Schreiben wie mit einer Kamera: Vom historischen Foto zur Romanszene

Die Orte in meinem Roman beschreibe ich meist sehr detailliert: Wie sieht der Flur im Schulgebäude aus? Wo stehen beim Erntedankgottesdienst die Gaben vor dem Altar? Wie riecht es morgens in der Schenke? Wie klingt die Bohrstelle in der Ferne?

Ob meine Leser das alles so genau wissen müssen? Wahrscheinlich nicht. Mir ist es dennoch wichtig, die fiktive Welt meines Romans so vorstellbar wie nur möglich zu zeigen. So als würde –wie in einem Film– eine Kamera durch die Szene fahren und alles einfangen. Das gelingt mir deshalb gut, weil ich fast immer reale Vorbilder im Kopf habe. Echte Orte, Situationen und kleine Beobachtungen aus dem Münsterland, die für meinen Roman Pate standen und hoffentlich für Kopfkino sorgen. 😉

Ein Beispiel aus meinem Roman-Entwurf. Ein Protagonist betritt in einem Kapitel eine Gaststätte:

Über den Schränken blickten Hirschgeweihe auf die Gäste herab. Dann bemerkte er die weißen Buchstaben auf dem dunklen Querbalken, der sich durch den ganzen Raum zog:

Ein frischer Trunke
gibt Mut und Stärke
zu neuem Tagewerke

An den Wänden hingen Fotografien in dunklen Rahmen: Männer vor einer Kegelbahn. Ein Gesangverein. Eine Gesellschaft in Sonntagskleidung vor dem Lokal selbst. Vor einem der Fenster stand eine hohe Kuchenhaube aus Glas. Darunter lagen mehrere angeschnittene Stücke Streuselkuchen und der besagte Apfelweinkuchen.

Und dann den Nebenraum der Gaststätte:

Aus dem Nebenraum drang gedämpftes Stimmengewirr. Dazwischen ein kurzes Lachen und das Klirren von Biergläsern. Heinrich erkannte Brentrups Stimme noch, bevor er einzelne Worte verstand. Er setzte den Hut wieder auf und ging durch die Tür.

Der Nebenraum war niedriger als die Schankstube. Dunkle Balken zogen sich unter der Decke und an den Wänden entlang und teilten die weiß gekalkten Wände in ungleiche Felder. Über einer Anrichte hing eine große Pendeluhr zwischen zwei verblichenen Bildern. Mehrere breite Holztische waren davor zu einem offenen Viereck zusammengeschoben worden – und ein gutes Dutzend Veteranen saß um die Tische verteilt.

Brentrup saß am Kopfende. Kurz hatte den Gehstock neben sich an die Wand gelehnt. Schmiers saß mit verschränkten Armen am Fenster.

»Da ist er ja«, sagte Brentrup. Die Männer drehten sich um.

Und schon geht man mit Heinrich zu den Veteranen. Den Raum dazu habe ich hier nicht vollständig erfunden. Vorbild sind unter anderem Fotos ehemaliger Ausflugslokale in meiner Gegend (z.B. der Lüner Brunnen, Bahnhof Bork) sowie ein Raum, den ich vor einiger Zeit im Mühlenhof-Freilichtmuseum Münster gesehen habe.

Natürlich sitzen dort keine Veteranen aus dem Jahre 1907. Und ein leerer Raum ist noch keine Romanszene. Deshalb schaue ich mir gerne auch historische Fotografien an. Wie saßen die Menschen zusammen? Wie eng standen sie beieinander? Was hielten sie in den Händen und wie trugen sie ihre Kleidung?

Ausschnitt aus dem einem Foto vom Krieger- und Landwehrverein Nordlünen, 1905 (Foto: Stadtarchiv Lünen)
Ein Kegelclub in Lünen 1902 (Quelle: Stadtarchiv Lünen)

Aus beidem entsteht in meinem Kopf langsam die Szene. Der eine Ort liefert mir den Raum, das historische Foto ein Gefühl für das Leben darin. Ich schiebe die Tische zusammen, setze einen Veteranen ans Kopfende, lehne des anderen Gehstock an die Wand und lasse einen Dritten am Fenster sitzen, der dann mit dem Fuß einen Stuhl rüberzieht.

Dann kommt mein Protagonist durch die Tür und ist inmitten einer illustren Runde, die Kaffee und Schnaps trinkt, und sich einen Hering einwirft.

Schreiben, wie ich Karten erstelle?

Vielelleicht hatte Sie schon gelesen, dass ich auch Landkarten erstelle. In meiner großen QGIS-Grundkarte für Lünen und Selm liegen Straßen, Häuser, Wälder und Bäche auf fast 70 verschiedenen Ebenen übereinander. Für eine Karte blende ich ein, was ich brauche – und lasse weg, was vom eigentlichen Thema ablenkt.

Beim Schreiben scheint es ähnlich zu sein. Ebene Tischdecken aus. Ebene Blumen aus. Ebene Veteranen an! Fast wie beim Kartenzeichnen. Dazu kommt wohl mein fotografischer Blick: Ich achte auf Ausschnitte und darauf, wo Dinge im Verhältnis zueinander stehen. Und dann stelle ich mir es bildlich vor, wie wenn ich in diesem Raum wäre. Nicht, weil ich es verfilmen will, doch eine Kamera müsste meinen Figuren durch den Raum schon folgen können. Was sieht sie zuerst? Was hört man vielleicht schon, bevor etwas ins Bild kommt? Wohin bewegt sich eine Figur?

Ich sehe den Raum zuerst wie eine Kamera. Wo steht die Tür? Wo fällt das Licht herein? Wer sitzt am Fenster? Wer hört zuerst das Klappern der Teller? Erst wenn ich den Raum kenne, lasse ich die Figuren hineingehen. Geräusche, Gerüche und kleine Details kommen dazu, bis die Szene für mich lebt. So kann ich meinen Roman-Ort möglichst genau in die Vorstellung der Leser bringen:


Die Kirchentür stand offen, Pastor Tenhage daneben. Die ersten Dorfbewohner begaben sich hinein. Der Duft von Wachs und feuchter Erde lag im Raum.

Am Altar standen die Gaben dicht gedrängt: Garben aus Roggen und Weizen, dazwischen Kartoffeln in flachen Körben, schwere Rüben, Kohlköpfe, Äpfel und Birnen, vereinzelt Quitten, deren Geruch süß zwischen allem lag. Dazwischen lagen dunkle Brotlaibe, noch mehlig an der Kruste, und ein Bündel Flachs, hell und unscheinbar, fast zu übersehen. Ringelblumen steckten zwischen den Halmen. Alles, was draußen gewachsen war, lag hier, dicht an dicht. Über dem Altar hing eine kleine Erntekrone.

Die Bänke füllten sich, Holz knarrte, ein Husten ging durch den Raum. Am Mittelgang, ein Stück näher am Altar, standen die Fahnen. Die Stangen ruhten auf dem Steinboden, leicht geneigt, damit der Stoff nicht streifte. Hinter ihnen nahmen die Männer Platz, nicht ganz so eng wie die anderen. (…)

Das gilt für Szenen draußen in der Natur genauso. Selbst in den Wald nehme ich sie im Roman filmisch mit, weil ich dafür ebenso echte Vorbilder aus meiner Heimat habe.

Mein fiktives Dorf liegt dagegen auf keiner echten Landkarte. Aber in meinem Kopf habe ich es längst kartiert. Natürlich habe ich dies – und selbstredend wird der Roman auch eine Landkarte enthalten. Doch dazu ein anderes mal mehr!