Nachdem ich mich zuletzt mit dem Lehrerinnenzölibat beschäftigt habe, bin ich bei der weiteren Recherche für meinen historischen Roman gleich beim nächsten Schulthema hängen geblieben: den Herbstferien am Ende der Erntezeit.
Die Handlung meines Romans beginnt kurz nach dem Herbstanfang im September 1907. Ein Großteil der Ernte ist da bereits eingefahren und das Erntedankfest steht vor der Tür. Da wie genannt auch eine Lehrerin eine wichtige Rolle im Roman spielt, habe ich versucht herauszufinden, wie es sich mit den Schulferien verhielt. Denn die Frage ist nicht unwichtig, ob meine Lehrerin morgens in der Schule unterrichtet oder ob sie Zeit für anderes hat.
Tatsächlich ist das keine leichte Recherche. Es scheint, dass Ferien damals in einem gewissen Umfang auch an den örtlichen, lokalen Begebenheiten angepasst waren und nicht zentral, wie heute für ein ganzes Bundesland, festgelegt wurde. Besonders spannend wurde es, als ich in der Lünener Zeitung von 1908 in den Septemberausgaben Werbeanzeigen »Zum Schulanfang« fand. Geworben wurde dort allerdings nicht für Schulhefte, Füllfederhalter oder Kreidetafeln, sondern für Bekleidung! Kinderhüte, Schürzenstoffen, Strümpfe, Matrosenmützen und allerlei Weiteres für Jungen und Mädchen:



Anzeigen in der Lünener Zeitung vom 5. bzw. 8. September 1908 (Quelle: Stadtarchiv Lünen)
Interessant finde ich außerdem, was die Zeitungsanzeigen nicht zeigen: Während für Kleidung, Schuhe und Hüte großzügig geworben wurde, fand ich keine Werbung für Schulmaterialien. Vielleicht gab es damals eben nur die Kreidetafel oder einen Füllfederhalter und nicht wie heute verlangt, dutzende Stifte, Hefte, Papiere in bestimmten Formen, Farben, Maße. Ein neuer Anzug oder ein paar ordentliche Schuhe stellten jedenfalls einen deutlich größeren Kostenfaktor dar und vermutlich war es wichtiger, wie das Kind angezogen war (Status).

Diese Anzeigen brachten mich aber auch ins Grübeln, wie denn wohl das Schuljahr ausgehen haben mag, wenn Anfang September mit dem Schulanfang geworben wurde. Zumindest das ist klar: die schulfreien Zeiten orientierten sich sehr stark an der Landwirtschaft, wenn die Kinder auf den Feldern gebraucht wurden. Und im Vergleich zu heute auch noch stärker am kirchlichen Jahreskreis.
Nun soll mein Roman ja eben ein Roman sein und keine Doktorarbeit über das Kaiserreich, doch gerade solche Feinheiten entscheiden manchmal darüber, ob die Geschichte an der Stelle plausibel wirkt. Gleichzeitig darf ich mich aber (mit Blick auf die Uhr) auch nicht zu sehr in Details vertiefen. Ich nehme daher, als Kompromiss zwischen Recherche und Fiktion für meinen Roman mit:
Wahrscheinlich gab es im Münsterland um 1907 im Juli und August die großen Ernteferien. Die Äcker wurden abgeerntet, die Scheunen gefüllt. Dann folgte im September der reguläre Unterricht (daher die Zeitungsanzeigen zum Schulstart) und dann gab es nochmal einige Tage zum bzw. nach dem Erntedankfest frei. Die Ernteferien dienten also dazu, bei der Ernte zu helfen, und die Herbstferien lagen anschließend in einer Zeit, in der vielerorts Erntedankgottesdienste gefeiert und Märkte veranstaltet wurden. Danach konnte das Dorf nach den arbeitsreichen Sommermonaten zur Ruhe kommen und sich Anfang Oktober auf den Winter vorbereiten.

So wird es dann auch in meinem Roman geschehen. Am Samstag, 5. Oktober ist der letzte Schultag. Am anschließenden Sonntag findet dann das große Erntedankfest in meinem fiktiven Dorf statt. Mit Erntekrone, Aufzug der Vereine, Gottesdienst, der gemütlichen Einkehr in der Dorfkneipe und anschließendem, großem Markt und Fest auf dem Dorfplatz. Und dann prallt sie wieder aufeinander, die alte Welt, und die neue Welt, die die Suche nach der Kohle ins Dorf bringt – und dazwischen ein paar Kinder, die sich einen Kohlkopf gemopst haben, um damit Ball zu spielen. Und ein aufgeregter Knecht, der ihnen hinterher rennt…
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