Show, don’t tell – oder: Warum ich meinen Roman anders schreiben lernte

Im Frühjahr 2025 begann ich mit den ersten Sätzen für meinen historischen Roman. Eine Szene stellt zu Beginn einen preußischen Beamten vor. Zunächst schrieb ich:

Der Berliner Beamte war dafür bekannt, äußerst genau hinzusehen. Er prüfte alles zweimal, selbst auf dem Lüdinghausener Bahnsteig schaute er penibel, ob jeder Stein richtig gesetzt war und ob die Bahnhofsuhr die korrekte Zeit aus Berlin anzeigte. Genauigkeit war ihm wichtig.

Der Absatz erklärt eigentlich alles: als Leser weiß man sofort, was für ein Mensch dieser Beamte sein soll. Und trotzdem fühlte sich der Text für mich irgendwie falsch an. Er erklärte mehr, als er erzählte.

Erst später, nach vielen Seiten Text, stieß ich eher zufällig auf eine Schreibempfehlung names »Show, don’t tell.« Auf Deutsch ungefähr: »Zeig es, statt es zu erklären.« Im Kern war mir der Gedanke dahinter gar nicht neu. Gemeint ist, Gefühle und Eigenschaften möglichst nicht direkt zu benennen, sondern sie durch Handlungen, Dialoge und Beobachtungen sichtbar zu machen. Als Autor liefere ich nicht gleich die fertige Interpretation – die Leser dürfen sie selbst finden! In dem Zug fiel mir dann der Sprachkritiker Wolf Schneider wieder ein, dessen Ratgeber für gutes Deutsch ich schon vor 20 Jahren las: »Mit Adjektiven geizen«.

Also schrieb ich die Szene noch einmal um:

Der Beamte zog die Taschenuhr aus der Westentasche und verglich sie mit der Bahnhofsuhr: 10:37 Uhr. Lüdinghausen zeigte die Berliner Zeit. Er blieb einen Augenblick stehen, ließ den Blick über den Bahnsteig gleiten und hob die Hand, um die Manschette seines Rockes zu richten. Erst dann trat er auf das Pflaster. Der Stein war uneben und er bemerkte es sofort. Er setzte den Fuß ein zweites Mal auf, als prüfe er, ob der erste Eindruck getäuscht hatte.

Ich schreibe hier nirgendwo mehr, dass der Beamte penibel oder besonders genau ist. Trotzdem entsteht – so hoffe ich – genau dieser Eindruck. Nicht, weil ich ihn erkläre, sondern weil der Leser den Mann beobachtet: Er vergleicht die Uhren, rrichtet die Manschette und prüft den Stein ein zweites Mal. Aus diesen kleinen Handlungen setzt sich das Bild fast von allein zusammen.

Noch deutlicher wird der Unterschied wohl bei Gefühlen. Meine erste Fassung lautete ungefähr so:

Heinrich war nervös. Er hatte Angst, den wichtigen Termin zu verpassen, weil er ihm so viel bedeutete. Deshalb bekam er kaum einen Bissen herunter. Das Essen wurde kalt, und selbst den Streit der Kinder am Tisch nahm er kaum nicht wirklich wahr, ebenso wenig die vielen Gespräche. Sogar seinem Onkel August fiel längst auf, dass Heinrich immer wieder nervös zur Uhr schaute.

Man versteht sofort, was los ist. Aber eigentlich bleibt dem Leser nichts mehr zu entdecken. Die überarbeitete Szene liest sich so:

Heinrichs Frau sah ihn an, doch er wich mit dem Blick zum Fenster aus. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Dann iss auch was, Heinrich. Das Fleisch wird kalt.«

Er griff langsam nach Messer und Gabel. Bernhard und ein Vetter stritten inzwischen über die letzte Kartoffel, seine Mutter schimpfte über irgendetwas und sein Onkel schenkte sich Bier nach. Drei Leute redeten gleichzeitig aufeinander ein, aber Heinrich hörte niemandem richtig zu. Jetzt bemerkte August es. Er stellte die Bierflasche ab und sah zu Heinrich hinüber.

»Läuft sie heute schneller?«

»Wer?«

»Na, die Uhr.«

Einige am Tisch lachten wieder. Heinrich schwieg. Sein Blick lag nicht auf dem Teller. Er wanderte nochmals zur Uhr, dann zum Fenster, dann wieder zurück.

Auch hier steht mit keinem Wort, dass Heinrich nervös ist. Es steht auch nirgendwo, dass er Angst hat, den Termin zu verpassen. Stattdessen sieht der Leser, wie er sich verhält. Er hört den Gesprächen nicht zu, isst kaum. Und schaut immer wieder zur Uhr. Sogar sein Onkel macht schon einen Scherz darüber. Der Leser erkennt Heinrichs Unruhe selbst. Genau darin liegt für mich der eigentliche Reiz von Show, don’t tell: Ich als Autor erkläre nicht sofort, was eine Figur empfindet. Ich zeige eine Szene – und vertraue darauf, dass der Leser seine eigenen Schlüsse zieht.

Das musste ich aber erst lernen. Denn beruflich schreibe ich überwiegend sehr sachlich; da muss stets klar sein, worum es geht. Missverständnisse sind unerwünscht.

Ein Roman funktioniert nur genau andersherum: Er lebt davon, dass die Leser zwischen den Zeilen lesen und Dinge selbst entdeckten. Andererseits schreibe ich hier auf meiner Internetseite seit vielen Jahren schon oft bildlich, aber dafür normalerweise ohne wörtliche Rede; ohne Dialoge, wie es ein Roman verlangt. Und selbst in meinem ersten Buch (Der Steiger kam am ersten Mai) gibt es nur minimale Dialoge oder Handlungen, weil es eben ein Sachbuch und kein Roman ist.

Hinzu kommt: ganz ohne Erklärungen geht es nun auch. Nicht jede Kutschfahrt muss ausführlich beschrieben werden, nicht jedes Frühstück braucht einen Dialog, und manchmal reicht ein einziger Satz, um den Leser von einem Ort zum nächsten zu führen; oder als Brücke zwischen zwei Szenen. »Show, don’t tell« ist deshalb für mich immer auch eine Frage des richtigen Augenblicks. Und das ist manchmal dann doch das Schwierigere: abzuwägen, wo es vielleicht auch keinen Sinn ergibt und die Handlung unnötig in die Länge zieht.

Passend dazu ein Rückblick in das Jahrzehnt meines Romans. Denn das Prinzip Show, don’t tell wird nämlich oft mit Anton Tschechow in Verbindung gebracht, dem 1904 verstorbenen Schriftsteller. Den Ausdruck selbst hat Tschechow zwar nie verwendet, doch soll er seinem Bruder Alexander geraten haben:

Sage mir nicht, der Mond scheint. Zeige mir den Lichtschein auf zerbrochenem Glas.

Das ist keine wörtliche Übersetzung, aber der Gedanke dahinter ist wichtig und deshalb wird er damit verbunden. Nicht schreiben:

Die Nacht war schön.

Sondern etwas Konkretes zeigen, aus dem der Leser die Schönheit selbst erkennt. Das gefällt mir!

Vielleicht ist das am Ende die eigentliche Bedeutung von »Show, don’t tell«: dem Leser zuzutrauen, dass er Figuren beobachten, zwischen den Zeilen lesen und seine eigenen Schlüsse ziehen kann.

Beim Überarbeiten der bereits geschriebenen Kapitel frage ich mich heute jedenfalls viel stärker als zu Beginn: erkläre ich hier zu viel? Und muss ich das überhaupt erklären – oder kann ich es zeigen? Durch Handlung, Dialoge, Einrücke?

Anton Tschechow mit Olga Knipper kurz nach der Hochzeit 1901
Unbekannter Fotograf.; file author wasTidsskrift for den norske laeggeforening – http://www.tidsskriftet.no/pls/lts/PA_LTS.Vis_Seksjon?vp_SEKS_ID=2840, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1394224