Eine Woche Abgeschiedenheit jenseits der vertrauten Umgebung. In Zeiten von Corona erinnerte ich mich neulich an meine »Einquartierung« 2004 auf einem Gebirgszug in Niedersachsen. Mit Latex, Bier und viel Natur in der Zivildienstschule auf dem Ith.

Nach den Sommerferien 2004 begann mein Zivildienst mit einem Staatsbürgerlichen Einführungsdienst. Dieser war für jeden Zivi vorgeschrieben und der Bund hatte dafür extra 17 Schulen in ganz Deutschland eingerichtet.

Vier Schulen gab es in NRW. Die nächstgelegene für mich wäre in Herdecke gewesen, also leicht erreichbar. Aus welchem Grund auch immer hieß es für mich im Einberufungsbescheid aber: Auf nach Niedersachsen! Für vier Nächte bin ich zur »dienstlichen Unterkunft« in Eschershausen verpflichtet worden.

Anreise

Eschershausen, zwischen Paderborn und Hildesheim im Weserbergland. Mein Zugticket brachte mich bis zum Bahnhof von Stadtoldendorf, dem nächstgelegenen Bahnhof.

Es war ein sonniger Vormittag als ich aus dem Zug stieg und es war so warm wie ein Augustmontag warm sein kann. Eine lange Weile durfte ich auf dem Bahnhofsvorplatz warten. Denn von dort wurden die Zivis per Kleinbus eingesammelt und auf den 439 m ü. NHN hohen, ca. 7 Kilometer entfernten Mittelgebirgsberg Namens »Ith« gefahren.

Bis der Bus kam, dauerte es allerdings. Offenbar hat man wohl erst ein paar Züge abwarten wollen um dann nur einmal fahren zu müssen. All die anderen jungen Männer mit Gepäck waren somit ganz offensichtlich Zivis, was sich mit Ankunft des Busses auch bewahrheitete.

Bundeswehrfeeling auf dem Berg

Nach kurzer Fahrt durch Eschersdorf und Wald hieß es: Willkommen auf dem Ith! Bundeswehrfeeling. In den Gebäuden der Zivildienstschule war vor ihrer Einrichtung 1971 tatsächlich eine Kaserne. Erst die Wehrmacht (Luftwaffe), die hier eine Flugschule betrieb, dann britische Truppen. Den Gebäuden sieht man die unterschiedlichen Bauherren an. Anfangs der alte Wehrmachtsteil, weiter hinten die von den Briten später gebauten Gebäude.

Nach der Anmeldung gleich die Zusammenkunft zur Einweisung in einem stickigen Raum mit über 50 Leuten. Harsche Einweisung. Bettwäscheausgabe hier, Essen da, Regeln. Regeln dieses, Regeln jenes. Gruppeneinteilung für den Unterricht. Und keiner verlässt das Gelände nach »Dienstschluss«. Der Eingang sei bewacht.

Dann nach Stöhnen und Gemeckere die Relativierung:
Gut, man könne ja niemanden hier festhalten, aber wer raus ginge, sei eben nicht mehr versichert. Die mit dem eigenen Auto, müssen bis dann und dann wieder zurück sein, sonst kommen sie nicht mehr aufs Gelände. Theoretisch also eine seichte Ausgangssperre.

Haus Deister, Erdgeschoss, Latexbettlaken

Ich wurde dem »Haus Deister« zugewiesen. In Zimmer drei gab es die Bettwäsche. In der Tür war ein kleine Ausgabe eingearbeitet, durch die jemand emsig routiniert die Bettwäsche einzeln durch schob, sobald man Name und Zimmer genannt hatte. Dazu wurde ein Latexbettlaken gereicht – mit den Worten: »es wird sich bewähren…«

Haus Deister.

Direkt neben der Ausgabe befanden sich die Toiletten und die Gemeinschaftsduschen. Es hätte schlimmer sein können, so ganz ohne Trennmauern. Wirklich Freude hatte jedoch niemand an den offenen Duschen, von denen es acht Stück gab (vier pro Seite).

Die Flure waren Kühl. Weiße Wände, dunkle Holztüren. Mein Zimmer lag im Erdgeschoss schräg gegenüber der Toiletten gleich am Anfang.

Die meisten Zimmer hatten drei oder vier Betten, vereinzelt gab es auch Zweibettzimmer.

Wenigstens nicht das Bett in der Mitte, dachte ich mir. Und so nahm ich das an der Wand (die zwei anderen Mitbewohner kamen erst später, ich hatte also freie Wahl). Zwei Waschbecken und ein schmaler Schrank, mehr Spint, für die wichtigsten Sachen.

Unterricht

Der eigentliche Zweck des Aufenthalts war die besagte Staatsbürgerkunde. In kleinen Gruppen von zehn bis zwölf Leuten ging es um Demokratie und Europa und um den Zivildienst an sich.

Vorträge, Gruppenarbeit, viel Zuhören, manchmal Diskussionen. Ich meine mich zu erinnern, der Unterricht war von 9 Uhr bis 15:45 Uhr, dazwischen eine Stunde Mittagspause.

Verpflegung

Das Mittagessen war dann optisch so, wie man es sich vor so einer Reise vorstellt: Große Kantine, Schlangestehen mit einem dunkelgrünen Tablett, irgendjemand kippt irgendwas auf den Teller.

Inhaltlich schmeckte es dann doch überraschend deutlich besser. Die Schnitzel waren gut, Vegetarier konnten anderes Essen bekommen. Obst, Wasser, Tee und Kaffee gab es für alle dazu; beim Frühstück Orangensaft.

Auf zum Mittagessen

Wer nach dem Abendessen noch Hunger hatte, konnte bis 21 Uhr an einem Kiosk in einem Aufenthaltsraum noch Tiefkühlburger oder Kartoffelsalat mit Würstchen kaufen.

Wälder und Kühe, sonst wenig

Dort oben auf dem Berg war sonst nichts. Außerhalb des Schulgeländes waren ein paar Wohnhäuser, ansonsten: Wald, Felder, Wiesen, Kühe. Keine Geschäfte, kein Handyempfang, einfach nur Natur. Windräder in der Ferne und ein paar kleine Dörfer.

Ganz in der Ferne war nordöstlich der Telemax zu erkennen, Hannovers 282m hoher Fernsehturm, der ungefähr 40 km entfernt steht.

Und Gerüchten nach gab es da nahe der Schule auch irgendwo einen Wohnwagen, in dem eine Dame Namens Melanie ihr Geld an einsamen Zivis verdient haben soll…

Zwar war der Eingang bewacht und das Tor wurde auch Abends geschlossen – insgesamt war die Schule aber ziemlich offen. Zäune gab es nur im vorderen Teil der ehemaligen Wehrmachtskaserne. Hinten im »britischen Teil« (ich nenne das jetzt so, es ist keine offizielle Bezeichnung gewesen) wo die Unterkünfte waren, gab es fast keine Zäune. Selbst wenn man wirklich nicht das Gelände hätte verlassen dürfen: Es wäre gar nicht kontrollierbar gewesen, bei der Weitläufigkeit des Areals.

Ich bin jeden Abend ein wenig spazieren gegangen. Einmal überlegte ich in das vom Wiesenhang sichtbare Dorf zu laufen, dessen Namen ich damals nicht mal kannte (Duingen) doch es wäre wohl zu weit gewesen. Auch hatte ich weder eine Karte, noch gab es sowas wie Google Maps zu der Zeit.

Nicht weit von der Schule befand sich südöstlich ein Segelflugplatz. Das ist auch der Grund, weshalb schon die Luftwaffe vor dem Zweiten Weltkrieg hier überhaupt eine Kaserne baute: es ist wunderbares Segelfluggelände. Damals ideal zum Üben, heute ideal zum Üben.

Ganz in der Nähe steht im Wald ein Gedenkstein: 1979 stürzte hier ein Bundeswehrhubschrauber ab:

Am 8. Juni 1979 befand sich ein Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ SE.3130 Alouette II auf dem Flug von Truppenübungsplatz Putlos über Celle-Wietzenbruch nach Fritzlar. Gegen 14 Uhr kam es in rund 100 Metern Flughöhe zu einem Turbinenschaden, der Hubschrauber stürzte beim rund 400 Meter hohen Rothenstein auf den Ithflugplatz ab und explodierte

https://de.wikipedia.org/wiki/Ith#Absturz_eines_Bundeswehrhubschraubers_1979

Musik verbindet

Meine zwei Mitbewohner waren in Ordnung. Zumindest passten wir ins gleiche Lager. Ins gleiche Lager?

Ja, wenn hunderte junger, individueller Menschen aufeinander kommen, dann bilden sich ganz automatisch Grüppchen. In der Wikipedia steht ganz nett:

Die Zivildienstschulen verstanden sich (…) als ein Forum der Begegnung für junge Menschen mit unterschiedlichen lebensweltlichen Bezügen, Erfahrungen und Einstellungen.

Die gemeinsame Unterbringung über mehrere Tage bot nach Vorstellung der Zivildienstschulen den ZDL die Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und ein stärkeres Bewusstsein für die Wichtigkeit des Zivildienstes zu entwickeln.

https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zivildienstschule&oldid=166928619#Bildungsauftrag

In meiner Woche gruppierten sich die Leute mit ihren »unterschiedlichen lebensweltlichen Bezügen, Erfahrungen und Einstellungen« nach Musik.

Da gab es quasi hauptsächlich das weiße Lager mit den Techno-, House- und Gabberjungs einerseits, und das schwarze Lager mit den Metallern und Rockern, wo ich mich auch hingesellte.

Das ergab sich einfach so, da waren die netten Kerle mit den langen Haaren, der Gitarre und dem Bier und dann kamen die Tabletopspieler und Warcraftfans dazu und dann passte das. Irgendwie klischeehaft, oder?

Das Latexbettlaken bewährt sich

Bier ist ein gutes Stichwort. Einer hatte den ganzen Kofferaum voller Dosenbier und verkaufte jede Menge davon (das Dosenpfand wurde erst später eingeführt.) Alkohol aller Marken ging gut.

Einige hatten ziemlich viel und auch ziemlich starken Alkohol mit. Nicht alle vertrugen es, sich gleich am ersten Abend in lustiger Geselligkeit vollaufen zu lassen. Einer meiner beiden Mitbewohner trank völlig über den Durst. Und so übergab er sich des Nachts in sein Bett, um 2 Uhr, etwas über einen Meter neben mir. Es war herrlich.

Nun wurde klar, was der Bettwäschen-Mann meinte, dass sich das Latexlaken bewähren würde. Es haben sich auch in den Folgenächten noch zahlreiche Leute übergeben, weil sie zu viel Schnaps und Bier tranken. Diese Latexdinger verhindern, dass die Matratze auch was abkriegt; und sie sind einfacher zu reinigen.

Allerdings: für laue Sommernächte ist Latex alles andere als angenehm. Es ist sogar ziemlich ekelhaft, wenn es Nachts noch warm ist, darauf zu schlafen. Da sind die Sachen durch am nächsten Morgen und die Dusche dringen nötig.

Viel Freizeitmöglichkeiten und Telefone

Ansonsten gab es Sportplätze, eine Bücherei, Sauna, eine (!) Playstation mit ausschließlich Fifa 98, Billard, Kicker, eine Holzwerkstatt. Und es gab Münzfernsprecher und Kartenfernsprecher in mehreren Gebäuden. Das war auch wichtig, denn Handy ging hier nicht. Das Festnetztelefon an der Wand war die einzige Verbindung nach draußen. Gut, Postkarten und Briefmarken konnte man auch kaufen 😉

Planmäßig hätte es auch einmal eine Fahrt nach Hannover geben sollen, die kam aber nicht zustanden.

Abreise!

Interessante Woche, keine Frage. Ich war dennoch froh, in Stadtoldendorf am Freitag endlich wieder in Zug einsteigen zu können. Das ist so etwas, dass muss man wohl einmal mitgemacht haben müssen. Freiwillig wäre schließlich kaum jemand dahin gefahren. Wobei, nichts gegen die Gegend: Das Weserbergland ist schön (ich war später noch dreimal dort), nur so eine Einkasernierung, die macht keine Freude…

Auch hier gewesen?

Du hattest auch das Vergnügen, hier sein zu dürfen? Schreibe mir deine Erinnerung an hallo@andre-walter.de

Kategorien: Privates

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