Da war ich noch zu jung für: Catweazle wer? Gut zehn Jahre vor meiner Geburt huschte ein zerzauster angelsächsischer Zauberer über die Bildschirme in deutschen Wohnzimmern – und verzauberte viele Kinder mit seinen Geschichten und Abenteuern. Leider hatte er nämlich auch sich selbst und seine Schildkröte Kühlwalda ungeschickt verzaubert: auf der Flucht vor den Normannen bei ihrer Eroberung Englands 1066, katapultierte er sich versehentlich in die Gegenwart.

Es ist die Gegenwart des Jahres 1970, wo er sich mit einem kleinen Jungen anfreundet und zahlreiche Geheimnisse dieser modernen Welt erlebt. Eine Welt, in der es Zauberknochen und diese dämonenhafte Elektrick-trick gibt. (Telefone und Strom)

Catweazle auf einem T-Shirt

Zeitreise ins Jahr 1970!

Diese englische Kinderserie kannte ich 2010 noch nicht, als mich ein Arbeitskollege darauf ansprach. Er selbst ist nicht nur das notwendige Stück älter als ich, sondern vor allem großer Fan dieser Serie seiner Kindheit. Und er hatte Kontakt nach England. Genau genommen zum Catweazle Fanclub, der die Gelegenheit bot, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen: die Besichtigung eines der Drehorte von 1970. Und zwar unter Anleitung von Geoffrey Bayldon persönlich – dem Darsteller von Catzweazle in der Serie.

Und so begab ich mich als Reisebegleitung nach England – und stattete dem mir bis dahin unbekanntem Zauberer Catweazle einen Besuch ab.

Besuch im englischen Hertford

Das Reiseziel war die Catweazle-Summer-Fete 2010, so der offizielle Name der Veranstaltung. Es war nicht die erste und nicht die letzte Fete des Clubs, doch ging es 2010 erstmals zum Drehort der zweiten Staffel: das Brickendonbury Estate, ein alter Landsitz in der südenglischen Stadt Hertford.

Hertford liegt in der Grafschaft Hertfordshire, die direkt an den Norden von London grenzt. Gut 24.000 Einwohner leben dort und die allermeisten Bewohner pendeln täglich nach London zur Arbeit. Es gibt zwei Bahnhöfe, eine Brauerei, alte Kirchen, ein Schloss (in dem ein Teil der Stadtverwaltung sitzt) eine Fußgängerzone und der Fluss Lea schlängelt sich durch den Ort. An seinen Ufern ankern viele Hausboote.

Hertford ist sehr idyllisch und schön, geschichtsträchtig ganz besonders: so kam bereits 673 der Erzbischof von Canterbury hier mit seinen Bischöfen zusammen und die Dänen schlugen 869 ein Lager auf, weshalb 911 eine Befestigungsanlage zur Abwehr derselbigen errichtet wurde.

welcome to lovely Luton!

Ein Easyjet-Pilot bei der Landeansage…

Es war unsere erste Reise nach England. England ist aus dem Flugzeug unverkennbar. Nicht, weil die Autos auf der anderen Straßenseite fahren, sondern vor allem wegen dieser vielen kleinen Äcker, von Hecken abgegrenzt, auf sanft geschwungene Hügeln. Und Kreisverkehre ohne Ende. Wir landeten bei bestem Wetter auf dem Flughafen London-Luton. Von da ging es mit dem Taxi direkt nach Hertford, wo wir ca. 40 Minuten später ankamen.

Hertford von oben. Das Bild ergab sich für mich zufällig 2015 auf einem Rückflug von London.

Unser Hotel war ungefähr 2 Kilometer vom Drehort entfernt. Es war ein schöner Spaziergang über die Queens Road durch ein Wohngebiet, dann den schnurgeraden Morgans Walk durch die Landschaft direkt zum damaligen Drehort Brickendonbury Estate. Allerdings war der Weg durch einen Zaun und ein verschlossenes Tor versperrt. Wir kletterten einfach drüber….

Ein alter Landsitz als Drehort

Das Brickendonbury Estate ist ein herrschaftliches Anwesen mit einer langen Geschichte (siehe hier), die erstmals 1086 im Doomsday Book erwähnt wird. 2010 ist es ein prächtiges Haus und Nebengebäuden mit großem englischen Garten, wie man es sich vorstellt. Genutzt wurde es zu dem Zeitpunkt einerseits als Kongresszentrum, andererseits als Büro und Forschungseinrichtung der Malaysianischen Gummigesellschaft.

Pünktlich zum Mittagessen!

Warten auf Catweazle…

Zahlreiche Leute hatten sich bereits vor dem Gebäude eingefunden und alle warteten gespannt, wann Geoffrey Bayldon kommen mag. Hierbei traf ich erstmals auf Carol Barnes, die Vorsitzende des Catzweazle Fanclubs und Organisatorin der Treffens, die mir bislang nur aus E-Mails an meinen Freund bekannt war.

Unter den Gästen war zudem Richard Carpenter, der Autor und Erfinder von Catweazle und seinen Abenteuer. Carpenter wohnt auch in Hertfordshire

Richard Carpenter (3.v.l) im Gespräch mit Carol Barnes (2.v.l)

Zunächst sollte es aber für alle Mittag geben, genauer: Sandwiches, Pasteten, Kuchen, Kekse, Chips. Um 13 Uhr wurde in in den Speisesaal geladen und nachdem alle saßen, kam Geoffrey Bayldon hinein:

Rundgang mit Catweazle

Da ist er also! Ich hatte natürlich vor der Reise einige Folgen der Serie angeschaut. Wiedererkannt habe ich ihn fast nicht, weil die Haare deutlich kürzer waren, der Bart ab, und er selbstverständlich nicht so zerzaust wie der alte Zauberer in der Serie aussah. Dafür trug er seinen Dolch mit Namen Adamcos vor der Brust, so wie er es in der Serie auch tat.

Nach dem Essen startete die Tour durch das Anwesen:

Geoffrey Bayldon / Catweazle (dahinter in blau: Carol Barnes)
Geoffrey erzählt Details vom Dreh

Im Haus selber wurden mehrere Räume und Etage begangen; dabei oft im direkten Vergleich mit Szenen aus der Serie:

Der Fanclub selbst drehte an diesem Tag ein eigenes Video als Erinnerung an diesen Tag, das später auf DVD gekauft werden konnte.

Nach dem Rundgang nahm Geoffrey Bayldon auf dem Sofa im Foyer Platz, um von Phillip Ettinger interviewt zu werden. Ettinger ist ein Filmproduzent aus Liverpool, der einen eigenen Catzweazle-Film dehen wollte. Meines Wissens ist daraus später nichts geworden. Anschließend war noch Zeit für lockere Gespräche und Autogramme, und Geoffrey Bayldon bekam eine Flasche Rotwein geschenkt.

Geoffrey Bayldon im Gespräch mit dem Filmproduzenten Phillip Ettinger

Für Traurigkeit sorgte dagegen der Tod des Schauspielers Robin Davies, der zuvor am 22.Februar 2010 gestorben war und somit schon die Planungen zur Fete überschattete. Davies spielte die Rolle des kleinen Jungen Harold Bennet aus der ersten Staffel, mit dem Catweazle seine Abenteuer erlebte. Der Drehort befand sich in der Gradschaft Surrey südlich von London.

Die Rolle des zweiten kleinen Jungens namens Cedric Collingford, (genannt „Eulengesicht„, wegen seiner Brille) in der zweiten Staffel wurde von Garry Warren gespielt. Der Dreh dafür fand in Hertford statt.

Für den Rückweg mussten wir übrigens nicht erneut über den Zaun klettern: die Mitarbeiterin des Kongresszentrums schloss uns freundlicherweise das Tor auf.

Währenddessen in Südafrika…

Während wir an diesem Nachmittag also über den gepflegten Rasen von Brickendonbury schlenderten, fand parallel auf einem Rasen in Südafrika das Fußball-WM-Achtelfinale Deutschland gegen England statt.

Einige Engländer schauten während des Rundgangs immer wieder sprachlos auf ihre Handy, ein anderer lauschte regungslos dem Kommentator im Radio. Da stehen gerade wir vier Deutsche mitten in England auf dem Rasen – und Deutschland wirft die Engländer mit 4:1 aus der WM. Fassungslosigkeit bei den englischen Herren, aber auch der Versuch, sich nichts anmerken zu lassen. Schließlich sind alle wegen Catweazle hier und nicht wegen Fußball. Ich sowieso, mich interessierte die WM nur am Rande.

Dafür gab es am nächsten Morgen im Hotel nicht nur gebratene Würstchen, gebackene Bohnen, Speck und Tomaten, sondern auch aufrichtige Anerkennung ob des deutschen Sieges über England und der guten Spielleistung der Deutschen. Faire Sportfreunde sind sie, die Engländer.

Vor diesem Pub stand des Abends noch das Schild vom Spiel…

Wiedersehen mit Catweazle 2013

Hertford ist wirklich malerisch! Drei Jahre später kehrten wir deshalb erneut dort ein. Der Fanclub hatte noch einmal zur Drehortsbesichtigung in Brickendonbury eingeladen.

Wiedersehen 2013 mit Geoffrey Bayldon

Besuch von Lord Collingford…

Neben Geoffrey Bayldon war diesmal als besonderer Gast Morray Watson dabei. Watson spielte Lord Collingford in der zweiten Staffel, der Vater des kleinen Jungen, mit dem sich Catweazle angefreundet hatte.

Bevor es auf den Rundgang ging, nahmen zunächst alle in einem Saal Platz. Watson erzählte auf der Bühne vom Dreh und ein wenig aus seinem Leben. Als Dankeschön für sein kommen überreichte ihm der Fanclub ein Bild:

Ein Geschenk für Morray Watson, der Lord Collingford spielte. Watson starb am 2. Mai 2017.

…und einem echter Magier

Anschließend betrat ein echter Magier die Bühne, der ein paar Karten- und Zaubertricks vorführte und dafür immer wieder Leute aus dem Publikum zu sich holte. Was hatte ich Sorge, dass er mich auswählt! Ich fand mein Englisch zu schlecht und hatte mehr Sorge, mich vorne zu blamieren, weil ich die Anweisungen nicht richtig verstanden hätte. Aber er verschonte mich und verzauberte andere Gäste.

Nun folgte der Rundgang. Als ich im Treppenhaus aus dem Fenster schaute, sah ich einen anderen Gast, der eine Szene aus der Serie 1:1 nachstellen wollte: da springt Catzweazle nämlich auch in den Teich hinterm Haus, um so in die Vergangenheit zurück zu gelangen. Wirklich rein gesprungen ist der Gast aber nicht 😉

Der Teich, in dem Catweazle durch die Zeit reist.

Schlange stehen können Engländer besser

Anschließend gab es Mittagessen. Buffet. Und wenn die Engländer etwas besser können, als alle anderen auf der Welt, dann ist es: anstehen! Niemand macht so ordentliche Schlangen wie die Engländer. Vom Buffettisch an der Wand entlang aus dem Raum hinaus, den ganzen Flur hinunter. Einer hinter dem anderen, selbst um die Ecke disziplin. In Deutschländ hätte es jetzt eine dicke Traube vor dem Tisch gegeben und keiner wäre je auf die Idee gekommen, den Raum zu verlassen, um sich anzustellen. Leider habe ich kein Foto davon, es bleibt mir jedoch ein unvergessliches Bild in Erinnerung.

Dafür verwundet es mich in England immer wieder, wenn zum Mittagessen (es gab übrigens Kartoffelgratin, einen Braten, Gemüseplatte mit Soße) zur Abrundung Ketchup und Chipstüten auf den Tischen liegen. Chips mit Salz und Essig natürlich.

Einige Mitglieder des Fanclubs verkauften in einem anderem Raum selbst erstellte Accessoires oder zeigte Eigenkreationen, die sie für sich selbst angefertigt hatten.

Auch diesmal war es wieder ein wunderbarer Tag am ehemaligen Drehort. Allein meine Kamera wollte nicht recht, aber Geoffrey rettet das auf seine Art:

Geoffrey Bayldon und ich (wie ich gerade bemerke, dass meine Kamera falsch eingestellt war und einige Bilder nichts geworden sind)
Aber Geoffrey posiert noch einmal neu für mich 😉

Und weil wir bereits zuvor 2010 schon etwas über das Brickendonbury-Estate-Gartentor gelernt hatten, wurde uns auch 2013 wieder das Tor aufgeschlossen.

Klopfet an, und es wird euch aufgetan: wir haben dazu gelernt…

Geoffrey Bayldon

Wiedererkannt bei Casino Royale 1967

Jetzt, wo ich Geoffrey persönlich gesehen hatte, erkannte ich ihn einmal in einer anderen Rolle wieder. Und zwar überraschend unerwartet in der Rolle des »Q« in einem James-Bond-Film! Er spielte tatsächlich mal den fiktiven Mitarbeiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des britischen Geheimdienstes MI6.

Allerdings war es kein »echter« Bond-Film, sondern die 1967 erschienene Bond-Parodie Casino Royale mit Peter Sellers, Woody Allen und David Niven. Die basierte zwar lose auf der Handlung des gleichnamigen ersten Bond-Romans von Ian Flemming, hat aber sonst wenig mit dem allseits bekannten (und später mit Daniel Craig erneut verfilmten) Bond-Film zu tun. Es ist sogar ein ziemliches Filmchaos (mehrere Regisseure und Schauspieler haben den Dreh vorzeitig verlassen) aber Bayldon spielte seinen Kurzauftritt gut.

Insgesamt hat er jenseits von Catzweazle viele Rollen gespielt, darunter auch Auftritte in den Serien:

  • Simon Templar
  • Der Doktor und das liebe Vieh
  • Black Beauty
  • Inspektor Barnaby

Geoffrey Bayldon starb am 10.Mai 2017

im Alter von 93 Jahren (* 7. Januar 1924 † 10.Mai 2017).

Seit diesem Besuch mag ich die Insel sehr

Catzweazle brachte mich nicht nur zum ersten mal nach England, sondern ließ mich noch mehrmals nach Großbritannien zurück kehren. Die Menschen dort sind sehr freundlich!

Und entgegen landläufiger Befürchtungen, bin ich niemals verhungert. Es gab weder Wildschwein in Minzsoße noch warmes Bier, dafür vielmehr eine sehr internationale Küche mit vielen Einflüssen aus allen Teilen der Welt. Wenn auch gelegentlich »interessant« kombiniert 😉

„Chicken Tikka Masala“, das zu der Zeit beliebteste Gericht in England. Köstlich!

2016 war mein letzter Besuch. Und ich hoffe, nach Brexit und der Pandemie eines Tages noch einmal wieder kommen zu dürfen!

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