»Sie werden ja finanziell beteiligt« leitete Bürgermeister Mario Löhr mit einem zwinkernden Auge ein, und deshalb sollen »Sie auch rechtzeitig über die Neuerungen in der Stadt informiert werden, die Sie betreffen« Und so wurden am Donnerstagabend die 22 Projekte in der Burg Botzlar noch einmal grob erläutert, die einige Wochen zuvor auch in einer verteilten Broschüre kurz beschrieben wurden. In der anschließenden Fragestunde durfte zwar kritisch gefragt werden, aber das Thema Geld wurde trotzdem von vornherein explizit ausgeklammert.


Im August 2014 informierte der Bürgermeister erstmals öffentlich und detailiert über die großen Veränderungen, die die Regionale 2016 nach Selm bringen wird.  Der Infoabend am Donnerstag schloß thematisch daran und und knapp 180 Selmerinnen und Selmer folgten der Einladung in die Burg; darunter sehr viele Politiker, aber auch durch die Projekte betroffene Anwohner.

So eröffnete Bürgermeister Löhr auch gleich mit einem Rückblick auf die erste Veranstaltung  und das sich einiges seit dem schon realisiert habe, etwa der Hellweg Baumarkt. Die Bürgerinnen und Bürgern sollen rechtzeitig informiert werden, aber es soll auf auf keinen Fall eine Diskussionen um Zahlen oder Finanzen heute geben. »Es gibt einen Haushaltsbeschluss und die Zahlen sind bekannt«, deshalb keine Diskussion dazu.

Probleme mit der Broschüre

Dem Abend vorausgegangen war wieder eine kleine Infobroschüre mit vielen Grafiken, die auch gleichzeitig zu diesem Termin einladen sollte. Allerdings klappte die Verteilung in den Osterferien nicht so wie gewünscht und viele Haushalte erhielten offenbar keine Broschüre oder nicht ausreichend (so auch in meiner Nachbarschaft). Andere beschwerten sich über die Kosten dieser Broschüre  oder dass absichtlich der Termin in den Ferien genannt wurde, um möglichst wenig Leute zu informieren.

Bürgermeister Löhr versuchte die Vorwürfe zu entkräften, sprach von tatsächlichen Problemem bei der Verteilung und stellte klar, dass die Broschüre durch Sponsoren finanziert wurde –  ganz besonders auch mit Blick auf die Kommentare, die es auf Facebook dazu gegeben haben soll. Im Bürgerhaus lagen noch Broschüren aus, wer keine bekomme haben und heute nicht hier ist, könne sich aber auch im Amtshaus ein Exemplar abholen oder sich zuschicken lassen.

22 Projekte zur Stadtentwicklung

Dann begann Bürgermeister Löhr, die 22 Projekten aus der Broschüre durchzugehen; mal mit neuen Infos, mal mit nicht mehr, als auch schon gedruckt vorlag. Leider scheint es diese Broschüre abermals nicht online zu geben (völlig unverständlich für mich!) und ich bitte um Verständnis, dass ich hier -mit Verweis auf die Broschüre-  alle Themen ebenso nur kurz anreißen und nicht alle Details der Broschüre nachliefern kann.

Aktive Mitte
Kurze Vorstellung der vier Projektbausteine Auenpark, Campus, Neue Stadt am Wasser und Burg Botzlar. Die bisher gezeigten Pläne seien nach wie vor nur eine grobe Planung. Details können sich also noch ändern. Voraussichtliche Fertigstellung der Aktiven Mitte 2020.

 Integriertes Handlungskonzept Bork
Beginn der Diskussion mit den betroffenen Bewohnern ab Oktober 2015 (Bürgerversammlung)

Integriertes Handlungskonzept Cappenberg
Beginn der Diskussion mit den betroffenen Bewohnern 2016 (Bürgerversammlung). Unklar ist derzeit noch, was mit dem Brauereiknapp geschehen soll.

Flächenentwicklung Selm-Zentrum-Süd
Hier laufen gerade Gespräche mit Strassen.NRW zwecks Umgestaltung der Kreisstraße sowie über die Erstellung eines Kreisverkehrs  .
Die Stadt Selm hatte einige Häuser gegeüber von Berken  aufgekauft, abgerissen und Platz auch für den Kreisel geschaffen. Ein Investor will dort angrenzend etwas bauen – doch was genau, da »lassen Sie sich überraschen« so Löhr.

Weiteres Gewerbe am Hellweg-Baumarkt
Der Baumarkt lohne sich, viele Leute auch mit COE-Kennzeichen würden ihn ansteuern. Auf der gegenüberliegenden Seite der Parkplatz-Zufahrt entstehen derzeit ein Fitnessstudio und ein Dänisches Bettenlager. Auf die Anwohner konnte in der Form Rücksicht genommen werden, als dass die neuen Gebäude längs zu den bestehend gebaut werden und somit den Lärm der Kunden abschirmen.

Erweiterung Gewerbe- und Industriegebiet Kochstraße
Die Erweiterung der SARIA-Zentrale mache eine Änderung der Straßenführung notwendig. Löhr freue sich, dass SARIA in Selm erhalten bleibe und den positiven Einfluss auf die Gewerbesteuern. Die Zufahrt zu dem Areal (u.a. auch dem Billigmarkt Phillips) erfolge zukünftig über den neuen Kreisverkehr der Umgehungstraße Buddenberg. Die jetztige Zufahrt könne dann nur noch von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden.

Baugebiet Kreuzkamp-West
Baubeginn auf dem 58 Grundstücke umfassenden Baugebiet sei frühestens im dritten oder vierten Quartal 2016.

Kreisverkehr Kreisstraße/Umgehungsstraße
Fertigstellung des Kreisels vermutlich jetzt im Mai. Die zusätzliche Ausfahrt nach Westen (4.Arm) war nötig, weil das Regenrückehaltebecken nur auf der Westseite gebaut werden durfte (entgegen der Planung auf der Ostseite). Die daraus resultierende neue Straße ermögliche auch 10.000m² neue Gewerbefläche am Kreisverkehr. Das entspräche einer Bebauungstiefe von der Kreisstraße aus gesehen von ca. 45 bis 50 Metern.
(Welches Gewerbe und wo genau, wollte der Bürgermeister nicht sagen. In der Broschüre findet sich zur Art des Gewerbes aber immerhin der winzige Hinweis „hohe Fahrzeugfrequenz“.)

Lidl und Co. in Bork
Baubeginn für Lidl, Rossmann und einem Bäcker Anfang 2016. Aufgrund von Vorgaben seitens Strassen.NRW darf das Gelände nicht von der Kreisstraße aus angefahren werden, sodaß die Zufahrt über die Landsbergerstraße erfolgen muss.

Wohnquartier ehemaliger Sportplatz Bork
Lückenschluss mit voraussichtlich Stadtvillen, aber kein Datum genannt.

Wohnquartier Friedhof Bork
In den nächsten  ein bis zwei Jahren könnten hier neue Wohnhäuser entstehen. Derzeit gebe es noch Überlegungen und Interesse eines privaten Investors sowie der Kirche, dort etwas zu bauen.

Lückenschluss Haupstraße
Aufwertung des Dorfkernes. Sehr willkommen sei dazu die beschlossene Verlegung der Volksbank von der Bahnhofs- in die Hauptstraße.

Überplanung Marktplatz Bork
Der neue Wochenmarkt sei sehr gut geworden und habe sich bei Kunden und Händlern etabliert. Allerdings soll der Marktplatz zukünftig bebaut werden (Stadtvillen, Einfamilienhäuser). Die Abrissarbeiten dafür würden in zwei bis drei Jahren beginnen, frühestens aber nach dem Umzug der Volksbank. Eine Alternative für den Wochenmarkt soll es geben, aber vielleicht in anderer Form als bisher. (siehe auch weiter unten bei Zuschauerfragen)

Ärtzehaus Ludgeriestraße
Löhr habe Verständnis, dass vielen Leute der Bau nicht gefalle und man habe auch tatsächlich Fehler gemacht, was den Klinker bzw. die Fassade insgsamt angehe. Aber dennoch sei es richtig, dass hier investiert würde.

Hotel Knipping
Bürgermeister Löhr lobte den Investor für seinen Mut, in dieses Gebäude zu investieren, auch wenn es keine Gastronomie mehr wird. Am Sonntag (18.04) gebe es noch einmal für alle die Möglichkeit, sich das alte Hotel anzuschauen. Das Inventar würde an diesem Tag versteigert und Löhr betonte, dass für Flüchtlinge gerade Bettwäsche sehr willkommen sei. Dafür gab es auch viel Beifall aus dem Publikum.

Umbau Kreisstraße Süd
Da ging es noch einmal um den Kreisel Beifanger Weg/Kreisstraße/Landsbergstraße, der geplant ist (siehe oben). Baubeginn soll ggf. noch 2015 sein und -soweit möglich- sollen dabei auch neue Parkflächen in dem Bereich geschaffen werden.

Optimierung Radweg Olfener Straße
Schwieriges Terrain für alle Verkehrsteilnehmer, besonders durch den Bahnübergang. Immer wieder komme es zum Rückstau bei bei Linksabbiegern. Fahrradweg vom Ortseinang bis zum Ortskern Selm-Dorf soll überplant und umgebaut werden. Nützlich wäre es, die Olfener Straße zu verbreitern, was aber nicht möglich sei.

Deckenerneuerung Werner Straße
Radfahrer benötigen dort mehr Schutz. Äste, Zweige und Büsche vom Straßenrand wachsen auf die Fahrbahn, Radfahrer müssen so auf die Straße ausweichen. »Es ist überraschend, das dort nicht schon viel mehr Unfälle passiert sind« so Löhr. Dringend Handlungsbedarf, aber (dann ging es doch einmal ums Geld) die zwei Millionen geplanten Kosten genügen nicht; Kostensteigerung um ca. 600-700.000 €, wovon aber Strassen.NRW zwei Drittel trägt. Selm hätte eine Zusage bis maximal 300.000 € gegeben. Für ca. 2017  sei auch ein Kreisverkehr an der Kreuzung Werner Straße / Cappenberger Straße im Gespräch.

Ausbau Netteberger Straße
2015/16 würd die Straße ausgebaut einschließlich Kanalsanierung. Probleme gebe es derzeit besonders für Fußgänger.

Ausbau Haus-Berge Straße
Die Straße benötige noch den Endausbau. Bisher gebe es dort lediglich eine Tragschicht. Baubeginn ca. Ende 2015

Ausbau Luisenstraße Nord und Süd
Baubeginn noch 2015.

Für alle drei Straßenbaumaßnahmen soll es noch Bürgerversammlungen geben

Gestaltung der Kreisverkehre mit Kunstwerken
Auf den fertigen Kreisel Sandforter Weg /Ludgeriestraße / Kreisstraße soll 2017 eine Skulptur, bestehend aus drei Ringen (siehe Titelblatt Broschüre). Hier gebe es mehrere Interpretationsmöglichkeiten, aber eine sei, dass die Ringe stellvertretend für die drei Ortsteile Selm, Bork und Cappenberg stehen könnten. Die moderne Form soll die Aufbruchstimmung der Stadt wiederspiegeln (mit Blick auf die Regionale). Strassen.NRW steht der Kunst allerdings kritisch gegenüber. Nicht den Ringen speziell, sondern allgemein.

Nach fast einer Stunde war Löhr durch mit den Themen.  Nicht thematisiert wurde diesmal allerdings der Ternscher See und dessen Umgestaltung bzw. Erweiterung, so wie in der ersten Veranstaltung, aber ansonsten schloß es nahtlos an. Dabei hätte ich auch gerade zu diesem Thema gerne mehr über den aktuellen Stand erfahren.

Fragen des Publikums

Der zweite Teil des Abends gehörte dann dem Publikum mit der Gelegenheit, Fragen zu stellen oder seine Meinung kundzutun. Nun schreibe ich zwar schon sehr schnell mit, kann aber trotzdem Fragen und Antworten nicht wörtlich wiedergeben. Nachstehend erfolgt deshalb nur eine kurze Zusammenfassung, sortiert nach Themen:

  • Einige Fragen gingen in Richtung Ärtzehaus. Warum man sich nicht für einen Dorfplatz entschieden hätte, ob es kein 3D-Modell vorher mal gab und wieviele Arbeitsplätze überhaupt entstehen würden. Löhr betonte zu dem umstrittenen Thema, »dass es ihm wichtiger als seinen Vorgängern sei, Investoren in die Stadt zu holen«. Deshalb käme ein Platz nicht Frage. Man müsse hier auch sehen, so Löhr, dass die Arbeitsplätze durch das Haus überhaupt in Selm bleiben. Letzlich sei es aber Sache der Investoren, die Stadt könne nur anreize geben.
  • Kritisiert wurde, dass sich Selm zwar selbst »Stadt mit Freiraum« nenne, aber immer mehr zugebaut würde, obwohl es noch freie Bauflächen und Leerstand gebe. Löhr entgegente, dass es da unterschiedliche Definitonen von Freiraum gebe. Der Klockenberg sei gut gefüllt, es gebe maximal 3-5 Prozent Leerstand in der gesamten Stadt und Selm brauche weitere Flächen. Mit Blick auf eine Dokumentation des Senders VOX über Leerstände in Essen, sei Selm gerade nicht wie Essen. Gerne hätte er auch die Firma Venneker nach Selm geholt.
  • Auf die Frage, was mit dem Markt in Bork passiere, wenn der Markplatz bebaut würde, meine Löhr, dass es eine Ersatzfläche geben würde. Möglich seien aber auch Alternativen, etwa, dass die Geschäfte in Bork die Flächen vor den lokalen mehr nutzen können und dadurch alle  auf der Hauptstraße»ein wenig mehr zusammenrücken«. Durch Bork führe die Römerroute, aber Radfahrer können nicht mal eine ordentliche Pause in Bork einlegen.
  • Für den Campus Selm soll das Jugendzentrum abgerissen und wenige Meter daneben wieder neu aufgebaut werden. Die Frage, ob es jetzt wirklich abgerissen werden muss, wurde von Löhr und einem Planer sprichtwörtlich zum heißen Brei, um den ja so gerne herum geredet wird. Statt einen einfachen ja oder nein folgte eine minutenlange Erklärung zum Campus und warum dieses oder jenes so sein muss. Das war zwar auch interessant, aber ging völlig an der Frage vorbei. Nochmal nachgehakt, ob es denn nun weg muss, folgte dann die Feststellung, dass es noch nicht feststeht. Man sei noch in der Planung und möglicherweise könne es doch erhalten bleiben. Heute steht es aber nicht fest.
  • Interessant war auch die Frage, wie es denn mit Parkraum rund um den Campus aussehe. Die Pläne seien ja wie gesagt erst grob, so Löhr,  aber auf jeden Fall sei dies ein guter Hinweis, da vielleicht nochmal genauer hinzuschauen.
  • Wie beim ersten Infoabend, sorgten sich einige Bürger erneut um ihre Keller durch Hochwasser und einer Verschlimmerung durch den Auenpark, etwa durch eine geringere Fließgeschwindigkeit. Daraufhin wurde das Bachkonzept noch einmal erläutert mit der Feststellung, dass das Wasser in Zukunft mehr Platz habe und es (im gegenteil also) weniger Gefahr für Hochwasser gebe.
  • Einwürfe, dass die Anwohner die Straßensanierungen gar nicht wollen (und es zum Teil Sackgassen sind; also keine Durchfahrtstraßen) wurden auf die Bürgerversammlungen verschoben. Einige Anwohner sind besorgt, wie und vor allem wann sie die auf sie zukommenden Anliegerkosten stemmen sollen.
  • Die Regionale wurde aus dem Publikum sowohl kritisiert ( »dann spare ich schonmal für die nächste Steuererhöhung«) aber auch ebenso als Chance für  Selm gesehen, auf die man sich freuen kann.

Am Ende, kurz nach 21 Uhr, lud Bürgermeister Löhr noch einmal alle Bürgerinnen und Bürger ein, auch die Fachausschüsse und Bürgerversammlungen zu besuchen.

Fazit: Eher wenig neues, aber trotzdem ein richtiger und wichtiger Termin.

Ich finde es gut, dass es überhaupt solche Veranstaltungen gibt.  Zwar gab es an diesem Abend kaum Neues, was nicht schon in der Broschüre stand oder anderweitig bekannt war, aber dennoch ist so ein Termin als Zusammenfassung aller Projekte und Möglichkeit zum Nachfragen eine gute Sache – und er fängt auch ein wenig die Stimmung ein, die -je nach Projekt- ganz unterschiedlich ist; von breiter Unterstützung bis zu völliger Ablehnung. Interessant wäre noch die Stimmung zum Thema Geld gewesen, aber gerade das Thema war ja ausgeklammert.

So eine Veranstaltung ist (mit Blick in andere Städte) bei Weitem keine Selbstverständlichkeit, auch wenn es das nach meinem Verständnis sein sollte. Besser machen kann man das immer, aber man muss überhaupt erstmal anfangen. Und ganz wichtig ist für die Zukunft auch, solche Termine noch besser anzukündigen. Viele hatten die Broschüre mit dem Termin nicht bekommen, nicht alle haben eine Zeitung – und im Netz stand wiedermal erstaunlich wenig dafür, dass wir das Jahr 2015 haben.

Noch ein Wort zum Bürgermeister: Nun bin auch ich längst nicht mit allem einverstanden, was der Bürgermeister am Donnerstag so vorgetragen hat, aber: Er hat es unterm Strich gut gemacht (freie Rede!) in seiner lockeren, direkten und für ihn typischen Sprache (mit auffällig häufigem »ich sach ma so«). Auch wenn -wie aus dem Publikum angemerkt- er gerne  den Laserpointer nutzen darf, wenn er auf den Folien etwas zeigt. 😉

Nicht ganz klar ist mir allerdings, was die Ruhr Nachrichten ausdrücken wollen, wenn sie sagen, dass nur ein Prozent der Selmerinnen und Selmer ins Bürgerhaus kamen  – und dann 58 Fotos vom Publikum ins Netz stellen?


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Kategorien: Aktuelles aus Selm

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