»Nimm ma Platz auf dem Gartenstuhl, Günther. Ich mach eben noch den Antrag fürn Erwin fettich« Zweimal die Woche kamen viele, meist ältere Herren, in unseren Garten: denn Vater war nicht nur Bergmann – er war auch Knappschaftsältester. Sein Nachfolger Dieter Kniffka lebt dieses Amt seit 1997 mit Herz und Seele weiter. Erinnerung an eine Bergbaukindheit dritter Teil.

aaDie Sprechstunde: Dienstags und Donnerstags von 16-18 Uhr. Das Büro: improvisiert in der Gartenhütte an der Heinrichstraße. Der Gartentisch: diente als Schreibtisch. Dazu ein kleines Schränkchen für die Akten.

Kuranträge, Altersrente, Erwerbsminderungsrente, Bergmannsversorgungsscheine, alles gab es in unserem Garten. Mein Vater Ralf Walter übernahm das Ehrenamt des Knappschaftsältestens 1993 von Erich Malon – und er war bis zu seinem Unfalltod 1997 einer der vier Knappschaftsältesten in Brambauer.

Zweimal die Woche Büro des Knappschaftsältesten, sonst unsere Gartenhütte

Bindeglied zwischen Versicherung und den Menschen vor Ort

Und so kamen viele Kumpel aus unserem Sprengel mit Fragen und Anliegen zu uns. Denn Knappschaftsälteste stehen Bergleuten und ihren Angehörigen bei Fragen der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung zur Rate, helfen bei Anträgen und Formularen; sie sind das Bindeglied zwischen Versicherung und den Menschen vor Ort. Brambauer war in vier Sprengel aufgeteilt. Der meines Vaters umfasste alles nördliche der Königsheide und östlich der Waltroper Straße (grob also alles rund um Zeche Achenbachs vierten Schacht) mit damals gut um die 1.100 Menschen, die er betreute.

Manchmal ging mein Vater mit einem kleinen Köfferchen auch zu anderen Kumpeln nach Hause, wenn sie nicht mehr laufen konnten, und half ihnen in ihrer Wohnung bei der Antragsstellung, beriet sie zu jeglichen Fragen der Knappschaft.

Klappt es mal mit der Kommunikation zwischen der Knappschaft und dem Versicherten nicht, schaltet er sich ein und klärt manches Mißverständnis oder ein falsch verstandenes Schreiben (…). Seine Tätigkeit vollzieht sich im Stillen und er gerät mit seiner Aufgabe nicht so sehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Er wird nicht nur von den im Bergbau beschäftigten anerkannt, sondern genießt auch bei Rentnern und außerhalb des Bergbaus tätigen Menschen ein hohes Ansehen. Letztlich trägt seine Zuverlässigkeit und die Hilfsbereitschaft dazu bei. (…)

Horst Weckelmann in: »Unsere Zeitung« 1993, Artikel „Trotz Zechensterben: Knappschaftsältester hat auch heute an Bedeutung nicht verloren.“

Knappschaftsältester war und ist ein Ehrenamt. Gut 600 DM bekam mein Vater trotzdem als Aufwandsentschädigung. Es gab Seminare, Fortbildungen und viele weitere Veranstaltungen.

Nicht nur, aber auch wegen der relativ hohen Aufwandsentschädigung war das Amt begehrt. Manchmal soll es sogar richtige Kampfabstimmungen gegeben haben, als in den Sprengeln noch direkt gewählt wurde. Heute findet die Wahl im Rahmen der Sozialwahl statt.

Vom Knappschaftsältesten zum Versichertenberater

Mit dem Tod 1997 übernahm sein damaliger Vertreter Dieter Kniffka das Amt – und hat es bis heute inne. Seitdem hat sich vieles Verändert: Es gibt keinen Bergbau mehr, alle Zechen sind geschlossen, verschwunden, nur noch Reste zur Erinnerung übrig geblieben. Die Zahl der ehemaligen, noch lebenden Kumpel schwindet jährlich und die Knappschaft selbst hat sich verändert, denn seit 2007 ist die Krankenkasse für alle gesetzlich Krankenversicherten geöffnet. Später kamen noch die Bereiche Bahn und See hinzu, sodass mit der Zeit aus dem Knappschaftsältesten irgendwann der Versichertenälteste wurde, da es nicht mehr ausschließlich um Bergleute und deren Angehörige ging. Mittlerweile ist die neue Bezeichnung sogar Versichertenberater.

Im Sozialgesetzbuch heißt es dazu:

Die Versichertenältesten haben insbesondere die Aufgabe, eine ortsnahe Verbindung des Versicherungsträgers mit den Versicherten und den Leistungsberechtigten herzustellen und diese zu beraten und zu betreuen (…).

§ 39 im SGB IV: Versichertenälteste und Vertrauenspersonen

Dieter Kniffka erzählt

Die größte Veränderung war die Digitalisierung!

Ich traf Dieter in seinem Garten, der gerade eine Baustelle ist – und weshalb wir auf ein Foto verzichten. Inhaltlich habe sich wenig geändert in all den Jahren, sagt er mir. Allerdings: Jahrzehntelang wurde alles auf Papier beantragt. Viel Papier, Durchschläge, noch mehr Papier. Aktenordner. Dieter meint dazu : »Manche Knappschaftsälteste haben zwei Wochen lang gesammelt und dann die Anträge gebündelt zur Knappschaft geschickt, was dort vermutlich auch nicht für Freude sorgte«.

»Die Digitalisierung war somit die größte Veränderung!« 2008 kam das Programm „Antrag online“ auf CD heraus. Nun konnten wir die Formulare am Bildschirm ausfüllen und ausdrucken. Seit 2016 läuft alles digital. Seitdem gelangen die Anträge direkt auf den Bildschirm des zuständigen Sachbearbeiters bei der Knappschaft, erklärt mir Dieter. Gedruckt werden muss heute nichts mehr.

Eine Kohlenlore vor Dieter Kniffkas Zechenhaushälfte in Brambauer

Auch die Zuständigkeiten haben sich geändert. Statt fester Sprengel gibt es heute eine bestimmte Anzahl an Versichertenberater in einem Gebiet, zwischen denen man frei wählen kann. Eine Besonderheit: Grundsätzlich können alle gesetzlichen Versicherten Anträge bei Ihnen stellen – auch jene, die nicht bei der Knappschaft, sondern bei irgendeiner anderen Kasse versichert sind.

Improvisiert in der Küche, dann in eigener Gartenhütte

Als Dieter das Amt nach Vaters Tod kurzfristig übernahm, empfing er die Leute noch in der Küche seines Zechenhauses.

Das war damals ein Sprung ins kalte Wasser für mich. Ich war zwar mindestens einmal die Woche bei deinem Vater und hab mir das als Vertreter mit angeguckt. Wir haben die erste Zeit noch mehrere Wochenlehrgänge der IGBCE besucht, waren auf Wochenendschulungen im Sauerland…. doch dann kam der Tod überraschend, da musste ich durch.

Dieter Kniffka

Später errichtete er sich ebenfalls extra eine Gartenhütte in seinem Garten an der Heinrichstraße, die ihm fortan als Büro diente. Heute sitzt er jedoch im Seniorenzentrum Achenbach. Eigentlich. Wäre da nicht Corona: seit über zwei Jahren läuft das allermeiste nun nur noch per Telefon. Beratung und Auskunft über den Hörer, dann werden nur noch die fertigen Anträge bei ihm abgegeben.

Datenschutz geht vor

Doch egal ob Gartenhütte, Seniorenzentrum oder am Telefon: wie die Sicherheit unter Tage, wird über Tage der Datenschutz ganz groß geschrieben.

Auch wenn man sich untereinander kennt und kannte: die Tür musste zu sein. Wer welchen Antrag stellt, wer welches Leiden hat: geht niemand anderes was an. Der Versichertenberater unterliegt der Schweigepflicht. Zudem kann er die Sozialdaten seiner »Kunden« nicht einsehen; Anträge werden nach einer gewissen Zeit automatisch gelöscht, erklärt Dieter mir. Manche Leute erzählen eben auch nicht nur von Krankheiten, »als Versichertenberater bin ich immer auch Kummerkasten. Da würde ich auch sofort das Amt verlieren, wenn ich jemanden etwas über andere erzähle«.

Kohlenstaub in der Lunge

Und Krankheiten gab es zuhauf unter Bergleuten. Ich selbst habe ja nie ein Bergwerk live in Betrieb 700 Meter tief unter der Erde gesehen und kann nicht mal im Ansatz erahnen, welch körperliche Belastung das bedeutet haben muss. Warme, feuchte Luft und harte körperliche Arbeit. Als meine Großväter auf der Zeche arbeiteten, in den 50er bis 70er Jahren wurde noch richtig mit der Hand abgebaut. Darüber haben sie sich aber nie beklagt. Im Gegenteil: »gab gutes Geld« hieß es stattdessen.

Manchmal klang es so, als hätte es ihnen sogar richtig Freude gemacht. Und heute weiß ich: es war vor allem die Gemeinschaft, die Kumpels, die Freunde, mit denen man gemeinsam hart arbeitete. Wenn man nach erledigtem Tagewerk mit dem Kumpels noch zusammen saß, »schwarz« wie der Bergmann sagt, weil noch in der kohlenverdreckten Kleidung und ungewaschen, sich ein Bierchen trank.

Mein Großvater Josef »Sepp« Riehs in der Kaue von Schacht IV: Bier, Korn und Fleischwurst!

Gesundheitlich brachte die Zeche allerdings ein ernstes Problem mit. Die Arbeit an sich, so anstrengend sie gewesen sein muss, war es nicht direkt. Sie war hart und körperlich fordern, hielt aber auch fit, wie Opa immer sagte. Das Problem war der feine Kohlenstaub, den sie jahrelang eingeatmet hatten.

Der Kohlenstaub setzt sich mit der Zeit immer mehr in den Lungen fest und führt zu einer sogenannten »Staublunge« (Pneumokoniose). Sie führt zu Kurzatmigkeit infolge der eingeschränkten Lungenfunktion, in schlimmeren Fällen zur Lungenfibrose. Auf dem Röntgenbild ist sie erkennbar. Beide meiner Großväter litten darunter. Es schränkte mit zunehmenden Alter immer mehr ein, Treppensteigen fiel immer schwerer.

Erstaunlich und völlig unverständlich war jedoch, dass die Staublunge nicht grundsätzlich als Berufskrankheit anerkannt war. Mein Opa musste lange für eine entsprechende Rente kämpfen. Mein Vater setzte sich stark dafür ein, auch wenn er nicht der zuständige Knappschaftsälteste war. Aber man kannte sich, man half sich und so klappte es am Ende mit der Zusatzrente wegen Berufskrankheit doch noch.

Die Kolonie stirbt, doch das Amt hält fit

Und heute? Dieter sagt, über die Hälfte aller Anträge sind Witwenanträge. »Wenn der Ehemann stirbt, muss so schnell wie möglich der Antrag auf Witwenrente gestellt werden«. Das ist oft sehr traurig, denn die meisten Leute kannte er:

Ich sehe meine Kolonie hier sterben…

Dieter Kniffka

Dennoch werden immer noch Leute gesucht, die das Ehrenamt übernehmen. Durch die Erweiterung der Knappschaft, kommen eben auch andere Berufsgruppen hinzu, somit neue Leute, die Beratung brauchen. Die Aufwandsentschädigung ist allerdings nicht mehr so üppig, wie sie es in DM-Zeiten noch war, schmunzelt Dieter ein wenig.

Und wie sieht Dieter das alles insgesamt nach mittlerweile 25 Jahren?

»Ich war auf der Achenbachschule, hab auf Zeche Minister Achenbach gearbeitet, war zehn Jahre im Gesundheitshaus, jetzt bin ich seit fünf Jahren mit meinem Büro im Seniorenzentrum „Minister Achenbach“, hab mir mein Zechenhaus gekauft – und bin eben seit 25 Jahren Knappschaftsältester bzw. Versichertenberater. Ich will auf jeden Fall weitermachen! Der Kontakt zu den Menschen ist mir wichtig. Es hält mich geistig fit!

Vielen Dank für das Interview und Glückauf!«.

Aus der Serie:
Kindheitserinnerungen an die Zeche

Dies ist der dritte Teil der Serie: Kindheitserinnerungen an die Zeche. Es ist eine besondere Sicht auf den Bergbau und die Zeche Minister Achenbach: nämlich die eines jungen Menschen, der selbst nie auf der Zeche war, dessen Leben aber von ihr beeinflusst wurde…