Der Tag der Arbeit bedeutet für einen Schüler besonders eines: Ausschlafen, keine Schule! Doch als Kind eines Bergmannes bedeutete das früher auch: Am 1. Mai kam der Steiger! Und er brachte sein helles Licht mit – und mich ums ausschlafen!

Maibaum in Waltop-Elmenhorst

Der Steiger kam nicht wirklich und auch Licht brachte niemand mit. Dafür kam der Brambauer Knappenverein. In schwarzen Uniformen, die Hüte mit Gold verziert; Schlägel- und Eisen sowie weißer Feder dran. Sie stellten sich alljährlich früh morgens vor unserem Haus in der Heinrichstraße auf, nahm die Instrumente in die Hand und spielten lautstark das Steigerleid:

Sie spielten für meinen Vater Ralf, meinen Onkel »Hennes« im Haus nebenan -beides Kumpel- und für meine Nachbarin »Matta«, die in der Gewerkschaft engagiert war und deren verstorbener Mann ebenfalls Bergmann war.

Und so stand jedes Jahr früh morgens der Spielmannszug vor unserem Haus und spielte »Glückauf«, als es die Zeche noch gab. Wir und die Nachbarn gingen dann immer raus (oder wenigstens ans Fenster), man begrüßte sich einander, tauschte ein paar Worte aus. Manchmal gab es sogar schon ein Bier. Nach einem kurzen Moment des Austausches zog der Spielmannszug weiter bis zum nächsten Kumpel. In der Ferne erklang erneut: Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt!

Gewerkschaftsreden

Der 1. Mai war immer auch Tag der Maikundgebungen und langer Reden. Schon Wochen vorher wurden von der Gewerkschaft die Anstecknadeln ausgeben. Ich war immer gespannt, wie sie diesmal aussehen würden.

In Alstedde fand die Veranstaltung in meiner Erinnerung immer auf dem Marktplatz statt. Vor 1990 war der Marktplatz noch am Ortsrand und man schaute noch aufs freie Feld. Erst ab 1990 wurde drumherum zu gebaut („Siedlung am Kornfeld“).

Es wurde viel geredet, wichtige Leute redeten, aber als Kind geht das hier rein und da raus. Es ist vielmehr langweilig, wenn die Erwachsenen reden. Einzige Ausnahme war für mich stets, wenn mein Onkel Werner Walter das Podium mit dem meist orangefarbenen IGBE-Redepult betrat und redete. Ihn kannte ich und es war irgendwie toll, dass der eigene Onkel neben all den wichtigen Leuten auch reden durfte. Damals gab es noch die IGBE, die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie mit eben jenem dunklen orange und dem stilisiertem Förderturm in Anthrazit drauf.

Ansonsten rannten wir Kinder viel herum, aßen Bratwürstchen und hatten auf unsere Art Spaß zwischen Bierständen und Redepodest. Und freuten uns über jede Wertmarke, die uns in die Hand gedrückt wurde, oder die -vom Winde verweht- auf dem Boden lag.

Einmal verlor ich meine Eltern in dem Marktplatzgedrängel. Ich ging zu Onkel Werner auf das Podest (er war fertig mit reden) und wir schauten gemeinsam, wo sie sind.

Bergmannskind von Minister Achenbach

Mein Vater war Bergmann. Meine Großväter waren Bergmänner. Die allermeisten anderen männlichen Verwandten, wie Onkel Werner und Onkel Hennes, ebenfalls. Als Kind wollte ich auch Bergmann werden, doch die Zechen waren bereits am Sterben, 1983, als ich auf die Welt kam. Ich habe nie eine echte Zeche unter Tage gesehen.

Dennoch ist der Bergbau, vor allem die Zeche Minister Achenbach, auch ein Teil meiner Kindheit und Jugend in Lünen-Alstedde und Brambauer. Weil die Zeche in der Familie immer präsent war und eben sehr viele Verwandte dort arbeiteten.

Schacht IV 1990, von der Halde Tockhausen gesehen.

Vatters Pütt

Mein Vater begann 1974 im zarten Alter von 15 Jahren seine Ausbildung auf Achenbach, Schacht IV. Auch meine beiden Großväter fanden nach dem Krieg Arbeit auf Achenbach (Schacht I/II) wie eben die meisten anderen Verwandten.

Mein Vater Ralf Walter (unten rechts) fing 1974 als Lehrling auf Achenbach an. Foto mit Dank an Wolfgang Schubert

Obwohl ich selbst nie ins echte Bergwerk eingefahren bin, erlebte ich dafür über Tage Zechenschließungen- und Sprengungen, schlich mich in verlassene Gebäude, sah den Strukturwandel, besuchte Museen und Denkmäler – und sah und wie sich das Leben und die Menschen ohne Zeche veränderte. Manchmal schleichend, manchmal in großen Schritten.

Schulweg zum Schacht IV

Als ich 1990 in die Grundschule kam, sah ich auf dem Schulweg jeden morgen noch den Förderturm von Schacht IV in Betrieb. Die damalige Grundschule am Freibad (heute Elisabethschule) lag quasi in direkter Nachbarschaft zur Zeche. Wir wohnten auf der Heinrichstraße, die nach Osten zeigend, direkt auf den Förderturm zulief. Das Eingangstor mit der Schranke war immer in Sichtweite für mich, ehe ich auf den letzten Metern zur Schule abbog.

Es war imposant, wie sich die Räder auf dem Turm drehten. Und immer in Gedanken dabei, dass mein Vater dort arbeitet und irgendwo da unten, gerade Kohle abbaut. Hier hatte er gelernt, hier arbeitete er. Mal Frühschicht, mal Spätschicht, mal Nachtschicht. Manchmal ging ich zur Schule, und er kam vom Schacht zurück – und umgekehrt.

Mit Schließung des Schachtes 1992, da kam ich gerade in die dritte Klasse, drehten sich die Seilscheiben nicht mehr. Und als ich die Grundschule verließ, landete wenig später das Colani-Ufo auf dem Förderturm: der Strukturwandel zeigte sich futuristisch! Und mein Vater wechselte von einer Zechenschließung zur Nächsten…

Wird fortgesetzt

Schacht IV während meiner Grundschulzeit
(Foto mit Dank an Uli Schmidt)
Der Förderturm 2007 bei der Aktion Schachtzeichen

Neu:

Aus der Serie:
Kindheitserinnerungen an die Zeche

Dies ist der erste Teil der Serie: Kindheitserinnerungen an die Zeche. Es ist eine besondere Sicht auf den Bergbau und die Zeche Minister Achenbach: nämlich die eines jungen Menschen, der selbst nie auf der Zeche war, dessen Leben aber von ihr beeinflusst wurde…

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