Brambauers verborgener Grenzstein

Zu sehen ist erst einmal nichts. Weder von der Brambauerstraße, noch vom Rand des Pumpwerkgeländes. Nur wenn man ganz genau durch den Zaun über den Teich schaut – und wenn die Sonne günstig steht- sieht man ihn: den alten Grenzstein, der einst Dortmund und die Grafschaft Marck trennte. Normalerweise ist der Zutritt verboten, doch 2006 durfte ich ihn mir einmal ansehen.

Da muss man schon genauer hinsehen…

Die alte »Brambauerschaft« gehörte einst zum Gebiet der Grafschaft Dortmund, während Lünen und das benachbarte Lippholthausen zur Grafschaft Mark zählten. Im Jahr 1565 wurde die Grenze zwischen beiden Territorien (nach langem Streit) genauer festgelegt. Dabei blieb es nicht nur bei einer Linie auf einer Karte: Es wurden zusätzlich Landwehren, Gräben, Wälle und Hecken angelegt (z.B. heute noch sichtbar im Brambauer Volkspark). Auch kleinere Befestigungen wurden angelegt, wie man an der Geschichte der Schanze Ferige sehen kann. Zusätzlich wurden nach 1613 neue Grenzsteine aufgestellt.

Heute lässt sich diese Trennung im Stadtbild kaum noch erkennen. Brambauer wurde 1928 nach Lünen eingemeindet und Lippholthausen gehörte bereits seit 1914 zur Stadt, die Grafschaften Marck und Dortmund existieren gar nicht mehr. Doch einer dieser Grenzsteine, der blieb stehen. Von seiner Existenz hörte ich erstmals in der Grundschule und Lünens Stadtarchiv Fredy Niklowitz berichtete darüber in seinem Buch »Brambauer, von der Bauerschaft zum Industrieort«.

2006 wollte ich mir das einmal selbst an sehen und der Lippeverband ermöglichte mir mit einer kleinen Gruppe des »Brambauer Forum« tatsächlich einen Einblick. Wir bekamen eine Führung über das ansonsten verschlossene Gelände des Pumpwerkes.

Als wir uns dem Stein näherten, war zunächst nicht viel zu sehen. Erst aus der Nähe ließen sich die eingemeißelten Buchstaben erkennen. Auf der nach Norden gerichteten Seite steht:

»G + MW MARCK«

Auf der Südseite ist zu lesen:

»DORTMVND«

Im genannten Buch von Fredy Niklowitz war auch eine Aufnahme aus dem Jahr 1947 abgedruckt. Sie zeigt den Brambauer Landwirt August Baukelmann neben dem Grenzstein. Als ich 2006 an derselben Stelle stand, lag es nahe, die alte Szene noch einmal nachzustellen. Ich nahm das historische Foto mit und stellte mich ungefähr dort auf, wo Baukelmann fast sechzig Jahre zuvor gestanden hatte.

Solche Gegenüberstellungen gefallen mir besonders. Für einen Augenblick liegen zwei Zeiten übereinander: derselbe Stein, derselbe Ort, aber ein anderer Mensch und eine vollkommen veränderte Umgebung. Nebenbei mussten wir feststellen, dass der gesamte Ort sehr idyllisch ist – und viele hielten es auch mit ihren Kameras fest.

Bei unserem Besuch gewährte uns der Lippeverband auch einen kurzen Blick in das Pumpwerk gegenüber dem Grenzstein. Dass sich ausgerechnet hier eine solche Anlage befindet, ist kein Zufall. Große Teile des Ruhrgebiets wurden durch den Steinkohlenbergbau abgesenkt. In diesen sogenannten Poldergebieten kann Wasser nicht mehr überall auf natürlichem Wege abfließen. Pumpwerke müssen deshalb Grund-, Bach- oder Niederschlagswasser anheben und weiterleiten. Ohne diese Anlagen würden tiefer liegende Flächen immer wieder vernässen oder überflutet.Und so steht auch das Pumpwerk sinnvoller Weise an einer der tiefsten Stellen Brambauers.

Ein zweiter Grenzstein und die Legende vom Steinträger

Ein weiterer Stein dieser alten Grenze zwischen den beiden Grafschaften steht übrigens auch an der Schlossmühle in Lippholthausen. Der Grenzstein kam nach meinen Rechechen allerdings erst 1989 an diesen Platz. Zuvor soll er viele Jahre vor dem Museum der Stadt Lünen gestanden haben und zuvor irgendwo anders. Wo genau, lässt sich nicht sagen. Denkbar ist, dass der Stein im Laufe seiner Geschichte ohnehin mehrfach versetzt wurde. Das muss auch häufiger mit Grenzsteinen geschehen sein, obwohl es als schwere Straftat galt.

Da offenbar Strafandrohungen nichts ausreichten, soll man sich mehr auf den Aberglauben der Menschen verlassen haben. So gibt es die Erzählung, das in den Feldern um Brechten ein Mann mit einem Grenzstein durch die Gegend gelaufen soll um immer fragte, wo er ihn denn nun ablegen sollte (»wo salk ’n loaten?«). 150 Jahre lang soll er Nacht für Nacht durch die Felder gelaufen sein. Bis ihm dann jemand endlich die erlösende Antwort gab: »da, wo du ihn hergenommen hast«.1

Auf heutigen Straßenkarten ist die alte Trennung verschwunden. Brambauer, Lippholthausen und Lünen gehören längst zu derselben Stadt und die Grafschaft Dortmund ist in der Großstadt Dortmund aufgegangen. Die damaligen Territorien spielen im Alltag keine Rolle mehr.

Der alte Grenzstein, der steht jedoch weiter im Schatten der Bäume….

(der Artikel erschien erstmals am 3. Januar 2010, zuletzt überarbeitet am 26. Juli 2026)

  1. vgl. Niklowitz, Fredy: Brambauer. Von der Bauerschaft zum Industrieort. Lünen, 1988, Seite 10-11.