Wie der Bergbau endet, habe ich selbst miterlebt. Dass es aber unheimlich schwierig ist, etwas über den Anfang einer Zeche zu finden, also über den Moment, bevor sie gebaut wird, hat mich dann doch überrascht. Dabei ist genau das ein großes Thema in meinem historischen Roman: wenn die fremden Herren ins alte Dorf kommen, um unter dessen Feldern nach Kohle zu suchen.
Streng genommen ist es in so ziemlich allen Chroniken, die ich bislang gesehen haben, oft genau ein Satz: »Mutung und Verleihung eines Steinkohlenfeldes«. Wie aus dem Nichts wird dann der Schacht abgeteuft und dann folgen hundert Seiten Chronik und Daten über Fördermengen, Personalbestand, wirtschaftliche und politische Einflüssen, Unglücke und natürlich über das Ende. Doch darüber, wie der Bohrer zum ersten Mal loslegte um zu prüfen, ob und wie tief die Kohle liegt… fast immer nichts.
Beispielhaft hier einmal die Chronik der Zeche Minister Achenbach in Lünen-Brambauer. Da wird lediglich genannt:
In der Zeit von 1873 – 1876: Mutung und Verleihung von vier Steinkohlefeldern (Helene, Marie, Martha-August und Emma) und drei Eisenerzfeldern (Alfred, Hermann und Karl) in der Brambauerschaft (Tockhausen und Meininghausen) und der Gemeinde Brechten und zum Teil der Gemeinden Waltrop und Lippholthausen gelegen, verliehen im April bzw. Mai 1876 an den Markscheider H.Effing zu Dortmund
In den Anlagen dazu geht es dann mehr um die Quadratmeter der Felder. Es folgen Eintragungen über den Zusammenschluss von kleineren Feldern zu größeren (»Konsolidierung«) und dann liest man schon:
1897: Am 3. August erfolgt der erste Spatenstich zum Abteufen des Schachtes I der Doppelschachtanlage Minister Achenbach 1/2. Als Betriebsführer wird J. Becker bestellt.

Auch Fotos sind rar. Zu Minister Achenbach fand ich sodann auch nur Bilder, die zeigen, wie die Schächte errichtet wurden. Nicht aber die Probebohrung. Für die Zeche Victoria in Lünen fand ich aber ein interessantes Foto, dass quasi genau den Übergang zeigt: von der Probebohrung zum Bau des Schachtes:

Da fällt zuerst der hölzerne Bohrturm auf. Er wirkt fast filigran, obwohl an ihm tonnenschwere Werkzeuge hingen. Davor liegen lange eiserne Gestänge und Maschinenteile. Rund um das Bohrloch stehen Arbeiter, Ingenieure und neugierige Zuschauer. Dahinter ein schlichtes Holzgebäude. Und dahinter nichts als Felder und ein paar Gleise, die schon gelegt wurden – vermutlich für den Materialtransport.
Genau das suchte ich. Normalerweise hat man sofort Fördertürme, Kokereien und riesige Industrieanlagen vor Augen. Doch am Anfang war oft nichts weiter als ein Acker mit einem Holzgerüst darauf. Und der Hoffnung, dass darunter Kohle liegt (und diese nicht zu tief). Denn niemand wusste damals, wie der Untergrund tatsächlich aussah. Jeder Meter Bohrung konnte die bisherigen Erwartungen bestätigen – oder plötzlich alles verändern.
Um das herauszufinden, arbeiteten sich die Männer Schicht für Schicht nach unten. Immer wieder wurde das Bohrgut aus der Tiefe geholt, untersucht und dokumentiert. Jeder Meter erzählte etwas über den Untergrund. Doch mehr über die Details will ich hier gar nicht verraten. Im Roman wird das später besser erklärt und vor allem wir dann deutlich: es geht nicht nur um Technik, denn an so einer Probebohrung bündeln sich ganz unterschiedliche Hoffnungen: die Erwartungen eines Grafen, die Erfahrung eines Bohrmeisters, die Neugier der Dorfbewohner und der Zwiespalt der Bauern zwischen Verlust des Landes und neuen Einnahmequellen…