»Das war mein Leben«: Erika und ihre Liebe zur Zeche Minister Achenbach

Erika Kreisherr-Matthes aus Brambauer lässt nichts auf den Bergbau kommen: »Das war mein Leben. Das war eine schöne Zeit!«.

Schon als Sechsjährige schlich sie sich heimlich auf die Zechen-Seilbahn. Erlaubt war das natürlich nicht, aber Erika und ihre Freundin waren pfiffig: Sie passten immer genau ab, wann der Aufseher zum Klo ging, und sprangen schnell in eine der Loren. Eines Tages wurden sie dennoch erwischt. Ein Bergmann zeigte ihnen daraufhin eindringlich, wie tief es nach unten ging. Erst da wurde den Mädchen klar, wie gefährlich ihr Abenteuer eigentlich war.

Saubere Arbeit am Schacht I/II

Erika wurde 1944 am Alfredplatz 5 in Brambauer geboren. Zur Zeche Minister Achenbach kam sie Ende der 1970er Jahre: Als Reinigungskraft sorgte sie für Sauberkeit in den Büros der Zechenverwaltung am Schacht I/II – bis zum letzten Tag 1992.

»Mit den Steigern kam ich gut aus, ich habe alles für die gemacht« erzählt Sie mir bei unserem Treffen. »Weihnachten hab ich Ihnen immer einen Teller mit Plätzchen hingestellt. Sogar Pfannkuchen hab ich gebacken und Pellkartoffeln mit Heringsstip. Ich hab sie alle versorgt!«

Die Wertschätzung basierte auf Gegenseitigkeit: Erika durfte 1992 als eine der letzten Besucherinnen noch nach Untertage. Gemeinsam mit acht Freundinnen bzw. Arbeitskolleginnen und ihrer Tochte folgte sie der Einladung der Steiger, auf Schacht I/II einzufahren. Besonders fasziniert hatten sie die Wettertüren im Bergwerk: »Wenn man da durchgegangen ist, musste man sich festhalten, sonst ist man weggewehnt worden«.

Und die Hitze: Von 42 Grad berichtet sie, und wie sie und die Frauen in voller Montur geschwitzt haben. »Die Männer waren ja alle mit nackten Oberkörper und sagten scherzhaft, wir sollen uns doch auch einfach die Hemden ausziehen« Erika schmunzelt dabei. »Zumindest wusste ich nun, warum mein Opa so eine gute Rente bekamt. Es war höllisch da unten. Ich gönnte es ihm und allen Bergleuten«.

Natürlich bekam Erika nach ihrer Seilfahrt auch den Ehrenhauerbrief verliehen. Dazu gehörte der traditionelle Ehrenhauerschlag: mit der dicken Schüppe (dem sogenannten »Weiberarsch«) bekam sie einen auf den Hintern.

1992 kam dann das Ende. Bei den Sprengungen war sie live dabei, näher als viele andere. »Erika, bringe morgen den Tuppertopf mit« sagte man ihr. Stolzenhoff hatte ein großes Buffet aufgefahren, und Erika konnte mitnehmen, was übrig bliebt. Auch jede Menge Schnapps.

Aus Erikas Fotoalbum: Schacht I/II im Abriss

Wohnzimmer-Museum

In all den Jahren hat Erika auch eine große Sammlung Bergbau-Relikte zusammen getragen. Über die Jahre wuchs ihre Wohnung am Espelweg zu einem kleinem Museum an. Grubenlampen, echte Kohlenbrocken, Fotos, Zeitungsausschnitte, einen Meterstock, Porzellanteller und noch mehr Lampen aus dem Bergbau. Stolz zeigt sie mir eine Figur, die Achenbach-Lehrlinge nur aus Schrauben hergestellt haben. Im Wohnzimmer steht nebem dem Sofa eine Schaufensterpuppe mit Hemd und Krawatte der RAG (Ruhrkohle AG). »Und hier ist noch ein alter Stiefel, der lag einfach so unten im Schacht rum«

Dann erzählt sie noch freudig, wie sie einmal einen Dieb erwischt hat, der PCs aus den Büros der Zeche klauen wollte. »Der hat dann auch mehrere Computer einfach in einer WC-Kabine eingeschlossen, wohl um sie am nächsten Tag abzuholen«.

Viel erlebt hat sie, Übertage, in den Büros. Sie sagt:»Der Bergbau war mein Leben. Da gebe ich nichts drauf. Das war eine so tolle Zeit!«

Nach Schließung der Zeche sorgte sie noch im Brambauer Krankenhaus für Sauberkeit. 1994 erfüllte sich ein Traum von ihr: bei einem RTL-Gewinnspiel gewann sie eine zweiwöchige Reise nach New York. Das war deshalb ganz besonders, weil sie bereits 1990 eine Reise in die USA gebucht hatte, um Verwandte zu sehen – doch die Reise wurde aufgrund des Golfkrieges storniert. Nun konnte sie den Besuch nachholen.

Heute ist Erika 82 Jahre alt. Auch wenn sich in ihrer Familie niemand mehr für den Bergbau interessiert, brennt ihr Feuer für die Zechenzeit ungehindert weiter.

Über meinen Cousin, der ihren Partner pflegt, kam unser Kontakt zustande. Denn er schenkte ihr vor einigen Wochen mein Buch »Der Steiger kam am ersten Mai«. »Die kenne ich alle darin!«, rief sie begeistert. Beeindruckt von den Erinnerungen und der umfangreichen Sammlung sage auch ich: vielen Dank, Erika!

Sie haben auch Erinnerungen an Minister Achenbach oder haben sich in meinem Buch wiedererkannt?
Schreiben Sie mir gerne an hallo@andre-walter.de!