Interessante Einblicke zu Lünen: Der Theologe und Pfarrer Friedrich Christoph Müller (1751–1808) hatte ein großes Interesse an der Vermessung der Welt. Er zeichnete mehrere Karten meiner Heimatregion. Eine der ersten war die 1775 von ihm erstellte »Neue und vollständige Special-Situations Charte von der Grafschaft Marck«.

Die Karte zeigt die gesamte Grafschaft Marck zwischen Hamm im Norden und Meinerzhagen im Süden. Für mich am interessantesten ist natürlich der Bereich um Lünen, meine Heimat. Leicht zu erkennen am Verlauf der Lippe.
Lünen ist selbst (oder vielmehr das damalige »Amt Lünen«) ist auch gut zu erkennen, vor allem die heutige Langestraße in der Innenstadt ist darstellt. Vier Wege führen hinaus in alle Richtungen. Bekannte Namen der heutigen Zeit wie Cappenberg, Gahmen und Werne sind eingetragen, ebenso auch Dahl und Horst.

Spannend sind zunächst die auffälligen Inseln in der Lippe. Ich vermute, dass Müller den Flusslauf hier stark vereinfacht dargestellt hat – vielleicht wurden auch künstliche Durchstiche oder Schleusenkanäle wie natürliche Seitenarme eingezeichnet. Zwar mäandert die Lippe durch die Landschaft, bildet Nebenarme und wurde an manchen Stellen zwischen zwei Flussschleifen abgekürzt, etwa an der Schleuse Horst. Dass jedoch derart große Inseln mitten im Fluss lagen, erscheint mir eher unwahrscheinlich.
Interessant finde ich auch, dass die Buddenburg auf der Karte als eigener Bezirk erscheint. Die Abkürzung »GER.« steht dabei nicht für »Germany«, sondern schlicht für »Gericht«: Gemeint ist das besondere Gericht Buddenburg, das neben der Burg auch Lippholthausen umfasste.
Ganz unabhängig war dieses Gebiet allerdings nicht. Herzog Wilhelm von Kleve-Mark hatte die Buddenburg mit ihrem Umland 1549 als selbstständiges Niedergericht anerkannt. Der jeweilige Herr von Frydag war Gerichtsherr und ließ sich durch einen eigenen Richter vertreten; für Berufungen war der Magistrat der Stadt Lünen zuständig. Die sogenannte Herrlichkeit Buddenburg gehörte dennoch zum märkischen Amt Lünen – ein kleines Gebiet mit eigenen Rechten innerhalb eines größeren Territoriums. (vgl. LWL-Portal Westf. Geschichte)
Dann fällt mir noch auf, dass Brambauer als »Bramburr« bezeichnet ist. Einen Ort gab es damals nicht, die Brambauerschaft war lediglich eine Ansammlung von Höfen. Dennoch ist es interessant, weil ich es bisher nur so kannte, dass es eben als Brambauerschaft oder als Ginsterbauerschaft bezeichnet wurde. Und manchmal sogar nur als Königsheide.
Ein ganz großes Fragezeichen habe ich allerdings hierbei:

»Der wüste=Berg« lässt sich noch recht gut einordnen. Heute ist die Gegend als Wüstenknapp bekannt. Die dort noch sichtbaren »Berge« sind allerdings künstliche Erhebungen – Bergehalden der ehemaligen Zeche Victoria. Schon vor dem Bergbau befand sich hier jedoch eine natürliche Anhöhe, auf der unter anderem Schützenfeste und Vogelschießen stattfanden.
Rätselhaft bleibt für mich dagegen ein Zeichen über dem Schriftzug »Alt Lünen«. Dort sind gezackte Linien eingezeichnet, darüber ein Quadrat mit hervorstehenden Ecken. Auf den ersten Blick erinnert mich das an die typische Darstellung einer Befestigungsanlage oder Schanze. Demnach müsste sie zwischen Lünen im Süden und Cappenberg im Norden, westlich des Wüstenknapps, gelegen haben. Ich sehe dieses Zeichen hier zum ersten Mal; bislang war mir nicht bekannt, dass sich dort eine solche Anlage befunden haben könnte.
Vielleicht ist aber doch Schloss Cappenberg gemeint. Der Hügel, auf dem es steht, fällt nach Süden hin deutlich ab. Auf der Karte erscheint mir das Zeichen allerdings recht weit südlich und auch ziemlich weit vom Schriftzug »Cappenberg« entfernt.
Möglicherweise hat Müller den Standort des Schlosses an dieser Stelle nur ungenau wiedergegeben. Auffällig ist jedenfalls, dass der Ort Cappenberg außerhalb des Amtes Lünen liegt, das Schloss nach der eingezeichneten Grenzlinie jedoch darin. Oder stellt das Zeichen etwas ganz anderes dar? Zumindest taucht diese vermeintliche Befestigung auf Müllers späteren Karten nicht mehr auf. Und man muss wohl auch bedenken: Um 1775 dürfte eine solche Anlage kaum noch einen nennenswerten militärischen Nutzen gehabt haben.
Nach dieser Karte zeichnete Müller noch weitere der Grafschaft Mark. Und sie wurden immer genauer: so führte er 1789 und 1790 sogar eine trigonometrische Landesvermessung durch – eine bemerkenswerte Leistung für jemanden, der hauptberuflich eigentlich auf der Kanzel stand und dies möglicherweise nur nebenher gemacht hat.
Mehr zu diesen Karten folgt!
