Kürzlich regnete es wie aus Kübeln, als ich an einer Trauerfeier auf dem Selmer Friedhof teilnahm. Was ich in diesem Moment nicht wusste: Mitten durch den Friedhof verläuft eine unsichtbare Grenze.
»Der Himmel weint«, so sagte man früher – und tatsächlich schien der Regen an diesem Tag alles zu überdecken: die Trauerrede, Gespräche, besonders die Stille. Doch nicht die Trauer selbst. Gedanken und Erinnerungen fließen. Und in einem Augenblick fragte ich mich ganz spontan: und wohin fließt nur all das Wasser, das gerade vom Himmel auf den Friedhof fällt?

Nun, wenn es regnet, verdunstet ein Teil des Wassers direkt von Boden und Pflanzen. Ein anderer Teil versickert im Boden und gelangt ins Grundwasser oder in die Kanalisation. Der Rest sucht sich seinen Weg an der Oberfläche. Pfützen bilden sich auf dem Weg und den Gräbern – doch ein Teil fließt langsam bergab. Ein Rinnsal schlängelt sich durch den Friehdhofszaun. Zuerst in einen Bach, dann in einen Fluss, schließlich ins Meer. Jeder Fließgewässer hat ein eigenes Einzugsgebiet, das von einer oft unsichtbaren Grenze vom nächsten getrennt wird.
Eine Grenze, die schon existierte, lange bevor hier Gräber angelegt wurden. Eine Grenze, an der sich entscheidet, wohin der Regen fließt.
Diese Grenze nennt man Wasserscheide – oder genauer: Wasserscheidelinie. Sie ist die Linie, an der sich entscheidet, in welches Flusssystem ein Tropfen Regen gelangt. Eine echte Entscheidung trifft das Wasser freilich nicht – es folgt schlicht dem Gefälle. Doch schon wenige Meter Unterschied beim Ort des Regens können dazu führen, dass der Weg eines Tropfens in eine ganz andere Richtung führt.
Wasserscheiden verlaufen meist entlang der höchsten Punkte im Gelände. Sie trennen die Einzugsgebiete benachbarter Flüsse – und manchmal führen sie mitten durch einen Ort. Oder über einen Friedhof.
So verläuft auch eine Wasserscheide durch Selm – genauer: zwischen der Funne und dem Selmer Bach. Sie zieht sich über den Friedhof und entlang des nördlichen Ortsrandes. An einigen Stellen verläuft sie überraschend nahe an der Funne, da das Gelände dort deutlich steiler in ihr Flusstal abfällt. Besonders gut zu erkennen ist das an der Badestraße in Richtung Freibad.
Dort erhebt sich ein kleiner Höhenzug, der grob parallel zur Straße „Auf der Geist“ verläuft. Mit bloßem Auge ist er schwer zu erkennen, doch auf dem Fahrrad spürt man den Anstieg – vor allem in Höhe der Sekundarschule an der Südkirchener Straße, von wo es dann bergab zum Freibad geht.
Warum der Friedhof auf einem Hügel liegt
Nicht zufällig liegt der Selmer Friedhof genau an dieser Stelle – auf einer kleinen Anhöhe.
Friedhöfe wurden traditionell auf Hügeln angelegt. Warum, darüber gehen die Meinungen auseinander: Die einen sagen, um näher bei Gott zu sein – und möglichst weit entfernt von der Hölle. Die anderen meinen, es sei ein rein praktischer Grund – Schutz vor Hochwasser. Zumindest in Selm spricht vieles für Letzteres: An seiner höchsten Stelle liegt der Friedhof rund zehn Meter oberhalb der Funne.
So kommt es, dass der Regen, der nördlich auf den Friedhof fällt, in die Funne fließt – während jener, der südlich fällt, etwa an der Trauerhalle, seinen Weg in den Selmer Bach nimmt. Das erscheint auf den ersten Blick paradox, denn die Funne fließt direkt hinter dem Friedhof vorbei. Doch da Wasser nicht bergauf fließen kann, nimmt es den längeren Weg, wenn es südlich der Wasserscheide niedergeht – also in diesem Fall über den Selmer Bach in Richtung Stever.

Wasser aus Selm – auf dem Weg zur Nordsee
Ob nun über die Funne oder den Selmer Bach – am Ende führt der Weg des Regens in Selm immer in Richtung Nordsee. Zunächst in die Stever, dann durch den Hullerner und den Halterner Stausee in die Lippe. Von dort weiter in den Rhein und schließlich ins Meer.
Der Regen aus anderen Teilen der Stadt fließt auf unterschiedlichen Wegen ab: Der Niederschlag in Bork oder in Teilen von Cappenberg gelangt direkt in die Lippe, ohne den Umweg über die Stever. Besonders Cappenberg, das topografisch höher liegt als der Rest Selms, befindet sich sogar auf der Wasserscheide zwischen Stever und Lippe.
Wasserscheiden durchziehen alle Kontinente – mal sichtbar, meist unsichtbar. Der Regen in Selm landet über den Rhein in der Nordsee. Das gilt auch für Städte wie Dortmund, Essen, Frankfurt oder Koblenz.
Ganz anders sieht es dagegen nur wenige Kilometer nordöstlich von Selm aus: Der Regen in Ascheberg oder Münster fließt über die Ems ab – ebenfalls in die Nordsee, aber auf einem völlig anderen Weg. Denn dort verläuft die große Wasserscheide zwischen Rhein und Ems.
Wohin der Regen fließt, entscheidet sich manchmal also auf wenigen Metern – wie auf dem Friedhof in Selm. Und so macht jeder Tropfen seine eigene Reise zurück ins Meer.
Der Kreis schließt sich. Wie das Leben einst aus dem Wasser kam, kehrt es (symbolisch) wieder zurück dorthin.

