Wenn man heute an das Münsterland denkt, denkt man fast automatisch auch an Fahrräder. Vorallem Münster selbst ist ja der Inbegriff des Fahrradfahrens schlechthin. Doch wie war es vor 120 Jahren, der Zeit meines Romans?
Zumindest lässt sich sagen: Um 1900 taucht das Fahrrad plötzlich überall auf. Nicht sofort auf jedem Bauernhof, aber schleichend als ernstes
Zufällig bin ich vor einiger Zeit im Urlaub im Phantechnikum in Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) auf mehrere Räder aus genau dieser Zeit gestoßen. Dünne Reifen, schmale Rahmen, Ledersättel, kleine Laternen aus Messing. Alles wirkt gleichzeitig elegant und fragil. Fast so, als dürfe man damit nur bei gutem Wetter fahren. Und doch waren diese Räder gebaut für schlechte Wege, für lange Strecken und für Menschen, die oft nichts anderes hatten.

Besonders interessant fand ich dort eine Tafel zur Entwicklung der modernen Fahrräder zwischen 1900 und 1920. Beschrieben wird, wie aus den frühen Niederrädern nach und nach das Fahrrad entstand, das wir heute noch erkennen würden: zwei gleich große Räder, Kettenantrieb, Sitz zwischen den Rädern. Erst mit dem Freilauf wurde das Fahren wirklich alltagstauglich. Vorher musste man die Füße beim Bergabfahren sogar von den Pedalen nehmen und auf die Vordergabel stellen.

Dazu passt auch ein Foto, das ich auf dem Stadtfest in Selm gemacht habe. Zu sehen ist dort ein sogenanntes Hochrad aus dem späten 19. Jahrhundert, also noch die Zeit vor den Fahrrädern, wie sie um 1907 bereits üblich wurden. Typisch für diese frühen Modelle war das riesige Vorderrad. Die Pedale saßen damals direkt an dessen Achse. Einen Kettenantrieb gab es noch nicht. Wer schneller fahren wollte, brauchte also schlicht ein größeres Rad.

Allein das wirkt heute schon fast absurd. Und bequem oder sicher war das Ganze wohl ebenfalls nicht. Auf schlechten Wegen konnten Fahrer leicht nach vorne stürzen. Trotzdem muss so ein Gefährt damals wie ein Blick in die Zukunft gewirkt haben. Besonders passend fand ich allerdings den Werbespruch auf dem alten Plakat daneben. Das Fahrrad wird dort beschrieben als
»ein immer gesatteltes Pferd, das nichts frisst«.
Besser kann man den technischen Fortschritt jener Zeit wohl kaum zusammenfassen! Für Menschen, die ihr Leben lang mit echten Pferden, Fuhrwerken und langen Fußmärschen aufgewachsen waren, muss genau das die eigentliche Sensation gewesen sein: plötzlich unabhängig zu sein von Stall, Futter und Pferd. Einfach aufsteigen und losfahren – zumindest so weit, wie die eigene Beine Kraft haben.
Für ein Dorf im Münsterland bedeutete ein Fahrrad damit plötzlich etwas ganz Konkretes: Entfernungen schrumpften. Das Fahrrad brachte Bewegung in eine Welt, die jahrhundertelang vergleichsweise klein geblieben war. Viele Menschen verließen ihr Dorf nur selten. Nun wurde der Weg in die Nachbarstadt kürzer. Knechte, Häncler und Handwerker kamen weiter herum. Junge Leute konnten Orte erreichen, die vorher praktisch außerhalb ihres Lebens lagen. Vor allem für die Landbevölkerung muss das ein Einschnitt gewesen sein, wenn das Zweirad Wege auf ein Drittel oder weniger in der Zeit schrumpfen ließ.
Besonders hängen geblieben ist mir im Museum ein Foto eines Mannes auf Fahrradreise von 1903. Museumskonservator Adolf Stubenrauch schrieb damals trotz »vieler nasser Puckel und des permanenten Regens« begeistert von seiner Tour durch Vorpommern. Das klingt erstaunlich modern. Offenbar gehörte es schon damals dazu, sich über Wetter, schlechte Wege und Müdigkeit zu beklagen und am nächsten Morgen trotzdem weiterzufahren.

Die wichtigsten Entwicklungsschritte des Fahrrads bis etwa 1907 lassen sich sogar auf wenige große Erfindungen herunterbrechen. Vieles davon wirkt heute selbstverständlich, war damals aber geradezu revolutionär:
- 1817: Die Draisine von Karl von Drais
Der eigentliche Beginn der Fahrradgeschichte. Ein lenkbares Zweirad ohne Pedale, das mit den Füßen abgestoßen wurde. Zum ersten Mal funktionierte das Zweiradprinzip überhaupt. - 1861–1863: Pedale am Vorderrad
Pierre Michaux entwickelte das erste Fahrrad mit Tretkurbeln direkt am Vorderrad. Damit wurde aus der Laufmaschine ein echtes Fahr-Rad. - Ab 1870: Das Hochrad
Um schneller fahren zu können, wurde das angetriebene Vorderrad immer größer. So entstanden die berühmten Hochräder. Schnell, spektakulär — aber auch gefährlich. Viele Fahrer stürzten kopfüber nach vorne. - 1885: Das Sicherheitsniederrad
Der große Durchbruch zum modernen Fahrrad. John Kemp Starley entwickelte das sogenannte »Safety Bicycle« mit zwei ähnlich großen Rädern, Kettenantrieb und niedrigem Schwerpunkt. Dieses Prinzip wird bis heute verwendet. - 1888: Der Luftreifen
John Boyd Dunlop erfand den Luftreifen. Erst dadurch wurden Fahrräder wirklich bequem und alltagstauglich, besonders auf schlechten Straßen und Kopfsteinpflaster. - Um 1900: Freilauf und bessere Bremsen
Der Freilauf machte das Fahren deutlich angenehmer, weil die Pedale beim Rollen nicht mehr ständig mitdrehten. Gleichzeitig verbesserten sich Bremsen, Rahmen und Bereifung. Das Fahrrad wurde endgültig zum Massenverkehrsmittel. - Bis 1907:
Das Fahrrad hatte seine heutige Grundform praktisch schon erreicht: Diamantrahmen, Kettenantrieb, Luftreifen, Lenker und zwei gleich große Räder. Viele Räder aus der Zeit um 1907 sehen deshalb überraschend modern aus.
(Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Fahrrads)

Für meinen Roman ist das alles spannend. Denn ein Fahrrad verändert nicht nur Fortbewegung. Es verändert auch das Denken und die Möglichkeiten: Ein junger Mann aus dem Dorf konnte plötzlich regelmäßig in die Stadt fahren. Eine Tochter vom Hof kam vielleicht schneller und unbeobachteter irgendwohin, als ihren Eltern lieb war. Nachrichten, Ideen und Bekanntschaften bewegten sich schneller durch die Gegend. Vielleicht begann die Moderne auf dem Land für viele leise klackernd mit einer Fahrradkette auf einem sandigen Weg zwischen zwei Feldern?
Meine Großmutter, Jahrgang 1926, erzählte jedenfalls immer mit großer Freude von ihren Fahrten mit dem Fahrrad. Zusammen mit ihrer Freundin fuhr sie von Waltrop nach Selm zur Tante. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange die Strecke dauerte und welchen Weg sie nahmen. Aber sie schwärmte immer davon. Der Korb vollgepackt mit Brot, Speck und allem, was man bei der Tante tauschen wollte. Nur einmal wäre eine solche Fahrt beinahe tödlich geendet. Im Zweiten Weltkrieg musste sie sich bei einem Tieffliegerangriff im letzten Moment auf offenem Feld in Sicherheit bringen.
Das Fahrrad war damals längst mehr geworden als nur ein Fortbewegungsmittel. Es stand für Beweglichkeit, Freiheit und ein Stück neue Zeit. Ähnlich wie die ersten Fabriken, Telegraphenleitungen, Bahnschienen oder später die Automobile. Nicht zufällig entstanden damals vielerorts Radfahrervereine. Und auch neue Wörter verbreiteten sich. In Münster sagte man bald »Leeze«, anderswo »Fietse« und die Zweiräder bekamen ihren festen Platz im Alltag.
Auch in meinem Roman werden Fahrräder eine wichtige Rolle für ein geheimes Treffen spielen. Aber damals, im echten Münsterland des Jahres 1907 stand wahrscheinlich irgendwo am Wegrand ein Bauer, sah dem Fahrer nach und dachte: So etwas braucht doch kein Mensch…
