Roman-Recherche 5: Zeitungsanzeigen

Für meinen Roman schaue ich auch in alte Zeitungen aus dem Jahr 1907. Hier zum Beispiel der Anzeigenteil einer (mutmaßlich) Dortmunder Zeitung:

– Morgenmädchen gesucht.
– Abendmädchen gesucht.
– Ein properes Mädchen gesucht.

Junge Frauen boten ihre Arbeitskraft stundenweise an – für Küche, Kinder, Wäsche und Ordnung. Kein Vertrag. Kein Mindestlohn. Aber ein tadelloser Ruf war damals absolute Pflicht (und oft auch dieselbe Religion).

Ein Morgenmädchen kam früh am Tag: Feuer machen, Betten richten, Frühstück vorbereiten.

Ein Abendmädchen arbeitete nachmittags und abends: Tisch decken, Abwasch, Kinder hüten.

Und ein »Properes Mädchen« bedeutete: sauber, ordentlich – und vor allem von gutem Ruf und moralisch »einwandfrei« (keine Gerüchte, keine unehelichen Kinder, kein »lockerer Lebenswandel«).

Der Begriff war vor 120 Jahren keine Berufsbezeichnung, sondern ein soziales Qualitätsurteil – extrem wichtig, besonders für Haushalte mit Kindern oder alleinstehenden Männern.

Kurzum: es wurde nicht gefragt, was kannst du, sondern: wie bist du, was sagen die Leute über dich?

(genauer Name der Zeitung und Datum der Ausgabe im Moment unbekannt)