2014 erfüllte sich für mich ein alter Wunsch: Den Kirchturm der Ludgerikirche hinaufsteigen und den Blick über Selm genießen. Denn ich wollte wissen, wie sich meine Stadt von dort oben anfühlt, wie der Ausblick von dort ist. Am Ende hat mich dieser Aufstieg so sehr beeindruckt, dass ich ihn auch zwölf Jahre später unbedingt in meinem historischen Roman einbauen möchte.

Meine Romanhandlung spielt im Jahr 1907 – genau dem Jahr, in dem die Ludgerikirche gebaut wurde. Doch es geht mir gar nicht um das Gebäude selbst. Die neugotische Backsteinfassade steht nicht Pate für meine fiktive »St. Anna-Kirche« im Roman, denn die kleine Dorfkirche sieht anders aus. Es ist vielmehr der Aufstieg, der mich nicht loslässt: Das Knarren des alten Schlüssels im Schloss, das Schwanken der Holzleiter, der Moment, in dem sich der Blick auf das Dorf öffnet. Das sind die Bilder aus einer alten Zeit, die ich in meine Geschichte einbauen will.

Den Wunsch, den Turm hinaufgehen zu dürfen, erfüllte mir damals die Katholische Kirchengemeinde St. Ludger um Pfarrer Theman.

Es war kurz nach zehn an einem wolkenfreien Freitag Vormittag, als ich mich mit ihm an der Seitentür der Kirche traf (Das Foto oben hatte ich ein paar Tage zuvor aufgenommen). Und als er den großen Eisenschlüssel in die Holztür steckte, überkam mich ein geheimnisvolles, fast schon anachronistisches Gefühl. Wo gibt es heute schließlich noch solche Schlösser, die auch noch solche Geräusche beim Drehen des Schlüssels machen?

Die Sakristei lag im Halbdunkel, nur durch die bunten Kirchenfenster fiel Licht. Für einen Augenblick absolute Stille an diesem Ort. »Ab hier dürfen Sie allein weiter«, sagte Pfarrer Themann und zeigte mir den Weg hinauf zur Orgel.

Normalerweise versperrt ein Gitter die Treppe – doch an diesem Tag stand sie mir offen. Eine langgezogene Steintreppe führte mich ab der Orgel eine Ebene höher zur nächsten Tür. Dahinter ging es über eine Wendeltreppe weiter hoch.

Ab hier merkte ich schon, dass mit jeder Stufe die Temperatur ein kleines bisschen anstieg. Am Ende der Treppe eröffnete sich mir ein kleiner Nebenraum. Die Fenster ließen jedoch noch keinen Blick nach draußen zu.

Dafür ging es ab hier auf einer Holztreppe weiter. Sie brachte mich auf die Glockenebene. Drei Stück hängen hier insgesamt und weil ich noch einige Minuten bis zum Viertelstundenschlag hatte, versackte ich einen kurzen Moment. Das Arrangement aus Stein, Metall und Eisen faszinierte mich. Es sah aus wie eine grobe Maschine, die man so heute nirgends mehr sieht.

Die Holzbretter, die auf dem Foto hinter den Glocken zu sehen sind, würden später für mich nochmal wichtig werden. Zur Orientierung: ich stand hier etwa auf halber Turmhöhe.

Von der Glockenebene führt eine steile Holzleiter weiter nach oben. Sprosse für Sprosse kletterte ich nach oben, während die Leiter leicht schwankte. War ich nervös? Ein wenig. Ich vertraute der Leiter, dass sie vielleicht schon über 100 Jahre gehalten hat. Mit Erfolg.

Sie führte mich auf ein Zwischengeschoss. Hier sah ich an den Kirchturmecken jeweils ein paar kleinere Fensteröffnungen ohne Glasscheiben. Lediglich ein Maschendrahtzaun hielt die Tauben draußen. Etwas kühlere Luft wehte mir willkommen entgegen.

Nur zum Fotografieren boten sich die Fenster nicht gut an, da sie von der Leiter zu weit weg waren und ich nicht direkt zu ihnen gelangen konnte ohne gefährliche Verrenkungen.

Als die Glocken dann zu Viertel nach zehn schlugen, waren sie doch nicht so laut wie befürchtet. Ich musste mir weder die Ohren zu halten, noch war es unangenehm. Laut ja, aber keinesfalls schlimm.

Vom Zwischengeschoss führt die Leiter noch höher in die Turmspitze. Ein paar Tritte später dachte ich mir dann aber, dass es sich nicht mehr lohnen dürfte. Denn ganz oben in der Turmspitze erkannte ich nur kleines Dachfenster, und dafür wollte ich nicht die wackelige Leiter noch weiter nach oben gehen. Zumal ich mir jetzt schon wie in der Sauna vorkam, so warm war es hier oben unter dem vielen Holz.

Als bester Punkt zum Fotografieren erschienen mit die besagten Holzbretter bei den Glocken, denn die Schlitze dazwischen waren breit genug für meine Kamera. Ich begab mich also wieder runter zu den Glocken und tatsächlich: Durch die Schlitze ließen sich gute Fotos schießen.

So sah Selm also vom Kirchturm 2014 aus:

Gemächlich kletterte ich die Leiter wieder runter. Dann über die Steintreppen, zurück in den Kirchraum, wo mich die angenehme Kühle wieder empfing.

Die Fotos dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass man oben im Turm zunächst gar nichts sieht. Es gibt dort keine Aussichtsplattform, sondern nur vereinzelte, kleine Fensterchen und Schlitze in der Holzverkleidung im Glockenbereich. Dadurch, dass ich die Kamera immer ganz nah daran gehalten hatte, wirkt die Aussicht größer, als sie tatsächlich war. Auch war das Wetter fast schon zu gut; es war leicht diesig und die Fernsicht getrübt.

Zudem entstanden alle Fotos auch nicht von ganz oben, sondern in etwa auf halber Turmhöhe – aber selbst das genügt schon für diesen wunderbaren Blick auf die Stadt!

Dieser Aufstieg hat mich bis heute nachhaltig beeindruckt. Der Eisenschlüssel, die Holztür, das Schwanken auf der Leiter, das kühle Metall der Glocken im Kontrast zum Holz: ein wunderbarer Hintergrund für einen kleinen Plot im Roman. Einerseits die alte Kirche, die seit Jahrhunderten das Maß der Dinge im Dorf ist – andererseits sind von ihrer Spitze bereits die Vorboten der Industrialisierung sichtbar. Welch interessantes Gespräch zweier meiner Protagonisten hier wohl führen könnten?

An dieser Stelle aber zunächst erneut vielen Dank an die Kirchengemeinde und Herrn Pfarrer Theman, dass sie mich hineingelassen haben – und für die nachhaltige Inspiration!