Stellen Sie sich vor, es gäbe ein amtliches, hochoffizielles Buch, in dem jede Familie einer Stadt mit ihrer Anschrift und dem Beruf des Hauptverdieners stünde. Sie wüssten sofort, ob ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten sich wirklich das neue Haus oder den neuen Wagen leisten könnten. Oder ob sie ihnen was vormachen und der »Hochdotierte Job bei einer Wirtschaftskanzlei« doch nur daraus besteht, Kaffee an die Beschäftigen auszuschenken.
Heute eine undenkbare Vorstellung. Doch vor 120 Jahren war das anders, wie ich bei meiner Roman-Recherche bemerkte. Denn um das fiktives Dorf zwischen Münster und Dortmund im Buch so authentisch wie möglich zu gestalten, habe ich mir u.a. ein besonderes Dokument angeschaut: das Adressbuch für Lünen von 1907.

Und 1907 stand nicht der Datenschutz im Vordergrund, sondern die soziale Stellung. In der Gesellschaft von einst war es überlebenswichtig, den Stand des Gegenübers zu kennen. Das Adressbuch lieferte die Antwort auf die Frage: »Wer ist das und was darf er?« Ohne den Beruf war der Name beinahe wertlos. Man musste wissen, ob man es mit einem »ehrbaren« Schreinermeister oder einem einfachen Tagelöhner zu tun hatte. Diese Information entschied darüber, wie man sich grüßte, ob man gemeinsam am Wirtshaustisch saß oder ob eine Heirat überhaupt denkbar war. Andererseits gab es, soweit mir bekannt, zu der Zeit noch kein Zentrales Einwohnermeldewesen, daher kam dem Adressbuch auch diese Funktion zu. In der Regel wurde es alle zwei bis drei Jahre erneuert.
Das Buch gliedert sich in folgende Teile:
1. Teil: Bürgermeister, Behörden, besondere Beamte, etc.
2. Teil: Einwohner der Stadt Lünen. Hierbei handelt es sich um ein alphabetisches Verzeichnis der Haushaltsvorstände inklusive deren Anschrift und dem Beruf (Überschlägig ca. 500 Haushalte). Die übrigen Familienangehören sind nicht aufgeführt.
3. Teil: Verzeichnis der Geschäfts- und Gewerbetreibenden der Stadt Lünen
4. Teil: Einwohner in der »Umgegend von Lünen«
(nach Gemeinden getrennt):
- Gemeinde Altenderne-Niederbecker
- Gemeinde Altenderne-Oberbecker
- Gemeinde Beckinghausen
- Gemeinde Gahmen
- Gemeinde Horstmar
- Gemeinde Hostedde
- Gemeinde Kirchderne
- Gemeinde Lippholthausen
Mir geht hier in in diesem Beitrag heute nur um Teil 2: Die Bewohner Lünens um 1907.

Die Industrie hält Einzug
Wenn ich durch das Adressbuch blättere, fällt mir auf, dass es sehr viele Maurer, Zimmerleute und Dachdecker zu der Zeit in Lünen gab. Offenbar herrschte zu der Zeit ein Baurausch. Und das ist auch plausibel, denn in Lünen setzte die Industrialisierung gerade ein. Erste Bergwerke entstanden, Zechenkolonien, Fabriken. Erwartbarer sind da die zahlreichen Bergmänner, Hauer, Schlepper.
Meinem Roman-Dorf steht dies erst noch bevor, doch gerade deshalb ist das Adressbuch von Lünen so spannend, denn es zeigt die Transformation; den Übergang von der alten (ländlichen) Welt in die moderne Industriewelt.
Dieser Umbruch wird greifbar, wenn man die Namen hinter den Berufen betrachtet. Es ist ein Spiel der Kontraste, das die soziale Kluft jener Tage offenbart. Auf der einen Seite begegnen uns Männer wie der Sanitätsrat Dr. Ludwig Althoff in der Bäckerstraße. Sein Titel war nicht nur eine Berufsbezeichnung, sondern ein unantastbares Privileg. Ebenso der bekanntere Alfred Potthoff, Fabrikbesitzer der »Luisenhütte«, der späteren Eisengießerei und Maschinenfabrik Potthoff & Flume AG, dessen Villa heute noch an der Dortmunder Straße hervorsticht. Beide verkörperten beispielhaft die akademische oder wirtschaftliche Elite, die in großen, herrschaftlichen Zimmern residierte und deren Wort im Dorf oder der Stadt Gesetz war. Oder schlicht Menschen, die aus welchem Umständen auch immer, zu Geld gekommen waren, wie der Privatier August Meermann

Dem gegenüber steht das neue Gesicht Lünens: Männer wie der Hauer Anton Gurski oder der Schlepper Stanislaus Nowaczyk. Ihre Namen zeugen von Zuwanderung aus dem Osten, die damals ins Ruhrgebiet durch den Bergbau einsetzte. Sie wohnten oft in den engen, teilweise noch mittelalterlichen Häusern (beide hier in der Mauerstraße) oder eben in den Zechenkolonien. Für sie bedeutete der Aufbruch in die Moderne nicht Prestige, sondern zunächst harte, gefährliche Knochenarbeit unter Tage.
Invaliden
Und dann gibt es jene, die den Preis für diesen Fortschritt, für die harte Arbeit, bereits bezahlt hatten: Männer wie Gottlieb Brenk, hinter dessen Namen nur noch das Wort »Invalide« steht. Wo er genau seine Gesund verloren hat, läßt sich nur mutmaßen. Im Besten Fall bekam er ein wenig Geld aus der Invalidenversicherung, viele erhielten damals auch gar keine staatliche Unterstützung. Wieder andere, etwa Adam Klaßen, trugen die konkretere Bezeichnung »Reichsinvalide«. Hierbei vermute ich, dass es sich um ehemaligen Soldaten handeln könnte, Kriegsopfer, die eben eine (kleine) Entschädigung durch das Deutsche Reich bekamen. Manche wie »Friedrich Lange« tragen auch die explizite Bezeichnung »Berginvalide«. Hier lässt sich zumindest eine gewisse Fürsorge durch die Knappschaft vermuten, doch sicherlich nicht vergleichbar mit heutigen Förderungen.
Nicht in Lünen, aber in manch anderer Stadt, gab es schließlich auch Invalidenhäuser und Invalidenstraßen; also Orte, wo einige zumindest kostenlose Unterkunft und Verpflegung erhielten.

Die dazwischen und die vom Rand
Besonders faszinierend für meinen Roman sind aber jene, die in der Mitte sitzen. Zwischen den Oberen und den Neuen nämlich die, die dem alten Handwerk nachgehen. Seilmacher, Wagner, Sägemüller, Weber, Schmiede, Töpfer usw… Da ist zum Beispiel Bernhard Bäumer, der in der Cappenbergerstraße eine eigene Pfeifenfabrik betrieb. Er steht für das alte Handwerk, das sich gegenüber der neuen Industriewelt aus Kohle und Stahl behaupten musste. Oder der »Modelleur« August Angerstein, der mit seinem künstlerischen Geschick vermutlich jetzt die Gussformen für die Fabriken schuf. Ebenso all die anderen Kaufleute, Händler, Metzger, Bäcker. Aber auch: Straßenbahnschaffner (es gab zu der Zeit eine Straßenbahnverbindung nach Dortmund!),
Dazwischen immer wieder auch solche, die eher niederen Tätigkeiten nachgingen, etwa der »Lumpensammler« Hermann Lenz oder der »Handlanger« Theoder Lüttecke oder die unzähligen Tagelöhner. Alles für jeden niedergeschrieben im Adressbuch.
Unklar ist mir, was genau Georg Schulz Tätigkeit war, wenn er als »Leibzüchter« tituliert wird. Ich vermute, es geht hier nicht um körperliche Züchtigung, sondern Richtung Leibgedinge – also jemand, der ein Nutzungsrecht an z.B. Land oder einem Hof hatte und davon ggf. leben konnte.
Frauen und andere Unsichtbare
Besonders auffällig ist aber die ökonomische Unsichtbarkeit der Frauen. Im Adressbuch 1907 tauchen sie meist nur dann als Haushaltsvorstände auf, wenn sie als »Witwen« geführt werden (Kürzel Ww). Ihr gesellschaftlicher Status war oft nur ein Echo des verstorbenen Ehemannes, ein bloßer Platzhalter in einer männlich dominierten Welt. Doch beim genauen Hinsehen entdeckt man jene Frauen, die vermutlich den Mut und die Chance hatten, den vorgezeichneten Weg zu verlassen und sich eine eigene Existenz aufzubauen.
Da sind etwa Ida und Martha Appel, beide wohnhaft in der Langestraße 9. Ida ist mit einem Stickgeschäft verzeichnet, Martha als »Handarbeits- und Turnlehrerin« gelistet. Da Martha als Lehrerin (ein Beruf für ledige Frauen, Stichwort »Lehrerinnen-Zölibat«) und Ida mit einem eigenen Geschäft aufgeführt ist, vermute ich, dass es sich um unverheiratete Schwestern oder eine Witwe mit ihrer erwachsenen Tochter handeln könnte.
Auch Adelgunde Ackermann oder Sophie Klostermann als Krankenschwestern oder die Witwe Schulte-Derne, die mit ihrer Wirtschaft »Waldlust« einen ganzen Betrieb leitete, zeigen: Es gab sie, die Risse im starren Gefüge, durch die der Wille nach einem selbstbestimmten Leben schimmerte.

Trotz einiger Ausnahmen: in den allermeisten Fällen erscheinen Frauen mit dem Kürzel »Ww«.
Zusätzlich gibt es die unsichtbare Armee von Dienstboten und Haushälterinnen, die oft gar nicht namentlich, sondern nur indirekt über die Größe und Art der Haushaltungen im Adressbuch mitschwingen. Ein Haushalt wie der des Sanitätsrats Althoff oder des Oberlehrers Saarmann funktionierte nur durch dieses Personal, das meist aus den umliegenden Dörfern kam, um in der Stadt »in Stellung« zu gehen (Siehe dazu meinen Artikel über die Zeitungsanzeigen).
Für meinen Roman sind das brauchbare Details: Die Begegnung zwischen der Tochter aus gutem Hause und dem Dienstmädchen, das im selben Haus lebt und doch in einer völlig anderen Welt gefangen ist. Es zeigt die scharfe Trennung zwischen denen, die bedient wurden, und jenen, die im Verborgenen dafür sorgten, dass der bürgerliche Alltag aufrecht erhalten wurde. Und ebenso die wenigen Frauen, die den Mut oder die Chance hatten, unabhängig ihren eigenen Weg gegen jeden Widerstand zu gehen.
Wenn Welten aufeinanderprallen
Doch nicht nur einzelner Mut und soziale Schichten trafen in Lünen aufeinander, sondern auch Welten. Beim Durchblättern der Seiten stolpere ich immer wieder über Namen wie Majewski, Kosciow oder Napieralski. Diese Männer kamen nicht aus Westfalen, sondern aus dem Osten; aus Schlesien z.B., Angelockt von der Aussicht auf Geld auf der Zeche.
Und genau dieser Zusammenprall von Welten befeuert auch die Dynamik in meinem Roman. Es war ein ständiges Messen: Wer darf wen zuerst grüßen? Wer muss den Bürgersteig räumen? Wer darf welches Fräulein ansprechen oder zum Tanz bitten? Zudem kam mit der Kohle Geld in Schichten der Gesellschaft, die vorher schlicht nicht existierten. Ein erfahrener Hauer verdiente plötzlich mehr als mancher kleine Beamte. Das alte Gefüge aus »Glaube, Gewissheit und Sage«, das mein Dorf im Roman so lange getragen hat, bekommt Risse. Wenn der »einfache« evangelische Bergmann aus Schlesien am Sonntag den gleichen »Sonntagsstaat« trägt wie der katholische alteingessene Kaufmann, bricht für die alte Elite möglicherweise eine Welt zusammen.
In meinem Roman nutze ich diese Reibungspunkte. Wenn sich die fremden Arbeiter mit den Dorfmädchen anfreunden wollen. Oder der Pastor sieht, wie immer mehr Protestanten vor seiner katholischen Kirche stehen.
Für meine Geschichte ist das ein entscheidendes Motiv: Wie reagiert eine eingeschworene Gemeinschaft auf diese »Fremden«, deren Namen man kaum aussprechen kann und die nun das schwarze Gold unter ihren vertrauten Ackern holen wollen? Das Adressbuch hilft mir, die Gräben innerhalb der Gemeinschaft plausibel zu ziehen: Zwischen denen, die an der alten Gewissheit festhalten, und jenen, die im Ruß der neuen Zeit eine Chance auf Veränderung erkennen.
Und dann zeigt das Adressbuch noch andere schöne Dinge, die spannend sind: alte Straßennamen, ein Blick in die Geschäftswelt und zu den beliebtesten Vornamen jener Tage. Doch darüber, schreibe ich ein anderes mal.
