»Paul wurde vergessen«
Diesen Satz schrieb mein Leser Karl Glowsky mit dem Kugelschreiber unter ein altes Familienfoto. Dahinter verbirgt sich die Geschichte zweier Brüder aus der Selmer Heide – und die Suche nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur.
Das Foto zeigt eine Selmer Familie. Karl hat die Personen für mich beschriftet: seine Großmutter, seinen Großvater, seinen 1916 geborenen Vater und dessen zwei Jahre ältere Schwester. Hinter ihnen stehen zwei junge Männer in Uniform. Es sind die Brüder seines Großvaters: Paul und August Glowsky.
Beide starben 1917 im Ersten Weltkrieg.


Zwei Brüder aus der Selmer Heide
Paul Glowsky
Paul Glowsky wurde am 2. Februar 1888 in der Selmer Heide geboren. Er erlernte das Schneiderhandwerk und arbeitete zeitweise in Frankreich. Unter anderem lebte er in der Rue Vauban in Lyon. Aus dieser Zeit ist ein Atelierfoto erhalten, auf dem er als junger Mann in ziviler Kleidung zu sehen ist. 1917 heiratete Paul eine Frau aus Köln. Das Paar lebte zunächst in seinem Elternhaus in der Selmer Heide.

Als Paul in den Krieg zog, war seine Frau schwanger. Doch er kehrte nicht zurück. Nach Karls familiengeschichtlichen Unterlagen starb Paul als Unteroffizier im belgischen Ledegem am 30. Oktober 1917. Zu dieser Zeit tobten in Westflandern die schweren Kämpfe der Dritten Flandernschlacht (Passchendaele). Zwischen Juli und November 1917 versuchten britische und verbündete Truppen, die deutschen Stellungen in Westflandern zu durchbrechen; Dauerregen verwandelte das Schlachtfeld in ein kaum passierbares Schlammmeer, in dem Hunderttausende Soldaten fielen, verwundet wurden oder vermisst blieben.
49 Tage nach Pauls Tod kam sein Sohn zur Welt – Paul hat ihn nie kennengelernt. Mitte der 1950er-Jahre wurde der gefallene Unteroffizier auf den deutschen Soldatenfriedhof Menen umgebettet.
Josef August Glowsky
Pauls jüngerer Bruder Josef August Glowsky, in der Familie offenbar einfach August genannt, wurde am 16. April 1895 ebenfalls in der Selmer Heide geboren.
Er diente als Grenadier in der 7. Kompanie des 3. Garde-Regiments zu Fuß. Während der französischen Offensive am Chemin des Dames, der sogenannten Schlacht bei La Malmaison, erlitt er am 25. Oktober 1917 eine schwere Gasvergiftung.

Einen Tag später, am 26. Oktober 1917, starb er im Alter von nur 22 Jahren an deren Folgen. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Ehrenfriedhof bei Ardon südlich von Laon, wohin verwundete Soldaten aus dem Frontbereich gebracht wurden.

Eine Selmer Familie verlor somit innerhalb weniger Tage zwei Söhne in zwei verschiedenen Ländern.
Dabei sind Paul und August zwei Namen in einer langen Reihe von ca. 17 Millionen Kriegstoten des Ersten Weltkriegs. Doch sobald Fotos, Lebensdaten und Familiengeschichten hinzukommen, verändert sich der Blick. Dann steht dort nicht mehr nur »Glowsky August« in einer Todesliste. Dann wird aus dem Namen ein 22-jähriger Mann, dessen Bruder ebenfalls im Krieg starb. Wir erfahren von der schwangere Frau, die später mit ihrem Kind allein nach Köln zurückkehrte Und das dieses Kind niemals seinen Vater sah.
Karl und seine Frau haben später die Gräber beider Brüder besucht: Augusts Grab in Frankreich und Pauls Grab in Belgien.




Die Namen auf den Grabsteinen in Belgien und Frankreich sind nicht nur Namen; jeder einzelne steht für ein Leben, einem Schicksal dahinter. In ihrer Selmer Heimat wird den beiden Brüdern jedoch unterschiedlich gedacht:
Augusts Name wurde an zwei Orten in Selm in Stein festgehalten: auf einem Kriegsgrab des Selmer Friedhofs und am heutigen »Mahnmal gegen den Krieg« an der Kreuzung Kreisstraße und Sandforter Weg. Pauls Name dagegen erscheint nirgendwo in Selm – obwohl die Brüder nur wenige Tage nacheinander starben. Und obwohl Karl seit Jahrzehnten versucht, das zu ändern.
Ein bekanntes Denkmal – aber kennt man es wirklich?
Bleiben wir zunächst beim Mahnmal an der Kreisstraße. Unzählige Male bin ich schon daran vorbeigekommen. Ich habe davor gestanden und auch schon auf den großen Steinblöcken. Den meisten Menschen in Selm und vielen, die regelmäßig durch den Ort fahren, dürfte die Anlage bekannt sein.
Doch kennt man sie deshalb wirklich?

In der Denkmalliste der Stadt wird der Bau nüchtern als »Kriegerehrenmal Selm, Ecke Kreisstraße/Sandforter Weg« bezeichnet. Er trägt dort die laufende Nummer 57 und wurde am 7. Februar 1990 in die Denkmalliste eingetragen. Bei den heutigen Gedenkfeiern verwendet die Stadt dagegen eine andere Bezeichnung: »Mahnmal gegen den Krieg«.
Ein wichtiger Unterschied. Denn ein »Kriegerehrenmal« blickt sprachlich zunächst auf die gefallenen Soldaten. Ein »Mahnmal gegen den Krieg« richtet den Blick stärker auf das, was aus ihrem Tod zu lernen wäre. Es ist derselbe Stein – und doch steckt in den beiden Bezeichnungen eine unterschiedliche Haltung.
Schauen wir uns das Mahnmal genauer an: Die Darstellung selbst zeigt eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten in einem angedeuteten Graben oder einer Deckung. Einige von ihnen blicken über den Rand hinaus, ein anderer scheint einen verletzten oder Toten Soldaten zu halten. Im dem Steinblock hinter ihnen ist »1914-1918« auf zwei Seiten eingraviert. Über Ihnen erhebt sich ein Kreuz. Der Sockel unter ihnen ist mit zwei Sätzen versehen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich der obere auf den unteren bezieht, weil sie in unterschiedlichen Schriften eingraviert sind. Wenn ich es richtig erkenne, steht dort gleichermaßen auf zwei Seiten des Denkmals: »TAPFER UND TREU KÄMPFTEN SIE (dann eine neue Zeile) UNSEREN OPFERN AN DER FRONT UND HEIMAT 1939 -1945«.






Doch auch Stein verwittert. Das sieht man dem Mahnmal inzwischen deutlich an. Auf der Nord- und Westseite sind noch Namen zu erkennen. Auf der Südseite konnte ich dagegen keinen einzigen mehr entziffern. Karl erinnert sich, dass dort vor etwa 15 Jahren noch der Name August Glowsky zu lesen war. Heute ist er nicht mehr auffindbar.

Was bleibt, wenn Namen fehlen und andere langsam verschwinden?
Karl beschäftigt die fehlende Erinnerung an Paul in Selm nicht erst seit gestern. Schon 2001 wandte er sich an das Tiefbauamt der Stadt Selm und verwies auf frühere Briefe aus den Jahren 1994 und 1996. Er hatte erfahren, dass das Denkmal möglicherweise durch eine weitere Marmortafel ergänzt werden sollte, und bat darum, auch Paul Glowsky zu berücksichtigen.
Mehr als drei Jahrzehnte sind seit seinem ersten Schreiben vergangen. Pauls Name wurde bislang nicht ergänzt. Die Stadt habe dazu keine Rechtspflicht, teilte sie ihm sinngemäß mit.
Juristisch mag das zutreffen.
Dabei geht es Karl doch gar nicht so sehr darum, seine eigene Familie besonders hervorzuheben. Paul und August sind für ihn vielmehr der Ausgangspunkt für eine größere Frage: Wie vollständig sind die Selmer Namenslisten überhaupt? Und welche Namen fehlen möglicherweise noch?
Und vor allem will er deutlich machen: Was geschieht mit einem Mahnmal, dessen Inschriften allmählich unlesbar werden?
Karl formulierte es in einer Nachricht an mich so:
»Mit den durch Verwitterung verblassten Namen an Mahnmalen verliert ein Mahnmal allmählich seine Wirkung.«
Damit spricht er einen wichtigen Punkt an. Wer vor einer Reihe unleserlicher Buchstaben steht, erfährt nichts mehr über die Menschen dahinter. Natürlich besteht ein Denkmal nicht allein aus seinen Inschriften. Auch der Ort selbst und die dort stattfindenden Gedenkfeiern tragen zur Erinnerung bei.
Ein bis heute genutzter Erinnerungsort
Dabei ist das Selmer Mahnmal gerade kein aufgegebener oder vergessener Ort: Jahr für Jahr findet dort am Volkstrauertag eine Kranzniederlegung statt. Vertreter der Stadt, Verbände, Vereine und weitere Gruppen beteiligen sich daran. Die Freiwillige Feuerwehr stellte bei der Gedenkfeier 2025 Fackelträger für die Ehrenwache. Anschließend gingen die Teilnehmer gemeinsam zur Kapelle St. Josef, wo die Gedenkfeier fortgesetzt wurde. Auch die Schützenbruderschaft St. Fabian und Sebastian ruft ihre Mitglieder zur Teilnahme am Volkstrauertag auf.
Karl war aus Neugier einmal persönlich dabei Seine Kritik richtet sich also gar nicht gegen das Denkmal oder die Gedenkfeier. Im Gegenteil: Weil dort weiterhin öffentlich erinnert wird, stellt sich umso mehr die Frage, ob die Namen lesbar und die zugrunde liegenden Listen möglichst vollständig sein sollten, und wie wir zeitgemäß daran erinnern. Karl schrieb mir außerdem einen Satz, der über seine beiden Großonkel hinausführt:
»Kriege sind keine Spiele, die jemand gewinnt oder verliert.«
Für die Männer, deren Namen auf Denkmälern oder Grabsteinen stehen, gab es keinen Sieg. Sie starben, viele jung, und hinterließen abgebrochene Lebenswege bei Eltern ohne Sohn, Frauen ohne Ehemann, und Kinder, die ihren Vater nie kennenlernten.
Weitere Selmer Erinnerungsorte
Ein zweiter Erinnerungsort befindet sich auf dem Selmer Kommunalfriedhof Auf der Geist. Nach Angaben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ruhen dort 81 deutsche Kriegstote aus beiden Weltkriegen: zwölf aus dem Ersten und 69 aus dem Zweiten Weltkrieg.
Während die Namen derer aus dem Zweiten Weltkrieg noch gut lesbar sind (sie sind einzeln auf Steinkreuzen angebracht), sind die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen auf dem großen Gedenkstein kaum noch lesbar. Die Witterung hat dem Gedenkstein zugesetzt, die Schrift wirkt verwaschen, und an einigen Stellen rankt Efeu über die Namen. Mittlerweile zieht sich sogar ein leichter Riss durch den Stein.
Solche Kriegsgräber sind übrigens keine gewöhnlichen Grabstellen, die nach Ablauf einer Ruhefrist verschwinden. Das Gräbergesetz bestimmt, dass die erfassten Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft dauerhaft erhalten bleiben müssen. Ihre Pflege ist damit eine öffentliche Aufgabe.


Auch im Ortsteil Bork gibt es ein eigenes Kriegerehrenmal. Die Anlage zwischen Lünener Straße und Netteberger Straße nennt 119 gefallene oder vermisste Borker Soldaten des Ersten Weltkriegs. 1959 wurde eine Tafel für die Gefallenen und Opfer des Zweiten Weltkriegs ergänzt.
Zuletzt geriet das Denkmal wegen seines schlechten und teilweise verwilderten Zustands in die Lokalpresse, der aber mittlerweile behoben wurde.
Eine digitale Ergänzung statt neuer Steinplatten?
Karl und ich haben deshalb über eine andere, zusätzliche Form der Erinnerung nachgedacht.
Der Vorschlag ist vergleichsweise einfach: Auf der Rasenfläche vor dem Selmer Denkmal könnte nahe dem Bürgersteig eine kleine, freistehende Informationstafel oder Stele aufgestellt werden. Darauf befände sich ein QR-Code, der zu einer städtischen Internetseite führt (oder einer anderen örtliche Vereinigung oder Institution).
Diese Seite könnte weit mehr enthalten als eine bloße Namensliste: Zu jedem bekannten Kriegstoten ließen sich Geburtsdatum, Wohnort, Todesdatum und Begräbnisort zusammen tragen. Fotos, Sterbebilder und Dokumente könnten ergänzt werden, sofern die Familien diese noch haben ihre Verwendung erlauben.
Der entscheidende Vorteil: Eine digitale Liste wäre nicht endgültig. Fehler könnten berichtigt, neue Erkenntnisse ergänzt und bislang fehlende Namen aufgenommen werden. Selmer Bürgerinnen und Bürger könnten dazu aufgerufen werden, Fotos, Briefe und Familienunterlagen beizusteuern.
So ließen sich aus Namen wieder Lebensgeschichten machen. Der QR-Code sollte das vorhandene Denkmal also nicht ersetzen. Der Stein bliebe als historisches Zeugnis erhalten. Die digitale Seite könnte jedoch die verblassten Namen wieder lesbar machen und die Menschen dahinter sichtbar werden lassen.
Da das Kriegerehrenmal unter Denkmalschutz steht, erscheint eine freistehende Lösung auf der vorgelagerten Fläche sinnvoller als eine Befestigung unmittelbar am Bauwerk. Natürlich müsste ein solcher Vorschlag mit der Stadt, dem Eigentümer der Fläche und der Denkmalpflege abgestimmt werden.
Dass eine solche Ergänzung grundsätzlich möglich ist, zeigt ein Beispiel aus Billerbeck. Dort wurde zunächst erwogen, Stahlplatten im Inneren des denkmalgeschützten Mahnmals anzubringen. Aus denkmalpflegerischen Gründen entschied man sich schließlich für eine Stele außerhalb des eigentlichen Bauwerks. Interessant am Rande: die Selmer und Billerbecker Denkmäler wurden beide vom selben Architekten gebaut.
Erinnerung und Mahnung braucht mehr
Ein QR-Code wird keinen Krieg verhindern. Eine vollständige Namensliste kann keinem Toten das Leben zurückgeben. Trotzdem ist es wichtig, wie wir erinnern. Manchmal muss auch Erinnerungskultur ergänzt oder erneuert werden. Gerade in einer Zeit, in der Krieg in Europa wieder zur Realität geworden ist, gewinnt diese Frage neue Aktualität.
Ein Mahnmal sollte nicht nur an einem einzigen Sonntag im November Aufmerksamkeit bekommen. Es sollte auch an einem gewöhnlichen Dienstag lesbar sein – für den Spaziergänger, die Schülerin, den Radfahrer oder jemanden, der wie ich schon hundertmal daran vorbeigefahren ist und plötzlich genauer hinsieht.
Paul Glowsky fehlt dort bis heute. Augusts Name ist mit der Zeit verblasst. Der eine wurde nie eingetragen. Der andere droht durch die Verwitterung zu verschwinden.
Unter dem alten Familienfoto bleibt Karls Satz:
»Paul wurde vergessen.«
Mein Text wird daran nichts Grundsätzliches ändern. Aber vielleicht sorgt er dafür, dass dieser Satz ein kleines Stück weniger wahr ist. Denn aus einem Namen auf einem Denkmal wird erst dann wieder ein Mensch und ein mahnendes Schicksal, wenn wir seine Geschichte kennen: der Schneider aus der Selmer Heide, der in Lyon arbeitete und im Kampf auf einem belgischen Schlachtfeld starb. Dessen Frau, die bei seinem Tod schwanger war, und dessen Sohn, der ihn nie kennenlernen konnte…


Haben Sie Familienunterlagen, Fotos oder Erinnerungen zu Selmer Kriegstoten? Wissen Sie von weiteren Namen, die am Mahnmal fehlen oder inzwischen nicht mehr zu entziffern sind? Dann schreiben Sie mir gerne (info@andre-walter.de)
Quellen und Hinweise
- Die Angaben zu Paul und August Glowsky beruhen auf Unterlagen und Fotos aus der privaten Sammlung von Karl Glowsky, die er mir zur Veröffentlichung freigegeben hat, sowie auf Informationen seiner privaten Internetseite über seine Familienforschung.
- Stadt Selm, Denkmalliste A, Eintrag Nummer 57, Kriegerehrenmal Selm, Ecke Kreisstraße/Sandforter Weg.
- Stadt Selm, Gedenkfeiern in allen drei Ortsteilen anlässlich des Volkstrauertags am 16. November 2025, veröffentlicht am 11. November 2025.
- Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Selm-Kommunalfriedhof Auf der Geist.
- Bundesministerium der Justiz, Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
- Onlineprojekt Gefallenendenkmäler zum Ehrenmal als auch zur Gefallenenliste.
- »Dritte Flandernschlacht«. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. Mai 2026, 19:21 UTC.
- Die übrigen Fotos sind von mir selbst aufgenommen.
