Die Lippebrücke in Vinnum wird abgerissen und durch eine Neue ersetzt. Während der Bauarbeiten wird vermutlich mehr Verkehr durch Bork rollen, trotz Umleitung. Und dann gibt es da noch das Braess-Paradoxon….

Wann genau die Brücke in Vinnum erneuert wird, ist mir nicht bekannt. Doch während der Bauarbeiten wird niemand den Fluss an der Stelle queren können – und das wird Teile des Autoverkehrs vermutlich durch Bork führen. Die Stadt Selm hat deshalb bereits eine neue Ampelanlage an der Kreisstraße errichtet um den zusätzlichen Verkehr besser fließen lassen zu können. Mit der Hoffnung, dass nicht alle durch den engen Ortskern von Bork fahren, sondern außen herum, durchs Gewerbegebiet.

Leider fand ich keine belastbaren Zahlen zum Verkehrsaufkommen. Aus eigener Erfahrung kann ich zumindest sagen, dass da im morgendlichen Berufsverkehr schon eine nicht unerhebliche Zahl Fahrzeuge über die Brücke rollt. Weniger als auf der Kreisstraße in Selm (das ist ja auch eine Bundesstraße), aber auch nicht zu vernachlässigen. Es sind – so meine Einschätzung- vorrangig Pendler aus Olfen, Lüdinghausen und Selm, die über die Brücke fahren. Auf dem Weg zur Arbeit Richtung Lünen, Dortmund und ins Ruhrgebiet.

Wie der Verkehr umgeleitet werden soll

Ein Teil davon mag ab Sperrung der Brücke vielleicht in Richtung Datteln über die Lippe fahren. Die Mehrheit meiner Einschätzung nach jedoch über Bork. Entweder gleich direkt über die Kreisstraße (von Selm kommend) oder über die Vinnumer Straße von eben Vinnum kommend. Und da wird es, wie man heute so sagt…»schwierig«.

Schwierig, das ist nicht nur meine persönliche Einschätzung, sondern auch die der Stadtverwaltung. Denn es gibt die Möglichkeit einer Umleitung, die den Verkehr vom Borker Ortskern fernhalten könnte: durch das Gewerbegebiet, am Bahnhof vorbei. Allerdings war die in der Vergangenheit wenig genutzt und unattraktiv, so mein Empfinden.

Deshalb gibt es zwei Maßnahmen, die den Verkehrsfluss bessern sollen. Zwei Maßnahmen, die die Umleitung um den Borker Ortskern herum attraktiver machen sollen.

1. Eine neue Ampel an der Kreisstraße / Gutenbergstraße

Der Bau einer neuen Ampel war nötig, weil die alte Ampel an der Kreuzung für Autofahrer gar keinen nutzen hatte: Sie war nämlich eine reine Fußgängerampel, die nur auf Anforderung anging. Deshalb galt die allermeiste Zeit des Tages, Vorfahrt achten. Mit Blick auf den zusätzlichen Verkehr ist eine »richtige« Ampel eine gute Entscheidung, um den Verkehrsfluss von uns ins Gewerbegebiet zu verbessern. Zusätzlich wurde die Abbiegespur auf der Kreisstraße vergrößert, sodass mehr Autos ins Gewerbegebiet abbiegen können.

2. Umbau Kreisverkehr Vinnumer Straße

Der Kreisel am Borker Ortseingang (Vinnumer Straße) ist bereits jetzt ein Problem, ganz ohne Zusatzverkehr. Aufgrund seiner Bauweise – flach und eng- verleitet er viele Autos zum direkten durchfahren. Von Vinnum kommend, ist nur weniger Meter vorher sogar noch 70km/h pro Stunde erlaubt. Zudem verengen absichtlich gepflanzte Sträucher die Ein- und Ausfahrt ins Borker Ortszentrum. Das bremst zwar aus, ist aber unübersichtlich.

Der Kreisverkehr in Bork 2019

Alles zusammen führte dazu, dass hier in Vergangenheit Unfälle passiert sind. Letztes Jahr ist ein Radfahrer gestorben, ein weißen »Mahnrad« vom ADFC erinnert daran. Im Jahr zuvor gab es auch einen Unfall. Ich selbst bin hier auch beinahe schon einmal überfahren worden auf dem Rad, als ein zu schneller Autofahrer von Vinumm kommend (da wo 70 ist) direkt in den Kreisel reinbretterte.

Die Unfallträchtigkeit und das höhere Verkehrsaufkommen während der Brückenarbeiten haben die Verwaltung veranlasst, den Kreisverkehr umzubauen. Stand heute (30.04.2021) wird noch gebaut. Die Mittelinsel wird nun angehoben, sodass ein direkt drüber fahren erschwert wird. Zu hoch darf es aber auch nicht werden, weil es die Zufahrt ins Gewerbegebiet ist und LKW in dem engen Kreisel einfach Platz brauchen.

Deshalb wird ein zweiter Innenring mit kleinen Huckeln angelegt: das zwingt die PKW auf eine größere Kreisbahn, ermöglicht aber LKW weiterhin enge Kurven.

So sehr ich Kreisel mag, so oft denke ich mir: warum gerade hier? Eine abknickende Vorfahrt zum Bahnhof hätte doch ausnahmsweise mehr Vorteile gehabt.

Denn abknicken soll der Verkehr ja auch – und eben nicht gerade aus durch den Ortskern fahren. Ob der neuen Kreisel und die Ampel helfen? Ich befürchte nein. Trotzdem ist es richtig, dass er nun umgebaut wurde.

Vermutlich fahren trotzdem viele weiter durch Bork

Trotz Ampel- und Kreiselumbauten werden vermutlich etliche lieber durch Bork fahren. Und dass, obwohl schon so viel getan wurde, diese Strecke unattraktiv zu machen:

  • Blumenkübel (Fahrbahneinengung)
  • Bremsschwellen
  • Tempo-20-Zone (einmalig in Selm!)
  • Rechts-vor-Links
  • Teilweise Umwandlung in eine Fahrradstraße
  • Fest montierter Blitzer
  • zzgl. der ohnehin -historisch bedingt- kurvigen und eng bebauten Hauptstraße
Tempo-20-Zone auf der engen Haupstraße

Das Problem der Umleitung ist: sie ist zu lang. Und hat zwei zusätzliche Ampeln.

Strecke Ortseingang Bork (von Vinnum kommend)
bis zur Ampelkreuzung an der Polizeischule

durch den Ortskern

0

Kilometer
+ Hindernisse, Tempo 20

über die Umleitung

0

Kilometer
+ Zwei Ampeln und ein Kreisverkehr

Dennoch: Google Maps sagt mir, dass die Umleitung nur eine einzige Minute länger ist! Ich wollte die Strecke nicht selbst abfahren. Das Problem ist wohl eher psychologisch. Durch den Ortskern wirkt es einfach deutlich schneller, obwohl das objektiv nur eine minimale Zeitersparnis ist. Aber es geht stetig voran. Langsam, aber voran. Zweimal an einer Ampel halten zu müssen, wirkt anders.

Es ist vergleichbar mit dem Stau auf der Autobahn. Sie und ich würden bestimmt lieber 10 Kilometer zähfliessenden Verkehr ertragen, als 2 Kilometer Stillstand, auch wenn beides am Ende gleich viel Zeit kosten würde (was wir natürlich vorher nicht wissen können). Darüber gibt bestimmt Studien.

Deshalb wird der Verkehr im Ortskern vermutlich zunehmen, solange an der Brücke gebaut wird.

Planung aus einer anderen Zeit für eine andere Zeit

Allerdings lässt sich trotz dieser Entwicklung auch gegen halten, dass sich in Bork schon viel getan hat, um den Ort vom Autoverkehr zu entlasten. Vor 30 Jahren ging führte die Bundesstraße noch direkt durch Bork hindurch. Seitdem wurden zwei Umgehungen in Bork gebaut und zusätzlich die Gutenbergstraße als Zufahrt zu Bahnhof und dem damals neu entstandenen Gewerbegebiet angelegt. Doch es war eine andere Zeit mit viel weniger Autoverkehr als heute. Vermutlich wäre anders geplant und umgesetzt worden, wäre das Verkehrsaufkommen 2021 schon 1970 erahnt worden.

Und doch ja, es gab sogar vor Jahrzehnten noch viel größere, überregionale Planungen. So habe ich einmal eine alte Straßenkarte gesehen, die eine Ergänzung der Bundesstraße 236 mit einer Westtangente vorsah: Von Lünen-Mitte aus über Alstedde, an Bork und Selm westlich vorbei durch die Selmer Heide bis nach Lüdinghausen. In einer anderen Karte hab ich dagegen mal eine Osttangente gesehen, die quasi vom Abzweig nach Cappenberg östlich in großem Bogen um Selm herum, nach Lüdinghausen führte. Leider sind diese Karten nicht mehr im online-Archiv der deutschen-digitalen-Bibliothek abrufbar, wo ich sie einst sah. Umgesetzt wurden diese Ideen jedenfalls nicht.

Prognosen sind eben Prognosen

Und wer weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht wird man in 30 Jahren sogar sagen: warum habt ihr damals so viele Straßen gebaut? Wenn Home-Office weiter ausgebaut wird, vielleicht autonomes fahren kommt, der öffentlich Nahverkehr ein anderer sein wird oder das Verhältnis zu Auto und Mobilität einmal gänzlich anders wird. Die Corona-Pandemie hat bereits viele Veränderungen angestoßen oder beschleunigt.

Dazu gab es kürzlich einen lesenswerten ZEIT-Online-Artikel, der mittlerweile leider kostenpflichtig ist: „Das Auto hat seinen ursprünglichen Sinn verloren

Das Braess-Paradoxon

Und hinzu kommt: der alte Grundsatz, dass mehr immer besser ist, gilt nicht überall. Im Straßenverkehr gilt das Gegenteil: Je mehr Straßen, desto mehr Verkehr. 1968 hat der deutsche Mathematiker Dietrich Braess ein Paradoxon veröffentlicht: Der Bau einer zusätzlichen Straße führt dazu, dass sich bei gleichbleibendem Verkehrsaufkommen die Fahrtdauer für alle Autofahrer erhöht! (Gut erklärt z.B. hier) Deshalb wurde in Soul, Südkorea, eine Stadtautobahn wieder abgerissen. Unglaubliches Ergebnis: Verkehrsfluss und Fahrzeiten in der Stadt haben sich reduziert! (Hier schön erklärt beim Urbanist Magazin).

Essenz daraus: noch eine weitere Umgehungsstraße tut Bork vermutlich auch nicht gut. Vielleicht fährt am Ende ja doch das ein oder andere Auto über die Umleitung, statt durch Bork – bis die Brücke dann endlich fertig ist.

Ein Stück Umgehung bis zur neuen Ampel (Gutenbergstraße Richtung Kreisstraße)

Wobei, eine kleine bauliche Veränderung hätte Bork verkehrstechnisch doch sehr gut getan. Dazu mehr mal in einem anderen Beitrag 😉




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