Seit 2012 wohne ich in Selm. Seitdem ging mir dieses Bild mit den Baggern und dem Hügel nicht aus dem Kopf, dass ich 20 Jahre vorher hier gesehen hatte: als ich bei meinen Verwandten am Ternscher See aus dem Wohnzimmerfenster schaute. Heute ist da ein Wald, so drängte sich die Frage auf: was habe ich damals gesehen?

Für mich –damals keine zehn Jahre alt– hatte es immer einen Hauch Tagesbergbau und blieb als solcher (sicherlich übertrieben) bis heute in Erinnerung:

frei aus dem Gedächtnis gezeichnet….

Der Haken mit der Erinnerung: hinter dem Haus meiner Verwandten ist ein Wald! Ich sehe trotzdem immer noch die Bagger in der Ferne auf zwei Ebenen auf und abfahren. Die LKW, die Schuttberge, den vermeintlichen Tagesbergbau. Als Kind denkt man so etwas, wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt und Vater, Großväter und die meisten Onkel über oder unter Tage arbeiten.

2012 zog ich also nach Selm und schaute mir die Gegend seitdem mehrmals an: da ist ein Wald! Hinter den Häusern am Strandweg befindet sich ein kleiner Wald. Auch auf den Luftbilder ist nichts anderes zu sehen als Wald hinter den Häusern.

Eindeutig ein kleines Stück Wald hinterm Haus…

Hab ich mich vielleicht vertan? War ich bei anderen Verwandten oder haben Sie vielleicht damals in einem anderen Haus gewohnt? Ich hatte alles noch so gut im Kopf. Das Wohnzimmer, wo Sofa und Tisch stand, die Küche, den langen Flur, das Kinderzimmer meines Cousin mit dem Amiga500, den er sich 1989 gekauft hatte. Alles passte in Gedanken zu diesem Blick auf dem Wohnzimmerfenster.

Gemäß Ockhams Rasiermesser, solle man von der einfachsten Theorie ausgehen, die einen Sachverhalt erklären kann. Die, die mit den wenigsten Annahmen auskommt. Und es erschien mir auch abwegig, dass ich mich so hätte vertun können: falsches Haus, andere Verwandte, anderer Ort…. zu viele Annahmen.

Es muss somit das Haus meiner Verwandten am Ternscher See gewesen sein. Meine Verwandten konnten allerdings spontan auch keine Lösung beisteuern. Der Wald sei schon so lange dort, ganz früher hätten sie aber bis zum Dortmund-Ems-Kanal gucken können.

Und dann machte es Klick: Es war der bestimmt der Kanal, an dem damals gearbeitet wurde! Der ist 700 Meter entfernt und er liegt höher als das Umland. Damit erklärte sich auch, warum ich zwei Ebenen im Kopf hatte.

Mit dem Wissen begab ich mich auf die Seite des Regionalverbandes Ruhr und seinen historischen Luftbildern.

2019 mit Wald

Luftbild aus https://www.luftbilder.geoportal.ruhr/ © RVR 2019, Aerowest GmbH, Meixner Vermessung ZT GmbH, dl-de/by-2-0.

1990 und siehe da: es gab noch keinen Wald!

Luftbild aus https://www.luftbilder.geoportal.ruhr/ © RVR 1990, Aerowest GmbH, EUROSENSE GmbH, dl-de/by-2-0.

Der Kanal ist zwar auf den Luftbildern nicht zu sehen* (es ist die Stever die am nordwestlichen Bildrand entlang fließt), aber natürlich ist der Kanal ganz in der Nähe, keine 400m von der Stever entfernt. Und so muss ich 1989 -ganz ohne Wald- wirklich freie Sicht vom Wohnzimmerfenster auf die Kanalarbeiten gehabt haben.

Keine Ahnung, warum sich dieses Bild bei mir so eingebrannt hatte. Doch nun ist es des Rätsels Lösung gefunden. Wo heute Bäume stehen, standen vor 32 Jahren eben noch keine 😉

* Der Kanal ist auf dem Luftbild nicht zu sehen, weil er auf Olfener Stadtgebiet liegt und Olfen nicht mehr zum Ruhrgebiet gehört. Im Bildbetrachter des RVR wird alles abgeschnitten, was nicht Ruhrgebiet ist.


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