Beim Wort »Zölibat« denkt man heute meist an katholische Priester. Doch dass es in Preußen vor 120 Jahren auch ein staatliches Zölibat für Lehrerinnen gab, wurde mir erst bei den Recherchen für meinen historischen Roman bewusst.
Ich bin zufällig darüber gestolpert, als ich mehr über Schulen im Münsterland um 1907 wissen wollte. Das sogenannte Lehrerinnenzölibat bedeutete, dass eine Lehrerin ihre Stelle aufgeben musste, wenn sie heiratete. Und nicht nur das: auch sämtliche Pensionsansprüche wurden gestrichen, da ja nun ein Mann für sie verantwortlich war. Eine Frau musste sich also entscheiden: unterrichten oder Ehe und Familie. Beides zugleich war ausgeschlossen. (Für männliche Lehrer galt eine solche Regel umgekehrt selbstverständlich nicht.)
Das wirkt lange her, tatsächlich ist die zugrunde liegende Vorstellung aber noch gar nicht so lange aus der Welt verschwunden. Auch Flugbegleiterinnen mussten bei vielen Fluggesellschaften noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unverheiratet bleiben oder ihre Stelle aufgeben, sobald sie heirateten. Die Idee, dass eine Frau entweder berufstätig sein oder eine Familie gründen könne, hielt sich erstaunlich lange. Erst in den 1970er Jahren verschwanden solche Vorschriften nach und nach.

Um 1907, der Zeit meines Romans, entsprach das Lehrerinnenzölibat dagegen dem vorherrschenden Rollenbild. Denn im bürgerlichen Ideal des Kaiserreichs galt der Mann als Ernährer der Familie. Die Frau sollte den Haushalt führen und die eigenen Kinder erziehen. Doch eine Frau, die sich morgens um andere Kinder kümmert, kann keine eigenen Kinder aufziehen oder den Haushalt führen. Eine verheiratete Lehrerin widersprach somit diesem Rollenbild schon allein aus praktischen Gründen.
Zudem wurden gerade Volksschullehrerinnen als Erzieherinnen der Jugend gesehen. Viele Behörden waren der Meinung, nur eine unverheiratete Frau könne sich den Schulkindern vollständig widmen. Aus heutiger Sicht paradox, denn gerade Mütter hätten eigentlich Erfahrung mit Kindererziehung gehabt.
Hinzu kommt, auch wenn das nicht immer so offen gesagt wurde: Lehrerstellen waren begehrte Beamtenposten und sichere Arbeitsplätze. Viele Politiker und Schulverwaltungen fanden, diese Stellen sollten vorzugsweise Männern offenstehen. Eine verheiratete Frau hatte nach damaliger Vorstellung bereits einen Versorger und sollte daher die Stelle nicht blockieren.
Und dann ist da der vielleicht wichtigste Punkt, der ebenso wenig offen genannt wurde: Bildung und ein eigenes Einkommen schaffen Unabhängigkeit. Und wer gelernt hat, Fragen zu stellen, beginnt vielleicht irgendwann auch, bestehende Regeln zu hinterfragen. Immerhin gehörten Lehrerinnen damals zu den wenigen Frauen, die überhaupt eine höhere Bildung erhalten hatten. Sie verdienten ihr eigenes Geld, lasen Zeitungen und hatten Zugang zu Literatur, verfolgten gesellschaftliche Entwicklungen und genossen meist hohes Ansehen. Gerade in einem Dorf konnten sie zu den gebildetsten Frauen überhaupt zählen.
Das Lehrerinnenzölibat erzählt uns also einiges mehr über die damalige Zeit, als es zunächst vermuten lässt. Mein fiktives Dorf im Roman liegt zwischen Münster und Dortmund, scheinbar weit entfernt von den großen Debatten der Zeit. Doch auch dort gerät die vertraute Ordnung ins Wanken. Die Suche nach Kohle verspricht den Menschen Wohlstand und Fortschritt, bringt aber auch neue Leute und neue Gedanken ins kleine, katholische Dorf. Gleichzeitig fürchten viele um ihre Heimat und die gewohnte Lebensweise. Die alte und die neue Welt prallen aufeinander, auch in der Schule.
In meinem Dorf lebt so eine Frau, die gelesen hat, die Fragen stellt und die sich nicht damit begnügt, alles als gottgegeben hinzunehmen. Sie wird von der Dorfgemeinschaft als Lehrerin zwar äußerst respektiert, aber manchmal sind ihre scharfen Beobachtungen auch lästig. Etwa, wenn sie den Dorftratsch nicht mitmacht, sondern analytisch auf die wahren Hintergründe schaut.
Natürlich verrate ich an dieser Stelle nicht, welche Rolle das Thema tatsächlich im Roman spielen wird. Aber beim Lesen über das Lehrerinnenzölibates hatte ich mehrfach das Gefühl, einem historischen Detail zu begegnen, das Größer ist, um nur als Fakt am Rande des Romans mitzuschwingen. Denn letztlich geht es dabei um eine Frage, die heute genau so gilt: Bin ich bereit, meine Leidenschaft und mein Interesse für etwas anderes aufzugeben? Oder zumindest einzutauschen? Es sind Hoffnungen, Zweifel und Sehnsüchte, die Menschen auch heute bewegen. In jedem Fall ist das ein Fundament für die Gestaltung einer meiner Romanfiguren und ihrer Gedankenwelt.
Offiziell verschwand das Lehrerinnenzölibat übrigens nach dem Ersten Weltkrieg mit der Weimarer Verfassung vom 11. August 1919. In der Praxis vermutlich nicht so schnell, wie das Beispiel der Flugbegleiterinnen zeigt. Die dürfen heute rechtlich zwar selbstverständlich heiraten, vermutlich ist das aber manchmal aus anderen Gründen, der der Beruf mitbringt, auch nicht immer so einfach (siehe z.B. dieser Link: Können Flugbegleiter heiraten? Die Wahrheit über die Liebe am Himmel)
Mehr zum Lehrerinnenzölibat im Internet:
https://www.sueddeutsche.de/politik/geschichte-lehrer-bildungspolitik-gleichberechtigung-1.4557432