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	<title>Adressbuch &#8211; André Walter</title>
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	<title>Adressbuch &#8211; André Walter</title>
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		<title>Roman-Recherche 10: Wenn jeder mit seinem Beruf im Adressbuch steht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[André]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Apr 2026 16:21:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte(n) zwischen Lünen und Selm]]></category>
		<category><![CDATA[Recherche für Historienroman 1907]]></category>
		<category><![CDATA[1907]]></category>
		<category><![CDATA[Adressbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Lünen]]></category>
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					<description><![CDATA[Stellen Sie sich vor, es gäbe ein amtliches, hochoffizielles Buch, in dem jede Familie einer Stadt mit ihrer Anschrift und dem Beruf des Hauptverdieners stünde. Sie wüssten sofort, ob ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten sich wirklich das neue Haus oder den neuen Wagen leisten könnten. Oder ob sie ihnen was vormachen und der »Hochdotierte Job [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Stellen Sie sich vor, es gäbe ein amtliches, hochoffizielles Buch, in dem jede Familie einer Stadt mit ihrer Anschrift und dem Beruf des Hauptverdieners stünde. Sie wüssten sofort, ob ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten sich wirklich das neue Haus oder den neuen Wagen leisten könnten. Oder ob sie ihnen was vormachen und der »Hochdotierte Job bei einer Wirtschaftskanzlei« doch nur daraus besteht, Kaffee an die Beschäftigen auszuschenken.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute eine undenkbare Vorstellung. Doch vor 120 Jahren war das anders, wie ich bei meiner <a href="https://andre-walter.de/recherche-fuer-meinen-historischen-roman/">Roman-Recherche</a> bemerkte. Denn um das fiktives Dorf zwischen Münster und Dortmund im Buch so authentisch wie möglich zu gestalten, habe ich mir u.a. ein besonderes Dokument angeschaut: das <strong>Adressbuch für Lünen von 1907</strong>.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="581" height="837" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuchluenen1907.jpg" alt="" class="wp-image-1034" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuchluenen1907.jpg 581w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuchluenen1907-208x300.jpg 208w" sizes="(max-width: 581px) 100vw, 581px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Und 1907 stand nicht der Datenschutz im Vordergrund, sondern die soziale Stellung. In der Gesellschaft von einst war es überlebenswichtig, den Stand des Gegenübers zu kennen. Das Adressbuch lieferte die Antwort auf die Frage: »Wer ist das und was darf er?« Ohne den Beruf war der Name beinahe wertlos. Man musste wissen, ob man es mit einem »ehrbaren« Schreinermeister oder einem einfachen Tagelöhner zu tun hatte. Diese Information entschied darüber, wie man sich grüßte, ob man gemeinsam am Wirtshaustisch saß oder ob eine Heirat überhaupt denkbar war. Andererseits gab es, soweit mir bekannt, zu der Zeit noch kein Zentrales Einwohnermeldewesen, daher kam dem Adressbuch auch diese Funktion zu. In der Regel wurde es alle zwei bis drei Jahre erneuert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch gliedert sich in folgende Teile:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>1. Teil:</strong> Bürgermeister, Behörden, besondere Beamte, etc. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Teil:</strong> <strong>Einwohner der Stadt Lünen. Hierbei handelt es sich um ein alphabetisches Verzeichnis der Haushaltsvorstände inklusive deren Anschrift und dem Beruf (Überschlägig ca. 500 Haushalte)</strong>. Die übrigen Familienangehören sind nicht aufgeführt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>3. Teil:</strong> Verzeichnis der Geschäfts- und Gewerbetreibenden der Stadt Lünen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>4. Teil:</strong> Einwohner in der »Umgegend von Lünen« <br>(nach Gemeinden getrennt):</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Gemeinde Altenderne-Niederbecker</li>



<li>Gemeinde Altenderne-Oberbecker</li>



<li>Gemeinde Beckinghausen</li>



<li>Gemeinde Gahmen</li>



<li>Gemeinde Horstmar</li>



<li>Gemeinde Hostedde</li>



<li>Gemeinde Kirchderne</li>



<li>Gemeinde Lippholthausen</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mir geht hier in in diesem Beitrag heute nur um Teil 2: Die Bewohner Lünens um 1907.</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-1.jpg"><img decoding="async" width="653" height="1024" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-1-653x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1089" style="width:929px;height:auto" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-1-653x1024.jpg 653w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-1-191x300.jpg 191w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-1.jpg 716w" sizes="(max-width: 653px) 100vw, 653px" /></a></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Die Industrie hält Einzug</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich durch das Adressbuch blättere, fällt mir auf, dass es sehr viele Maurer, Zimmerleute und Dachdecker zu der Zeit in Lünen gab. Offenbar herrschte zu der Zeit ein Baurausch. Und das ist auch plausibel, denn in Lünen setzte die Industrialisierung gerade ein. Erste Bergwerke entstanden, Zechenkolonien, Fabriken. Erwartbarer sind da die zahlreichen Bergmänner, Hauer, Schlepper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meinem Roman-Dorf steht dies erst noch bevor, doch gerade deshalb ist das Adressbuch von Lünen so spannend, denn es zeigt die Transformation; den Übergang von der alten (ländlichen) Welt in die moderne Industriewelt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Umbruch wird greifbar, wenn man die Namen hinter den Berufen betrachtet. Es ist ein Spiel der Kontraste, das die soziale Kluft jener Tage offenbart. Auf der einen Seite begegnen uns Männer wie der <strong>Sanitätsrat Dr. Ludwig Althoff</strong> in der Bäckerstraße. Sein Titel war nicht nur eine Berufsbezeichnung, sondern ein unantastbares Privileg. Ebenso der bekanntere <strong>Alfred Potthoff</strong>, Fabrikbesitzer der »Luisenhütte«, der späteren Eisengießerei und Maschinenfabrik Potthoff &amp; Flume AG, dessen Villa heute noch an der Dortmunder Straße hervorsticht. Beide verkörperten beispielhaft die akademische oder wirtschaftliche Elite, die in großen, herrschaftlichen Zimmern residierte und deren Wort im Dorf oder der Stadt Gesetz war. Oder schlicht Menschen, die aus welchem Umständen auch immer, zu Geld gekommen waren, wie der <strong>Privatier August Meermann</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4.jpg"><img decoding="async" width="1024" height="303" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4-1024x303.jpg" alt="" class="wp-image-1078" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4-1024x303.jpg 1024w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4-300x89.jpg 300w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4-768x227.jpg 768w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4-1536x455.jpg 1536w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-4-2048x607.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dem gegenüber steht das neue Gesicht Lünens: Männer wie der Hauer <strong>Anton Gurski</strong> oder der Schlepper <strong>Stanislaus Nowaczyk</strong>. Ihre Namen zeugen von Zuwanderung aus dem Osten, die damals ins Ruhrgebiet durch den Bergbau einsetzte. Sie wohnten oft in den engen, teilweise noch mittelalterlichen Häusern (beide hier in der Mauerstraße) oder eben in den Zechenkolonien. Für sie bedeutete der Aufbruch in die Moderne nicht Prestige, sondern zunächst harte, gefährliche Knochenarbeit unter Tage. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Invaliden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann gibt es jene, die den Preis für diesen Fortschritt, für die harte Arbeit, bereits bezahlt hatten: Männer wie <strong>Gottlieb Brenk</strong>, hinter dessen Namen nur noch das Wort <strong>»Invalide«</strong> steht. Wo er genau seine Gesund verloren hat, läßt sich nur mutmaßen. Im Besten Fall bekam er ein wenig Geld aus der Invalidenversicherung,  viele erhielten damals auch gar keine staatliche Unterstützung. Wieder andere, etwa <strong>Adam Klaßen</strong>,  trugen die konkretere Bezeichnung <strong>»Reichsinvalide«.</strong> Hierbei vermute ich, dass es sich um ehemaligen Soldaten handeln könnte, Kriegsopfer, die eben eine (kleine) Entschädigung durch das Deutsche Reich bekamen. Manche wie <strong>»Friedrich Lange«</strong> tragen auch die explizite Bezeichnung <strong>»Berginvalide«</strong>. Hier lässt sich zumindest eine gewisse Fürsorge durch die Knappschaft vermuten, doch sicherlich nicht vergleichbar mit heutigen Förderungen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht in Lünen, aber in manch anderer Stadt, gab es schließlich auch Invalidenhäuser und Invalidenstraßen; also Orte, wo einige zumindest kostenlose Unterkunft und Verpflegung erhielten.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-6.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="779" height="1024" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-6-779x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1085" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-6-779x1024.jpg 779w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-6-228x300.jpg 228w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-6-768x1009.jpg 768w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-6.jpg 937w" sizes="auto, (max-width: 779px) 100vw, 779px" /></a></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Die dazwischen und die vom Rand </h2>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders faszinierend für meinen Roman sind aber jene, die in der Mitte sitzen. Zwischen den Oberen und den Neuen nämlich die, die  dem alten Handwerk nachgehen. Seilmacher, Wagner, Sägemüller, Weber, Schmiede, Töpfer usw&#8230;  Da ist zum Beispiel <strong>Bernhard Bäumer</strong>, der in der Cappenbergerstraße eine eigene Pfeifenfabrik betrieb. Er steht für das alte Handwerk, das sich gegenüber der neuen Industriewelt aus Kohle und Stahl behaupten musste. Oder der »<strong>Modelleur</strong>« <strong>August Angerstein</strong>, der mit seinem künstlerischen Geschick vermutlich jetzt die Gussformen für die Fabriken schuf. Ebenso all die anderen Kaufleute, Händler, Metzger, Bäcker. Aber auch: Straßenbahnschaffner (es gab zu der Zeit eine Straßenbahnverbindung nach Dortmund!), </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazwischen immer wieder auch solche, die eher niederen Tätigkeiten nachgingen, etwa der <strong>»Lumpensammler« Hermann Lenz</strong> oder der <strong>»Handlanger« Theoder Lüttecke</strong> oder die unzähligen <strong>Tagelöhner.</strong> Alles für jeden niedergeschrieben im Adressbuch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Unklar ist mir, was genau <strong>Georg Schulz </strong>Tätigkeit war, wenn er als »<strong>Leibzüchter</strong>« tituliert wird. Ich vermute, es geht hier nicht um körperliche Züchtigung, sondern Richtung <em>Leibgedinge </em>– also jemand, der ein Nutzungsrecht an z.B. Land oder einem Hof hatte und davon ggf. leben konnte. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Frauen und andere Unsichtbare</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders auffällig ist aber die ökonomische Unsichtbarkeit der Frauen. Im Adressbuch 1907 tauchen sie meist nur dann als Haushaltsvorstände auf, wenn sie als <strong>»Witwen«</strong> geführt werden (Kürzel Ww). Ihr gesellschaftlicher Status war oft nur ein Echo des verstorbenen Ehemannes, ein bloßer Platzhalter in einer männlich dominierten Welt. Doch beim genauen Hinsehen entdeckt man jene Frauen, die vermutlich den Mut und die Chance hatten, den vorgezeichneten Weg zu verlassen und sich eine eigene Existenz aufzubauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sind etwa <strong>Ida und Martha Appel</strong>, beide wohnhaft in der Langestraße 9. Ida ist mit einem Stickgeschäft verzeichnet, Martha als »Handarbeits- und Turnlehrerin« gelistet. Da Martha als Lehrerin (ein Beruf für ledige Frauen, Stichwort »Lehrerinnen-Zölibat«) und Ida mit einem eigenen Geschäft aufgeführt ist, vermute ich, dass es sich um unverheiratete Schwestern oder eine Witwe mit ihrer erwachsenen Tochter handeln könnte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch <strong>Adelgunde Ackermann</strong> oder <strong>Sophie Klostermann</strong> als Krankenschwestern oder die Witwe <strong>Schulte-Derne</strong>, die mit ihrer Wirtschaft »Waldlust« einen ganzen Betrieb leitete, zeigen: Es gab sie, die Risse im starren Gefüge, durch die der Wille nach einem selbstbestimmten Leben schimmerte.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-3.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="974" height="478" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-3.jpg" alt="" class="wp-image-1077" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-3.jpg 974w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-3-300x147.jpg 300w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-3-768x377.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 974px) 100vw, 974px" /></a></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz einiger Ausnahmen: in den allermeisten Fällen erscheinen Frauen mit dem Kürzel »Ww«. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zusätzlich gibt es die unsichtbare Armee von <strong>Dienstboten und Haushälterinnen</strong>, die oft gar nicht namentlich, sondern nur indirekt über die Größe und Art der Haushaltungen im Adressbuch mitschwingen. Ein Haushalt wie der des <strong>Sanitätsrats Althoff</strong> oder des <strong>Oberlehrers Saarmann</strong> funktionierte nur durch dieses Personal, das meist aus den umliegenden Dörfern kam, um in der Stadt »in Stellung« zu gehen (<a href="https://andre-walter.de/roman-zeitungsanzeigen/">Siehe dazu meinen Artikel über die Zeitungsanzeigen</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für meinen Roman sind das brauchbare Details: Die Begegnung zwischen der Tochter aus gutem Hause und dem Dienstmädchen, das im selben Haus lebt und doch in einer völlig anderen Welt gefangen ist. Es zeigt die scharfe Trennung zwischen denen, die bedient wurden, und jenen, die im Verborgenen dafür sorgten, dass der bürgerliche Alltag aufrecht erhalten wurde. Und ebenso die wenigen Frauen, die den Mut oder die Chance hatten, unabhängig ihren eigenen Weg gegen jeden Widerstand zu gehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Welten aufeinanderprallen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht nur einzelner Mut und soziale Schichten trafen in Lünen aufeinander, sondern auch Welten. Beim Durchblättern der Seiten stolpere ich immer wieder über Namen wie <strong>Majewski</strong>, <strong>Kosciow</strong> oder <strong>Napieralski</strong>. Diese Männer kamen nicht aus Westfalen, sondern aus dem Osten; aus Schlesien z.B., Angelockt von der Aussicht auf Geld auf der Zeche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau dieser <strong>Zusammenprall von Welten</strong> befeuert auch die Dynamik in meinem Roman. Es war ein ständiges Messen: Wer darf wen zuerst grüßen? Wer muss den Bürgersteig räumen? Wer darf welches Fräulein ansprechen oder zum Tanz bitten? Zudem kam mit der Kohle Geld in Schichten der Gesellschaft, die vorher schlicht nicht existierten. Ein erfahrener Hauer verdiente plötzlich mehr als mancher kleine Beamte. Das alte Gefüge aus »Glaube, Gewissheit und Sage«, das mein Dorf im Roman so lange getragen hat, bekommt Risse. Wenn der »einfache« evangelische Bergmann aus Schlesien am Sonntag den gleichen »Sonntagsstaat« trägt wie der katholische alteingessene Kaufmann, bricht für die alte Elite möglicherweise eine Welt zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meinem Roman nutze ich diese Reibungspunkte. Wenn sich die fremden Arbeiter mit den Dorfmädchen anfreunden wollen. Oder der Pastor sieht, wie immer mehr Protestanten vor seiner katholischen Kirche stehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Für meine Geschichte ist das ein entscheidendes Motiv: Wie reagiert eine eingeschworene Gemeinschaft auf diese »Fremden«, deren Namen man kaum aussprechen kann und die nun das schwarze Gold unter ihren vertrauten Ackern holen wollen? Das Adressbuch hilft mir, die Gräben innerhalb der Gemeinschaft plausibel zu ziehen: Zwischen denen, die an der alten Gewissheit festhalten, und jenen, die im Ruß der neuen Zeit eine Chance auf Veränderung erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Und dann zeigt das Adressbuch noch andere schöne Dinge, die spannend sind: alte Straßennamen, ein Blick in die Geschäftswelt und zu den beliebtesten Vornamen jener Tage. Doch darüber, schreibe ich ein anderes mal.  </strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="545" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5-1024x545.jpg" alt="" class="wp-image-1079" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5-1024x545.jpg 1024w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5-300x160.jpg 300w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5-768x409.jpg 768w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5-1536x817.jpg 1536w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuch1907luenen-5.jpg 1658w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Walter gab es auch welche, aber keine Verwandten von mir 😉</figcaption></figure>
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			</item>
		<item>
		<title>Roman-Recherche 8: Die Hauderei</title>
		<link>https://andre-walter.de/roman-recherche-8-die-hauderei/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[André]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 28 Mar 2026 20:08:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Recherche für Historienroman 1907]]></category>
		<category><![CDATA[1907]]></category>
		<category><![CDATA[Adressbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Kutsche]]></category>
		<category><![CDATA[Lünen]]></category>
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					<description><![CDATA[Während ich für meinen Roman in das Jahr 1907 eintauche, stolpere ich immer wieder über Begriffe, die heute fast vergessen sind, damals aber zum Alltag gehörten. Einer davon ist die »Hauderei«. Diesen Begriff las ich zum ersten mal in meinem Leben, als ich beim Blick ins Adressbuch der Stadt Lünen von 1907 schauten, und diese [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Während ich für meinen Roman in das Jahr 1907 eintauche, stolpere ich immer wieder über Begriffe, die heute fast vergessen sind, damals aber zum Alltag gehörten. Einer davon ist die »Hauderei«.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Begriff las ich zum ersten mal in meinem Leben, als ich beim Blick ins Adressbuch der Stadt Lünen von 1907 schauten, und diese Anzeige sah:</p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="581" height="837" data-id="1034" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuchluenen1907.jpg" alt="" class="wp-image-1034" style="aspect-ratio:1" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuchluenen1907.jpg 581w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/adressbuchluenen1907-208x300.jpg 208w" sizes="auto, (max-width: 581px) 100vw, 581px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="551" height="422" data-id="1033" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/hauderei.jpg" alt="" class="wp-image-1033" style="aspect-ratio:1" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/hauderei.jpg 551w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/hauderei-300x230.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 551px) 100vw, 551px" /></figure>
</figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man sich die Mobilität im Münsterland vor 120 Jahren vorstellt, denkt man oft zuerst an die Postkutsche. Doch abseits der festen Postrouten gab es die Hauderer. Sie waren quasi das »Uber« bzw. Taxi der Kaiserzeit: freie Fuhrunternehmer, die ihre Kutschen und Pferde gegen Entgelt vermieteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Handwerk hinter dem Namen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff leitet sich vom alten Wort »haudern« ab, was schlicht das Reiten auf Mietpferden oder das Fahren in Mietwagen beschrieb. Ein Hauderer war ein Macher: Er wartete an markanten Plätzen auf Kundschaft oder wurde für ganz besondere Momente gebucht. Ob es die festliche Hochzeitsfahrt zum Nachbardorf war oder der dringende Transport von Gütern – der Hauderer war die Lösung, wenn man selbst kein eigenes Gespann besaß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die Recherche zu meinem Dorf zwischen Münster und Dortmund ist das spannend: Wie hat sich das Dorf verändert, als die ersten Bergwerke entstanden? Plötzlich gab es mehr Verkehr, mehr Fremde und einen ganz neuen Bedarf an Transportmöglichkeiten. Die Hauderei war genau an dieser Schnittstelle zwischen ländlicher Tradition und dem Aufbruch in die Moderne.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="981" height="1024" src="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/8557-Fuhrmannsverein-Luenen-1907_haudereit-981x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1765" srcset="https://andre-walter.de/wp-content/uploads/8557-Fuhrmannsverein-Luenen-1907_haudereit-981x1024.jpg 981w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/8557-Fuhrmannsverein-Luenen-1907_haudereit-288x300.jpg 288w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/8557-Fuhrmannsverein-Luenen-1907_haudereit-768x801.jpg 768w, https://andre-walter.de/wp-content/uploads/8557-Fuhrmannsverein-Luenen-1907_haudereit.jpg 1035w" sizes="auto, (max-width: 981px) 100vw, 981px" /><figcaption class="wp-element-caption">Lünen, 1906: Im Vordergrund der Fuhrmannverein, im Hintergrund auf dem Haus Werbung für eine Hauderei</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ein Blick über die Grenzen: Die »Cabs«</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise gab es dieses Prinzip überall. In London etwa nannte man die Mietkutschen »Hackney Carriages«. Dort setzten sich besonders die leichten, zweirädrigen »Cabriolets« durch. Die Engländer kürzten das Wort im Alltag einfach auf <strong>»Cab«</strong> ab; ein Begriff, der heute weltweit jeder kennt, während unser heimischer »Hauderer« still und leise aus unserem Sprachschatz verschwunden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum mir diese Details so wichtig sind</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In meinem Roman geht es um den Moment, in dem die alte Welt auf die neue trifft. Wenn der Graf nach Kohle graben lässt, bricht die Moderne über das Dorf herein. Solche Begriffe wie die Hauderei helfen mir, diesen Rahmen authentisch und plausibel zu gestalten. Es sind diese kleinen Wörter, die die Atmosphäre von 1907 wieder zum Leben erwecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fotos: Stadtarchiv Lünen.</p>
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