»Erstmal eine gute Tassen Bohnenkaffee!« Genau dieser Satz brachte mich ins Grübeln. Ich habe ihn oft bei älteren Menschen gehört, die nicht nur Kaffee, sondern explizit einen Bohnenkaffee wollten. Doch erst im Zuge meiner Romanrecherche wurde mir klar: ich sollte mir das mit dem Kaffeetrinken im Jahr 1907 vielleicht genauer ansehen. Denn offenbar stand auf vielen Küchentischen des Münsterlandes gar kein Bohnenkaffee, sondern etwas ganz anderes, das man trotzdem Kaffee nannte?
Eine spannende Frage – und durchaus eine Herausforderung für einen Teetrinker wie mich 😉
In den vergangenen Wochen habe ich mich also intensiv mit dem Thema Kaffeeersatz beschäftigt. Zunächst klang das wenig spektakulär; schließlich wollte ich nur herausfinden, was die Menschen in einem münsterländischen Dorf um 1907 tatsächlich tranken. Doch wie so oft führte eine kleine Frage plötzlich in eine ganz andere Richtung. Ja, es gibt den »Muckefuck«. Ein Wort, dass ich auch noch aus meiner Kindheit für alles mögliche kenne, was aussah wie Kaffee, aber wo eben keine Kaffeebohnen drin sind.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Fotograf: Unifranck Lebensmittelwerke GmbH Ludwigsburg, Werbemittelarchiv, CC BY 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons
Viel häufiger begegnete mir aber: die Zichorie. Oder genauer gesagt: die Gemeine Wegwarte. Eine unscheinbare Wildpflanze, die an Feldwegen, Böschungen und Wegrändern wächst. Im Sommer trägt sie auffällige hellblaue Blüten, die sich schon von Weitem erkennen lassen. Zumindest wenn man keie Laie ist, wie ich es bin, und Zichorie ständig mit der Kornblume verwechselt…

Gemein: Egal wo ich in Selm oder Lünen bisher geschaut habe…. immer nur Kornblumen und keine Gemeine Wegwarte!



Wobei, auf die blaue Blüte kommt es auch gar nicht an. Denn der interessante Teil der Zichorie ist die Wurzel. Nach dem Ausgraben wurde sie getrocknet, geröstet und gemahlen und mit heißem Wasser aufgegossen. Das Ergebnis war der sogenannte Zichorienkaffee – ein Getränk, das den Menschen um 1907 deutlich vertrauter war als mir. Denn zur Zeit meines Romans kannten die Menschen dieses Getränk bereits seit Generationen; »die Wurzeln« als Kaffeeersatz reichen sogar bis ins 18. Jahrhundert zurück, als man nach einer günstigen Alternative zum teuren Bohnenkaffee suchte.
Spätestens zu Zeiten Napoleons gewann der Kaffeeersatz zusätzlich an Bedeutung. Durch die Kontinentalsperre wurde der Handel mit vielen Waren aus Übersee erschwert, darunter auch Kaffee. Die Menschen mussten erfinderisch werden und griffen auf das zurück, was vor ihrer Haustür wuchs. Dazu gehörte die Gemeine Wegwarte. Ebenso wurden auch Gerste, Roggen und Malz geröstet. Aus ihnen wurde der sogenannte Korn- oder Malzkaffee hergestellt, der vielerorts ebenso alltäglich gewesen sein dürfte wie der Zichorienkaffee.
Daneben fand ich auch Feigen, Eicheln, Bucheckern, Lupinen und sogar Löwenzahnwurzeln. Allerdings hatte nicht alles davon dieselbe Bedeutung. Manche Zutaten wurden nur regional verwendet, andere spielten eher in Notzeiten oder als Beimischung eine Rolle. Hier kommt auch der beireits erwähnte Name Muckefuck ins Spiel, der für alle möglichen Kaffee-Surrogate genutzt wurde; abgeleitet vom französchen Wor Mocca faux für falscher Kaffee.
Für die Menschen um 1907 dürfte ohnehin etwas anderes wichtiger gewesen sein als die genaue Zusammensetzung: Das Getränk war heiß, dunkel und deutlich günstiger als echter Bohnenkaffee. Und es wärmte. Und aus heutiger Sicht noch interessant: Zichorienkaffee enthält kein Koffein und kein Gluten.
Übrigens, falls Ihnen der Name Zichorie beim Sprechen doch die ganze Zeit bekannt vor kommt: aus einer Kulturform der Gemeinen Wegwarte entstand später der Chicorée, den wir heute als Gemüse kennen.
Und wie schmeckts?
Wenn ich nun schon einen Blogbeitrag über Zichorienkaffee schreibe, dann wollte ich auch wissen, wie er schmeckt.
Also eine Packung bestellt, zwei Teelöffel in die Tasse, heißes Wasser drüber, staunen. Erst war es noch hellbraun, dann wurde es deutlich dunkler. Auf den ersten Blick sah es auch aus wie Kaffee. Auch der Geruch erinnerte mich tatsächlich ein wenig an Kaffee. Allerdings weniger kräftig und deutlich milder. Irgendetwas darin ließ mich sogar kurz an Lakritz denken, auch wenn ich kaum beschreiben kann warum.



Dann der erste Schluck – und (als jemand, der sonst nur Schwarztee trinkt) muss ich festhalten: es schmeckte mir wie Kaffee. Wie ein sehr milder, mit einer leicht erdigen und malzigen Note. Vom Duft her überwog dann aber doch so langsam der Geruch von verbranntem Toastbrot. Meine Frau (Kaffeetrinkerin!) verzog dagegen das Gesicht. »Schmeckt wie warmes Schwarzbier«. Ich trank meine Tasse aus, sie wollte keinen Schluck mehr davon. Es geht ihr doch nichts über echten Bohnenkaffee!
Ich werde die Dose nun unter Bekannten und Verwandten weiterreichen. Mal sehen, wie die Reaktionen dort ausfallen. In meinem Roman wird der Zichorien-Kaffee jedenfalls immer wieder präsent sein, ob beim sonntäglichen Kaffeetrinken nach der Messe oder nach einer Beerdigung. Und vielleicht finde ich ja irgendwann doch noch eine echte Wegwarte irgendwo zwischen Lünen und Selm… 😉

