»In eurem Wohnzimmer haben früher Schweine gewohnt!« behauptete Tante Matta. Es war 1989, als wir in das Zechenhaus an der Heinrichstraße in Brambauer einzogen. Ich war sieben Jahre alt und wunderte mich, was für schreckliche Menschen in diesem Haus vorher gewohnt haben müssen! Und Ziegen und Hühner sollen hier auch noch gewohnt haben….

Ich wollte es ihr nicht glauben. Allerdings wohnte Tante Matta schon seit ihr ganzen Leben im Haus nebenan. Andererseits ist sie gar nicht wirklich meine Tante, aber wir nannten sie immer so. »Und an der Wand hier, da war früher auch eine Haustür«.

Da soll alles stimmen? Vorstellen konnte ich mir es nicht, wo in unserem Wohnzimmer denn all die Schweine, Hühner und Ziegen gehaust haben sollen. Ja schlimmer noch, das Klo soll auch noch im heutigen Wohnzimmer gewesen sein.

Zechenhäuser an der Heinrichstraße 2021.

Baujahr 1923

Das Haus, in das wir 1989 einzogen, war eine Zechenhaus-Doppelhälfte. Erbaut um 1923 von der Zeche Minister Achenbach, ziemlich genau 600 Meter von Schacht IV entfernt.

Während die Zechenhäuser in den beiden Brambauer Zechenkolonien i.d.R. vier Wohnungen für Arbeiter vorsahen, handelt es sich beim Haus meiner Eltern um ein sogenanntes Angestelltenhaus, das sich zwei Bergbaufamilien teilten. Ähnliche Häuser, jedoch mit anderem Zuschnitt, entstanden auch an weiteren Straßen zwischen den beiden Kolonien.

Ausgabe Juli 1957 der Werksmitteilung von Minister Achenbach über den Wohnungsbau in Brambauer:

Typisch für Zechenhäuser ist ein sehr großen Garten, in dem Bergleute und ihre Familien früher Kartoffeln, Gurken, Bohnen, Karotten und Salat selbst angebaut haben. (Kein Vergleich zu heutigen Neubaugrundstücken mit mickrigen Gärten, oft nicht größer als die Garage).

Zur Selbstversorgungsmöglichkeit gehörten zu jener Zeit auch Ställe für Schweine, Hühner und Ziegen und der nötige Platz.

Die ab 1904 errichtete »Neue Kolonie«, hier mit der Karl-Haarmann-Straße im Jahr 2008. Oder wie die Brambaueraner sagen: »Kallamanstraße«. Vier Wohnungen pro Haus.
Üblich für Zechenhäuser: große Gärten

Die Baupläne geben ihr recht

Den Beweis für Tantes Aussagen fand ich viele Jahre später, als mir die Baupläne unseres Hauses in die Hände gelangten. Tatsächlich war das heutige -relativ große- Wohnzimmer früher einmal unterteilt in drei Räume: eine Küche, eine Spülküche nebst Klo und einem kleinen Stall. Sie hatte Recht, sogar der zweite Hauseingang war an der Seite eingezeichnet.

Erst 1975 wurde das Haus so umgebaut, wie es heute ist. Die Ställe verschwanden, Wände wurden entfernt, neue größere Räume entstanden und ein richtiges Badezimmer eingebaut.

Eines der wenigen Fotos aus früheren Tagen des Hauses (links im Bild): hier 1942, als russische Zwangsarbeiter zur Mittagsschicht auf Schacht IV geführt werden (Quelle: Sammlung Justus Pabst, Stadtarchiv Lünen)

Wie die Bergleute früher wohnten

zeigt übrigens das Bergarbeiterwohnmuseum an der Rudolfstraße.

Mehr darüber auf der Internetseite der Stadt Lünen unter
https://www.luenen.de/freizeit-tourismus/freizeit-tipps/museen/

Eine Seilbahn hinterm Haus

»Komm wir gehen ins Dorf über die Seilbahn«. Immer sprach meine Mutter von dieser Seilbahn, die 1989 nicht anderes für mich war, als ein gewöhnlicher Fußweg hinter unserem Haus. Seilbahn klang spannend und aufregend, doch nie war eine zu sehen. Das konnte sie auch nicht mehr, weil sie schon Jahre zuvor abgebaut wurde.

Die sogenannten »Seilbahntrasse« ist ein ca. 2.200 Meter langer Fußweg durch Brambauer, der ungefähr in den 1970er Jahren angelegt wurde. Er verläuft genau dort entlang, wo früher einst tatsächlich einmal eine Seilbahn durch Brambauer führte: von 1923 bis 1968 wurde darüber Kohle von Schacht IV zu Schacht I/II überirdisch »durch die Luft« transportiert. Erst ab 1968 waren beide Schächte miteinander unter Tage verbunden, und die Seilbahn überflüssig.

Dieses Foto zeigt die Seilbahn in Betrieb, ganz links am Bildrand das Zechenhaus meiner Eltern.

Hinweis:

Es handelt sich bei diesem Foto um ein von mir nachträglich koloriertes Bild, dass mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz ausgebessert wurde. Das Originalfoto (vielen dank an Wolfgang Schubert!) ist in Sepia und weniger scharf. Mehr Fotos von der Seilbahn in Betrieb gibt es bei Wolfang Schubert auf Minister-Achenbach.de https://www.minister-achenbach.de/seilbahn.html

Heute ist die ehemalige Seilbahntrasse ein beliebter, begrünter Fuß- und Radweg durch den Ort. An einem angrenzenden Garten in Höhe der Lenaustraße wird die Erinnerung an den Bergbau deutlich sichtbar hochgehalten: eine Seilscheibe, Teufkübel und eine Kohlenlore stehen am Wegesrand. Am Schulhof der Wittekindschule befindet sich eine »versunkene Lore«, die teilweise in den Boden eingelassen wurde.

Ein weiterer Zeuge der alten Seilbahn ist die Straße »an der Seilbahn«, die in Erinnerung daran diesen Namen bekam. Zudem ist noch ein Reparaturhäuschen erhalten geblieben, dass sich in Höhe der Friedhofstraße befindet.

15 Meter Höhenunterschied

Der Verlauf der Seilbahn führt über Brambauers höchsten Punkt jenseits der künstlichen Bergehalden: genau dort, wo de Seilbahn die Friedhofstraße kreuzt, befindet sich der »Sudberg«. Er liegt ungefähr 15 Meter höher als die Standorte der ehemaligen Schachtanlagen.


Der Streckenverlauf über der Hügel mag verwundern, doch gab es damals kaum Alternativen: die beiden Kolonien waren schon gebaut und ließen nicht mehr viel Platz für eine andere Routenwahl. Zudem war bereits der Friedhof auf dem Sudberg angelegt (der wegen der Seilbahn übrigens nicht mehr vergrößert werden konnte und deshalb der zweite Brambauer Friedhof benötigt wurde).

Ich vermute, dass aufgrund des Höhenunterschiedes auch eine Schienenverbindung wegfiel und man möglicherweise nicht den Ort durch unzählige Bahnübergänge in zwei Hälften teilen wollte. Nördlich der Heinrichstraße gab es schon eine Schmalspur-Eisenbahn und auch südlich zwischen führte bereits eine Bahnstrecke von Schacht I/II zu Schacht III und von da weiter über Schacht IV.

Heute ist es in jedem Fall ein gemütlicher Weg, der über den Verlauf der ehemaligen Seilbahn hinaus bis nach Lippholthausen führt – und zwar der ehemaligen Kohlenbahn von Schacht IV folgend. Dazu mehr in einer anderen Geschichte.

Aus der Serie:
Kindheitserinnerungen an die Zeche

Dies ist der zweite Teil der Serie: Kindheitserinnerungen an die Zeche. Es ist eine besondere Sicht auf den Bergbau und die Zeche Minister Achenbach: nämlich die eines jungen Menschen, der selbst nie auf der Zeche war, dessen Leben aber von ihr beeinflusst wurde…