Friedhelm Eschner ist tot.
Brambauers leidenschaftlicher Zeiteinfänger und Hobbyarchivar verstarb im Mai 2023 im Alter von 83 Jahren. Er war ein großer Unterstützer meiner Geschichten: begleitete er mich doch auf vielen Exkursionen und steuerte unzählige Fotos aus vergangenen Tagen bei. Und er war der Veranstalter der wohl ungewöhnlichsten Weihnachtsfeier im Stadtteil: Budda meets Christkind!

Dabei war unsere erste Begegnung im Jahr 2005 ziemlich zögerlich-zaghaft:
Friedhelm hatte im Brambauer Bürgerhaus einen Stand mit alten Ansichtskarten aufgebaut. Ich blieb interessiert stehen, konnte ihn aber zunächst gar nicht richtig einordnen – obwohl ich ihn hin und wieder in der Zeitung gesehen hatte. Auch er war sich nicht sicher, sprach mich dann aber doch an:
»Bist du der André Walter? Der mit dem Stadtplan?«
Er kannte mich aus der Zeitung, weil ich die verrückte Idee hatte, einen eigenen Stadtplan zu zeichnen. Wir kamen ins Gespräch – und es dauerte nicht lange, da besuchte ich ihn und seine Frau Ingeborg zum ersten Mal in ihrer Wohnung. Und ich war begeistert, denn:
Friedhelm hatte in seinem Leben weit über 50.000 Fotos, Ansichtskarten und Zeitungsausschnitte über Brambauer gesammelt! All diese Dinge arrangierte er in liebevoll gestalteten, großen Fotoalben – mit handgemalten Verzierungen, sorgfältigen Beschriftungen und selbstgebastelten Fotorahmen. Mal zu einem bestimmten Thema, mal bunt gemischt, wenn er wieder etwas Neues in die Hände bekam.
Vor allem die Fotorahmen – die waren ihm besonders wichtig. Es gab kein Foto, das er nicht auf einem selbstgestanzten Papprand präsentiert hätte. Das war sein Markenzeichen.
Oft dabei: Fotos, die er eigenhändig kolorierte. Friedhelm brachte Farbe in alte Schwarz-Weiß-Bilder – mit Buntstiften, ganz ohne Computer oder KI. Er war ein Künstler alter Schule, der ohne PC auskam. Photoshop brauchte Friedhelm nicht – er konnte es mit seinen eigenen Händen. Mit Buntstiften, Scheren und Messern hauchte er alten Aufnahmen neues Leben ein.
Erst in späteren Jahren legte er sich einen Computer zu, um auf Facebook andere an seinen Erinnerungen teilhaben zu lassen.

Friedhelm arrangierte auch Ausstellungen mit seinen Bildern bei örtlichen Veranstaltungen. So begleitete er zum Beispiel das 100-jährige Bestehen der evangelischen Kirchengemeinde mit einer eigens zusammengestellten Bilderserie, die in der Kirche gezeigt wurde. Auch war er unzählige Male Gast in der Lokalpresse – entweder als Wissensquelle oder als Hauptfigur einer schönen Geschichte über ihn selbst.
2008 hielten Friedhelm und ich einen gemeinsamen Vortrag im Brambauer Bürgerhaus über alte Zeiten. Ich warf historische Fotos an die Wand und zeigte Gegenüberstellungen mit der Gegenwart; Friedhelm erläuterte sie und erzählte unzählige Geschichten und Anekdoten dazu – denn er hatte vieles von dem, was auf den Bildern zu sehen war, selbst miterlebt.
Wir forschten gemeinsam zur alten Brücke am Datteln-Hamm-Kanal, besuchten den Grenzstein und stiegen auf das Dach des damals noch im Bau befindlichen Trianel-Kraftwerks.
(Foto: Willi Schmidt, Friedhelm Eschner, „Andy-Nym“ und ich an der Kamera vor Schloss Wilbringen.)
Ja, wir kamen herum. Besonders intensiv beschäftigten wir uns mit dem Rätsel des Brambauer Wappens. Gemeinsam mit Erwin Meschke und Walter Gerwinat – deren Nachbar ich eine Zeit lang war – versuchten wir herauszufinden, ob Brambauer jemals ein offizielles Wappen hatte, und vor allem: Wohin der Hase darauf eigentlich hoppelte.
Als wir schließlich sicher waren, wie es ausgesehen haben könnte, machten sich Friedhelm und Erwin ans Werk und bastelten Wappenständer aus Holz und Metall.

In welches lokale Abenteuer ich mich auch begab – Friedhelm kam mit. Oder er war schon vorher da. Überhaupt konnte Friedhelm immer etwas erzählen, denn (so vermute ich) er hat tatsächlich sein ganzes Leben in Brambauer verbracht. Und wenn ihm doch mal nichts zu Brambauer einfiel, dann wusste er auch viel über Dortmund – wo er sein Berufsleben in einer Brauerei verbracht hatte.
Oft fuhr er mit dem Fahrrad durch Brambauer, schoss neue Fotos für seine Sammlung und war bei vielen Menschen unterwegs. Dort trieb er neues Material auf – oder bereitete mit seinen Erinnerungen besonders den Ältesten eine Freude.
So zum Beispiel Gerlinde Wittler, die selbst viele Gedichte schreibt. Mit ihr zusammen recherchierte er über die alten Brambauer Kinos – aus der Zeit, als sie noch „Lichtspielhäuser“ hießen und Namen wie Apollo oder Deli trugen.
Monatelang forschten wir, welcher Film wohl damals im Deli gezeigt wurde – denn auf dem winzigen Filmplakat in einem alten Schaufenster-Foto war der Titel kaum zu erkennen. (Ja, wir haben es nie herausgefunden …)
Friedhelm und seine Frau Ingeborg pflegten eine besondere Tradition:
Seit 1968 luden sie alljährlich zum Auftakt der Weihnachtszeit am ersten Advent in ihren Garten ein.
Obwohl sie „nur“ Mieter in einem Mehrparteienhaus an der Straße Zum Dahl waren – mit offiziell gerade einmal einem Balkon – täuschte dieser erste Eindruck gewaltig. Denn die beiden hatten Zugang zu einem ganz besonderen Ort erlangt: dem ehemaligen Garten eines Brambauer Industriellen, versteckt hinter dem Edeka an der Brambauer Straße.
Von außen unscheinbar – verborgen hinter Büschen, Sträuchern und einer Steinmauer – führte eine dunkelbraune Holztür in ein kleines Paradies.
Ursprünglich als Ägyptischer Garten angelegt, mit Säulen, Sandstein und einem Badebecken, das Kleopatra wohl gefallen hätte, wurde das Gelände später thematisch erweitert – um fernöstliche Einflüsse aus China, Japan und sogar Indien.
Ein kleiner, ganz eigener Themenpark, in dem nun ein christliches Fest gefeiert wurde: Advent zwischen Buddha-Schrein, Torii-Tor und Madonnenstatue.
In den letzten zwanzig Jahren war dieser Tag Auftakt der Reihe »das Fenster im Advent« der evangelischen Kirchengemeinde geworden. Friedhelm und Ingeborg backten Waffeln, schenkten Glühwein aus und legten eine LP mit dem Glockengeläut der bekanntesten deutschen Kirchen auf (Track 1 stets der Kölner Dom!)





2012 verließen meine Frau und ich Brambauer in Richtung Selm. In den Jahren danach verloren Friedhelm und ich mehr und mehr den Kontakt.Ein paar Mal telefonierten wir noch, trafen uns auf dem Brami oder beim Spaziergang – aber der enge Austausch über Brambauers Geschichte wurde seltener, bis er schließlich ganz verstummte.
So erfuhr ich erst durch die Todesanzeige, dass Friedhelm – mein alter Geschichtsfreund – im Mai verstorben war.
Vielen Dank, Friedhelm!
Danke für die gemeinsame Zeit.
Danke für die vielen, vielen Fotos, die du mir überlassen hast – viele davon sind heute auf meiner Internetseite zu sehen. Noch mehr aber danke ich dir für all die Geschichten, die du mir erzählt hast: über Brambauer, über das Leben, über Vergangenes, das nicht vergessen werden darf.
Und für die gemeinsamen Erkundungen – auf Hinterhöfen, in Archiven, unter alten Dachböden –, bei denen wir keine Mühe scheuten, das Alte wieder ans Licht zu bringen. Gut 70 Fotoalben haben die Verwandten von Friedhelm der Nachwelt übergeben: Anfang Dezember 2023 gingen sie in den Besitz des Lünener Stadtarchives über. Jedes Fotoalbum ist dabei ein Kunstwerk für sich, enhält es doch neben den Fotos weiteres Material, wie Zeitungsausschnitte, Eintrittskarten, Rechnungen und ähnliches. So bleibt »Friedhelms Schatz« auch kommenden Generationen erhalten und gewährt einen einzigartigen Einblick in Brambauers vergangene Zeiten.
Friedhelm Eschner starb am 25. Mai 2023 im Alter von 83 Jahren.