe abgebildeten besonders bemerkenswert; die eine zeigt in Form eines Stempels einen männlichen Kopf mit römischen Typus, die andere hat mit schwartzer Farbe aufgetragen die Zahl VII, vor welche jedoch noch der Buchstabe, wahrscheinlich X, gestanden hat.
Der Hafen und die drei Wege von und zum Heikenberg
Verbindungswege zu den Römerlagern in Olfen und Oberaden?
Am südlichen Hang befanden sich zwei Rampen, die bogenförmig dem vermuteten Flussbett der Lippe entlang führten.17 Möglicherweise handelte es sich hier um eine Anlegestelle für Schiffe, also eine Art kleinen Hafen.
Zudem waren die Rampen Ausgangspunkt weiterer, sogenannter »Römischer Dämme«, sprich Wegen. Hölzermann beschreibt diese Wege bzw. Dämme rund um den Heikenberg an mehreren Stellen in seinem Werk ausführlichst, häufig mit Maßangaben zu Höhe und Breite und mutmaßlichen Verläufen weit über Alstedde hinaus. Aus Vereinfachungsgründen beziehe ich mich auf Aloys Siegeroths Zusammenfassung zu den drei Wegen, die vom Heikenberg wegführten:
Einen Weg nach Nordwest, der zu einem »Kastell« im Wald zwischen Bork und Alstedde führt. Dieser wird in Hölzermanns Karte als Römischer Damm bezeichnet und laut Siegeroth von den Vorfahren als »Römerpadd«. Auf aktuellen wie historischen Luftbildern lässt sich der Verlauf größtenteils nachverfolgen.18 Zum diesem Kastell folgt später mehr.
Der zweite Weg führte nach Nordost und entspricht in etwa dem Verlauf der heutigen Straße mit Namen Römerweg in Alstedde. Er soll sich als ebenfalls als Römischer Damm »4 Fuß hoch und 12 Fuß breit« vom Gelände hervorgehoben haben und vom Heikenberg zum Struckmannsberg (an der Grenze zu Cappenberg) geführt haben. Dort soll sich – unter Verweis auf Pfarrer Friedrich Sehrbrock19 ebenfalls ein römischer Stützpunkt befunden haben.20 Gemeint ist hier vermutlich der Rheinländische Fuß21, welcher 313,8535 Millimeter entspricht (1 Meter = 3,187249 Rheinländischer Fuß). Demnach wäre der Weg ca. 1,25 Meter über dem Gelände und ca. 3,77 Meter breit gewesen.
Der Dritte Weg führte östlich zur Lippe, wo sich eine Übergangsstelle / Furt befunden haben soll (dazu später mehr). Wieder mit Verweis auf Sehrbrock beschreibt Siegeroth, dass die Anlage unterschiedlich Stark befestigt war.22 Diese Übergangsstelle wurde von Hülsenbeck begutachtet und in seiner Karte eingezeichnet.23 Auch zu dieser Querung später mehr.
Die Urnenfunde
Oder: wie die Straße »Am Urnenfeld« zu Ihrem Namen kam.
An der Nordseite des Heikenberges fanden sich mehrere runde Hügel (laut Hölzermanns Karte fünf Stück, schriftlich wird keine Zahl genannt).
Bei näherer Untersuchung stellte Hülsenbeck fest, dass es sich um Grabhügel handle. Er fand in einem Hügel 13 Urnen, die von Hand geformt, schwach gebrannt und einfache Verzierungen hatten. Eine dieser Urnen war (mutmaßlich) mit Tierknochen gefüllt. Hülsenbeck ließ die Urnen wieder eingraben.24
Diese Urnen befand sich in dem Grabhügel, der dem Heikenberg am nächsten lag. Hülsenbeck bemerkte dazu, dass dieser Grabhügel auch deshalb besonders sei, weil die Bewohner der Bauernschaft das alljährliche Osterfeuer auf diesem entzünden würden. Zudem fand er zwei stark verrottete Pfeilspitzen (eine davon noch mit hölzernem Schaft), die Stücke eines eisernen Dolches, sowie stark mit Grünspan überzogene Stücke einer bronzenen Schnalle. Es soll, so schreibt er, früher mehrere Hügel gegeben haben, doch haben die örtlichen Bauern wie auch die »Kappenberger« diese geräumt. Er konnte dabei nicht herausfinden, ob die Mönche des Cappenberger Klosters oder spätere Besitzer die Hügel abgetragen haben.25
Hülsenbeck vermutet weiter, dass die »Kappenberger« wohl verborgene Schätze in den Grabhügeln suchten. Denn auch hier am Heikenberg ging die Sage um, dass der Heidekönig in seinem goldenen Sarg dort vergruben wurde. Eine Sage, die in vielen Ort umherging und die Hülsenbeck auch schon in Hullern hörte.26 (Ich selbst kenne aus mündlicher Überlieferung die Sage auch für Brambauer, wo der Heidekönig, in seinem dreifachen Sarg aus Gold, Silber und Eisen in der »Königsheide« begraben sein soll.)
Die Römer am Heikenberg? Einordnung und Gegenüberstellung
Um ein römisches Kastell zeitlich einordnen zu können, schauen wir uns zunächst an, welcher Zeitraum dafür in Frage kommt.
Die Römische Zeit des Heikenberges fällt mutmaßlich in die Zeit der Augusteischen Germanenkriege von 12 v. Chr. bis 16 n. Chr. Hierbei versuchte das Römische Reich die germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe unter seine Herrschaft zu bekommen, was letztlich durch die Varusschlacht, 9 n. Chr., endgültig scheiterte. Mit Blick auf den Heikenberg ist besonders der erste Feldzug der Germanenkriege, der sogenannte Drususfeldzug 12 bis 8 v. Chr., interessant.
Denn in dessen Zuge wurden entlang der Luppia, die wie Römer den Fluß Lippe nannten, beiderseits mehrere Militärlager errichtet. Darunter die bekannten, benachbarten Lager Haltern (7 v. Chr.) sowie Olfen, Oberaden und Beckinghausen, welche allesamt 11 v. Chr. errichtet wurden – jedoch auch mit Ende des Feldzuges 8 v. Chr. wieder aufgegeben wurden. Lediglich Haltern blieb noch bis 16 n. Chr bestehen und spielte für weitere Feldzüge eine Rolle. Die dem Heikenberg nächstgelegen Lager bestanden demnach nur für knapp drei Jahre . Eine sehr kurze Zeit also, die dennoch bis heute ihre Spuren in Alstedde hinterlassen hat.
Doch was ist heute noch sichtbar auf dem Heikenberg? Mit dem Zuzug vieler Vertriebener aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wohnungsnot groß. Für die Zeche Minister Achenbach errichtete die Glückauf Siedlungsbaugesellschaft Anfang der 1950er Jahre am und auf dem Heikenberg eine große Zechensiedlung – in der auch meine Großeltern eine neue Heimat fanden.
Die Siedlung wurde teilweise auf dem Grund der alten Grabhügel errichtet, wovon die Straße »Am Urnenfeld« heute noch zeugt. Später folgte weiterer, privater Wohnungsbau auf dem Berg, teilweise am am Südhang auch mit sehr ausgiebigen Gärten. Lediglich am Ostrand des Hügels hat sich der Wald erhalten.
Zur besseren Einordnung und Orientierung habe ich die Zeichnung von Hülsenbeck und Hölzermann auf ein aktuelles Luftbild gelegt. Dabei wird sichtbar, dass eben weite Teile des mutmaßlichen römischen Lagers heute überbaut sind:
Wahrscheinlich ein Standlager, definitiv aber nicht Aliso!
Ob es sich wirklich um ein Römisches Lager gehandelt hat, ist nicht mit Gewissheit zu sagen. Hölzermann war sehr schnell nicht Hülsenbecks Meinung, dass es sich beim Heikenberg um das Lager Aliso handelt. Auch weitere Forscher hielten schon in den 1880er Jahren die These Heikenberg = Kastel Aliso für unhaltbar, weil die »mickrige« Seeseke niemals der bis heute unauffindbare Fluß Namens Elison sein könne, an dessem Mündung in die Lippe Aliso gestanden haben soll.27
Siegeroth schreibt dazu 100 Jahre später ähnliches, in dem er die Beweisführung Hülsenbecks zwar im Grundsatz anerkennt, doch ebenso einschränkt, dass es nicht Aliso sein könne. Vor allem schreibt er:
Wir können auch heute nicht mehr überprüfen, ob Mauern, Gräben und Wälle wirklich von den Römern angelegt worden sind und die ausgegrabenen Fundstücke von ihnen hinterlassen wurden. Und doch muß der Heikenberg, der im Volke immer eine besondere Bedeutung gehabt hat, mit den Römern in Verbindung gebracht werden. Über die Jahrhunderte haben sich in der mündlichen Überlieferung Namen von Wegen erhalten, die auf jene Zeit zurückzuführen sind
– Aloys Siegeroth in: Die Geschichte der Gemeinde Altlünen, 1964, Seite 25
Das ist Gewiss: Die Römer sind im Stadtbild von Alstedde erhalten geblieben:
Der Verlauf der Lippe vor 2.000 Jahren
Kann es einen Hafen am Fuße des Berges gegeben haben?
Dann wären da noch die Rampen, die vielleicht sogar einen Hafen darstellten. Grundsätzlich war die Lippe eine wichtige »Straße« für die Römer, vielleicht sogar die Wichtigste. In jedem Fall war sie wesentlicher Faktor der damaligen Verkehrsinfrastruktur und der Versorgung römischer Truppen.28 Die Lippe war bis hier schiffbar, diente dem Handel- und Transitverkehr sowie militärischen Zwecken. (Ein Flottenstützpunkt der römischen Kriegsflotte »Classis Germanica« befand sich u.a. in Haltern.)29
Zusätzlich entstanden an den Ufern sogenannten Treidelpfade (oder auch Leinpfade genannt), denn die Schiffe mussten Flußaufwärts durch Menschenkraft oder mit Pferden gezogen werden, das sogenannte »Treideln«.
Die Wichtigkeit der Lippe als Transportweg zeigt sich z.B. am benachbarten Lager Oberaden, welches einen Getreidebedarf von 2.100 Tonnen pro Jahr gehabt haben soll. Dieser Bedarf konnte nur durch Lieferungen aus Gallien über die Lippe gesichert werden.30 Wenn sich nun ein kleiner Hafen am römischen Kastell auf dem Heikenberg befunden haben soll, müsste die Lippe vor 2.000 Jahren 50 bis 100 Meter weiter nördlich verlaufen haben (also mehr auf der rechten Seite als heute).
Kurzer Einschub: In der Geologie spricht man von der linken und der rechten Seite eines Flusses, ausgehend von der Quelle. Während diese »orographischen« Angaben (siehe Wikipeda) in der Wissenschaft ihre Berechtigung haben, um völlig unabhängig von den Flusswindungen stets die korrekte Seite zu benennen, beschränke ich mich hier auf eine vereinfachte Unterteilung in Nord- und Südseite der Lippe, weil es dem Verständnis beim Lesen zuträglicher ist.
Das die Lippe nördlicher Verlief, ist nicht abwegig, denn durch die Mäanderung verschiebt sich der Flusslauf stetig. Viele alte Schlaufen und Wendungen der Lippe sind noch heute auf Luftbildern sichtbar.
Ausgrabungen in den 1980ern
Oder: Wie Hülsenbeck auf das Straßenschild kam
In den 1980er Jahren fanden zwei Ausgraben in der Umgebung des Heikeberges statt.
Einmal wurde auf dem damaligen Spielplatz der Straße »Am Urnenfeld« gegraben. Der Spielplatz befand sich dort, wo einst die Hügelgräber standen, die Hülsenbeck und Hölzerman untersuchten. Gefunden wurde äußerst wenig, was vermutlich damit zusammen hing, dass das Suchgebiet aufgrund der Bebauung sehr eingeengt war. Konkret zu den Grabhügeln wurde nichts gefunden, wie ich einem (leider nicht näher datierten) Zeitungsartikel der Ruhr Nachrichten von 1989 entnehmen konnte, der sich in meine Familiensammlung verirrt hat.
Ein genauerer Blick in die Fundchronik des LWL erläutert, dass eine Pfostengrube gefunden wurde, die möglicherweise zu einem früheren Haus gehörte. Zudem fanden sich unter anderem verschiedene Scherben, Eisenreste, Fragmente eines Bechers, vermutlich aus der Zeit der Völkerwanderung. Insgesamt aber tatsächlich äußerst wenig.31
Mein Cousin erinnert sich noch daran, dass meine Oma damals sehr besorgt war, dass wieder ein Blindgänger aus dem Krieg gefunden würde.
Heute ist der Spielplatz überbaut worden – mit dem passenden Straßennamen »Hülsenbeckweg«.
Eine weitere Ausgrabung fand zuvor 1987 statt, als ein Regenrückhaltebecken am Ende der Straße «Im Beisenkamp« gebaut wurde. 32Es durchschnitt sozusagen den alten römischen Damm und war dahingehend prädestiniert für weitere Untersuchungen. Soweit mir bekannt, wurden hierbei jedoch ebenfalls keine Nennenswerte Funde gemacht.
Flussübergang oder noch ein weiteres Lager? Die Theorie von Hans Kauter
Hülsenbeck entdeckte östlich des Heikenberges zahlreiche Wälle, die für Ihn einen befestigten Flussübergang darstellten. Entsprechend zeichnete er es in seine Karte sein:
Auf Luftbildern und im Laserscan sind die potentiellen, früheren Wälle heute noch deutlich sichtbar. So deutlich ist nicht oft etwas im Boden zu sehen. Was immer es auch war, es war eine Anlage ähnlich groß -vielleicht sogar größer- als das Kastell auf dem Heikenberg, doch ich mag es nicht recht deuten können derzeit.
Tiefergehende Gedanken dazu hatte sich ohnehin schon jemand anderes gemacht, während ich noch als Kind durch den Wald streifte:
1988 veröffentlichte der pensionierte Oberingenieur Hans Kauter seine Forschungsergebnisse über den Heikenberg in einem Heft mit 54 Seiten, welches ich im Stadtarchiv Lünen einsehen konnte.
Er analysierte ausgiebig Hülsenbecks Erkenntnisse und unterstützt die These, dass sich ein Lager auf dem Heikenberg befand. Er befasste sich nämlich auch mit dem Lagernetz der Römer entlang der Lippe, zeichnete 20 Kilometer Radien mit dem Zirkel um bekannte Lager wie Haltern und Oberaden und nahm deshalb an, dass es in Lünen mehr gegeben haben muss. Zudem fertigte er Strichzeichnungen an, wie es früher an der Lippe ausgesehen haben könnte (denn Kauter war auch leidenschaftlicher Maler).
Kauter war ebenso wie Hülsenbbeck überzeugt, dass die Lippe früher nördlicher verlief. Entgegen Hülsenbeck, vermutete er aber keinen Übergang östlich des Heikenberges über die Lippe, sondern ein noch viel größeres Lager am Rande des heutigen Segelflugplatz.
Denn Kauter war auch Pilot, und so stieg er ins Segelflugzeug, fertigte Luftbilder an, die ihm diesen Verdacht bestätigten. Dazu muss man wissen, dass zu dieser Zeit, im Kalten Krieg, Luftbilder nicht frei verfügbar waren wie heute und die Anfertigung -und erst recht die Veröffentlichung-, eine Genehmigung der Bezirksregierung benötigte. Seine Ergebnisse trug er im April 1989 dem Kulturausschuss der Stadt Lünen vor, und er hoffte, dass Archäologen eines Tages den Spaten ansetzen würden. In den Tagen darauf berichteten die Ruhr Nachrichten über Kauter:
Soweit mir bekannt, haben bislang keine Grabungen an dem vermeintlichen Übergang stattgefunden. Er war immer wieder mal Thema hie und da, doch wirklich »tiefgehend« hat sich offenbar niemand mehr nach Kauter mit dem Übergang befasst. Ein Grund mag sein, dass Kauter sich selbst etwas ins Abseits gestellt hatte, nachdem er verkündete, dass die Stadt Lünen auch von den Römern angelegt wurde (siehe Bild mittig links in dem Zeitungsausschnitt) – dabei gab auch 1988 keinen Zweifel daran, dass die heutige Innenstadt im Jahr 1336 aus politischen und militärischen Gründen vom Nordufer der Lippe auf das Südufer verlegt wurde und somit nicht aus römischer Zeit stammen kann.
Argumente für und gegen einen Übergang, oder: Die Hünen waren es wieder
Ich selbst bin zwiegespalten ob eines Überganges. Ja, irgendwo müssen die Römer die Lippe gequert haben, denn Haltern liegt nördlich und Oberaden südlich der Lippe. Aber war es tatsächlich hier in Lünen? Vielmehr frage ich mich aber, warum die spätere Stadt Lünen mit ihrem Lippeübergang, dann nicht an diesem Übergang gebaut wurde, sondern gut anderthalb Kilometer östlich? Auch auffällig: die beiden Flurbezeichnungen des Übergangs »Hagen« und »Mersch« tauchen ebenfalls in Lünen wieder auf, dann aber als »im Hagen« und »in der Mersch«. Ein interessanter »Zufall«, oder?
Die Quellenlage ist hier sehr dünn. Es bleibt lediglich eine Sage, die wieder mit den Hünen zu tun hat. Denn sie sollen, nachdem sie die Römer vertrieben haben, den Übergang zerstört haben. Nach Sehrbrock soll dort -dem Hörensagen seiner Zeit nach- einst eine Holzbrücke gestanden haben, deren Pfeiler man 1824 aus dem Wasser zog.33
So bleibt auch mir an dieser Stelle nur zu sagen: Ich weiß es nicht, was wir hier im Boden heute noch erkennen können, aus welcher Zeit es stammt und welchem Zweck es diente. Übergang oder Kastell, wie Kauter es vermutete?
Dass aber starke Riesen diesen Übergang zerstört haben, das mag ich mir auch nicht recht vorstellen wollen. Gerne hätte ich Herrn Kauter selbst zugehört über seine akribische und liebevolle Ausarbeitung und noch mehr erfahren – doch nach meinen Recherchen, dürfte er verstorben sein. Bei seiner Veröffentlichung 1989 war er bereits im Ruhestand und mittlerweile sind (2023) 34 Jahre vergangen…
Der Deckstein eines Hünengrabes vor St. Ludger
Vor der Katholischen St.Ludger Kirche in Alstedde befindet sich der Deckstein eines Hünengrabes. Das Grab wurde 1909 bei Entsandungsarbeiten am Lippeufer gefunden, stammt also möglicherweise nicht direkt vom Heikenberg, die Quellenlage ist hier leider sehr dünn.
Zudem erfolgte damals keine wissenschaftliche Untersuchung des Grabes und der Deckstein wurde einfach in der Lippe versenkt. Erst 1972 wurde er bei Drainagearbeiten wiederentdeckt.34
Seit 1974 befindet er sich vor der Alstedder Kirche in Erinnerung an die Hügelgräber, die hier einst standen, denn die Kirche steht direkt neben dem Hang des Heikenberges. Der Deckstein weist einen große Kerbe auf, die vermutlich aus früheren Spaltversuchen herrüht.35
Laut Balzer, der sich wiederum auf Dr. Lehnemann beruft, soll der Stein durch einen Eiszeitgletscher vom Teutoburger Wald nach Alstedde gekommen sein. 36
Schlusswort und nochmal die Hünen
Interessant finde ich rückblickend, dass wir den Heikenberg in meiner Kindheit eigentlich nie Heikenberg genannt haben. Es war vielmehr der Buddenberg – weil der Weg, den wir die Fahrräder hochschoben oder uns runterrollen ließen, zu Schloss Buddenburg führte. In den 1980er Jahren standen die Bäume noch noch, die auf dem Foto zu sehen sind; der Blick von oben war also viel weitreichender. Blieben noch die Hünen, die starken Riesen, die den Übergang verschütteten und für lange Zeit auf ihren Hünenpädden wanderten; zwischen dem Heikenberg und dem Struckmannsberg.
Vielleicht war es so: mit dem Ende des Römischen Reiches und der anschließenden Völkerwanderung ging viel Wissen verloren. Für nachfolgende Generationen wurde es zunächst immer unvorstellbarer, dass Menschen einst so große Anlage aus Stein gebaut haben sollen, egal ob Kastell oder Hügelgrab.
Eher symbolisch ist daher zu verstehen, dass die germanischen Vorfahren über sich hinauswuchsen und mit bis dahin unvorstellbarer Kraft die Römer vertrieben; sie also zu Riesen wurden, zu Hünen – im übertragenen Sinne. Dazu die großen Gräber, in denen sie begraben wurden. Doch besser als ich es könnte, beschrieb es Aloys Siegeroth 1964:
»Immer ist mit [den Hünen] die Vorstellung von etwas Riesenhaftem und Starkem verbunden. So sehen wir in ihnen ein Gechlecht von übermenschlicher Größe und mit übermenschlicher Kraft. Nach der Befreiung der Heimat von den Römern werden die Vorväter der Jugend die Vorgänge aus der Kampfzeit der Wirklichkeit entsprechend erzählt haben. Sie hörten von der Macht der Römer, von den kriegsgeübten Legionen und von den befestigten Lagern. Sie vernahm, dass dieses Volk weit in seine Heimat vorgedrungen war und ihm niemand Einhalt gebieten konnte. Sie erfuhr von den Demütigungen die man den Vorfahren angetan hatte, und tiefe Trauer legte sich über die Stirnen. Heller aber wuden die Blicke, als sie Vernahm, dass die Vorväter das für unbesiegbar gehaltene Heer der Römer doch aus der Heimat verjagt und deren Befestigungen erstürmt und besetzt hatten. So wuchsen sie in den Augen ins Riesenhafte, und als überstarke Kämpfer standen sie vor ihr, als Hünen, vor denen selbst die Römer weichen mussten…«
– Aloys Siegeroth in »Altlünen, die Geschichte der Gemeinde Altlünen37
In Deutschland gibt es etliche Orte, in denen das Wort »Hüne« enthalten ist. In der Wikipedia sind beinahe 30 »Hünenburgen« aufgelistet, und dort findet sich auch eine schöne Anekdote vom Hessischen Sagensammler Karl Lyncker:38
Sagen von Hünen knüpfen sich im Schaumburgischen häufig an hervorragende runde Hügel; was ein Hüne ist, weiß hier Jedermann, auch, dass die Hünenburgen und Hünenbrinke dadurch entstanden sind, dass ein Hüne den Sand aus seinen Schuhen geschüttet hat.
Wie auch immer es war: Ich bin gerne hier, in diesem Wäldchen am Fuße des Heikenberges. Hier denke ich immer daran, wie früher mein Opa Tennisbälle aus den Büschen fischte, die vom nahgelegenem Tennisplatz in den Wald flogen; an die Suche nach der verschollenen Brücke mit Oma; an die Römer, die hier offenbar entlang marschierten; an Germanen, die hier ihre Ahnen begruben; und die Hünen, die hier eventuell durchs Kornfeld stampften nachdem sie die Römer vertrieben hatten.
Mein Dank geht zum Abschluss an Jennifer Ebenstreit, der Leiterin des Stadtarchives Lünen, für die Unterstützung bei der Recherche!
Quellenverzeichnis
Die ist eine freie Interpretation meinerseits, angelehnt an z.B. Siegeroth, Aloys; Altlünen 1964: Die Geschichte der Gemeinde Altlünen, Seite 27 oder auch Sehrbrock, F., Frankfurt a.M. 1894: Altes und Neues aus Lünen und Altlünen, Seite 15.
Sehrbrock, F., Frankfurt a.M. 1894: Altes und Neues aus Lünen und Altünen, Seite 15
Hölzermann, Ludwig; Münster 1878: Lokaluntersuchungen, die Kriege der Roemer und Franken, sowie die Befestigungsmanieren der Germanen, Sachsen und des spaeteren Mittelalters betreffend, Seite 52
gl. Siegeroth, Aloys; Lünen 1964: Die Geschichte der Gemeinde Altlünen, Seite 15
vgl. Niklowitz, Fredy; Heß, Wilfried: Kleine Geschichte der Stadt Lünen, Lünen 1992, Seite 5
vgl. Hölzermann, Seite 53
siehe Hölzermann Seite 53
siehe Siegeroth, Seite 20 und Sehrbrock, Seite 15
Hülsenbeck, Franz; Paderborn 1873: Das römische Kastell Aliso an der Lippe
ebd, Seite 176. : 2 Faltkt
Hölzermann, Seite 54
Hölzermann, Anlage III (ohne Seitenangabe)
Hölzermann, Seite 54
ebd.
Hölzermann, Seite 54
Hülsenbeck, Seite 93
ebd, Seite 56
Siegeroth, Seite 25
Siegeroth verweist auf Friedrich Sehrbrock: Altes und Neues aus Lünen und Altlünen. Heil, Frankfurt am Main 1894, Seite 15.
Siegeroth, Seite 25
Seite „Rheinländischer Fuß“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Januar 2021, 14:48 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Rheinl%C3%A4ndischer_Fu%C3%9F&oldid=207804073 (Abgerufen: 22. Mai 2023, 18:42 UTC)
erneuter Verweis auf Sehrbrock, Seite 17
Ausschnitt aus der Karte aus: Das römische Kastell Aliso an der Lippe / nachgewiesen und aufgefunden von Fr. Hülsenbeck, 1873, Seite 176. : 2 Faltkt. (Public Domain)
vgl. Hülsenbeck, Seite 94
vgl. ebd.
vgl. ebd.
siehe etwa wie bei Knoke, Friedich: Die Kriegszüge des Germanicus in Deutschland, Berlin 1887, Seite 311/312
Dr. Eggenstein, Georg 2022: Spuren aus der Borker Steinzeit; in: Das Bork Buch, Seite 41