Bist du der mit dem Stadtplan?


Dabei war unsere erste Begegnung 2005 ziemlich zögerlich-zaghaft: Friedhelm hatte im Brambauer Bürgerhaus einen Stand mit alten Ansichtskarten aufgebaut, ich blieb interessiert daran stehen und konnte ihn gar nicht wirklich einordnen, obschon ich ihn hin und wieder mal in der Zeitung sah. Er war sich auch nicht sicher, sprach mich dann aber doch an: »Bist du der André Walter? Der mit dem Stadtplan?«

Er kannte mich aus der Zeitung, weil ich ja die verrückte Idee hatte, einen eigenen Stadtplan zu zeichnen. Wir kamen ins Gespräch und es dauerte nich lange, da besuchte ich ihn und seine Frau Ingeborg zum ersten Mal in Ihrer Wohnung. Und ich war begeistert, denn:

Friedhelm hatte in seinem Leben weit über 50.000 Fotos, Ansichtskarten und Zeitungsausschnitte über Brambauer gesammelt!

Bilderrahmen und Handkoloriert


Er arrangierte all diese Sachen in liebevoll gestalteten, großen Fotoalben; mit handgemalten Verzierungen, mit Beschriftung und mit selbstgebastelten Fotorahmen. Mal zu einem bestimmten Thema, mal buntgemischt, wenn er wieder Neues in die Hände bekamt.

Vor allem die Fotorahmen, die waren ihm besonders wichtig. Es gab kein Foto, dass er nicht auf einem selbstgestanzten Papp-Rahmen gebracht hatte; das war sein Markenzeichen:

Ganz oft dabei Fotos, die er selbst kolorierte. Friedhelm brachte Farbe in alte schwarzweiß-Fotos, mit Buntstiften – ganz ohne Computer oder KI. Tatsächlich war er noch ein Künstler alter Schule, der ganz ohne PC auskam. Photoshop brauchte Friedhelm nicht, denn er konnte es mit seinen eigenen Händen. Mit Buntstiften, Scheren und Messern hauchte er alten Aufnahmen neues Leben ein.

Erst in späteren Jahren legte er sich einen PC zu, um auf Facebook anderen an seinen Erinnerungen teilhaben zu lassen.

Gemeinsame Ausflüge, Vorträge und das Wappen


Friehdlm arrangierte ebenso Ausstellungen mit all seinen Bildern bei örtlichen Veranstaltungen. So begleitete er z.B. das 100-jährige bestehen der evangelischen Kirchengemeinde mit einer eigens zusammengestellten Bilderserie in der Kirche. Auch wer er unzählige mal Gast in der Lokalpresse, entweder mit seinem Wissen, oder in einer schönen Geschichte über ihn selbst.

2008 hielten Friedhelm und ich einen gemeinsamen Vortrag im Brambauer Bürgerhaus über alte Zeiten. Ich warf historische Fotos an der Wand und zeigte Gegenüberstellungen mit der Gegenwart, Friedhelm erläuterte und erzählte Unmengen an Geschichten und Anekdoten dazu, denn er hatte all das, was die Fotos zeigten, selbst miterlebt.

Wir forschten gemeinsam über eine alte Brücke am Datteln-Hamm-Kanal, besuchten den Grenzstein und stiegen auf das Dach des damals noch im Bau befindlichen Trianel-Kraftwerk.

Besuch im Trianel-Kraftwerk
Willi Schmidt, Friedhelm Eschner, “Andy-Nym” und ich an der Kamera vor Schloss Wilbringen.

Erst in späteren Jahren legte er sich einen PC zu, um auf Facebook anderen an seinen Erinnerungen teilhaben zu lassen.

Ja, wir kamen herum. Besonders intensiv machten wir uns daran, das Rätsel des Brambauer Wappens zu lösen. Gemeinsam mit Erwin Meschke und Walter Gerwinat, deren Nachbar ich eine Zeitlang war, versuchten wir herauszufinden, ob Brambauer nun jemals ein Wappen hatte und wohin der Hase darauf hoppelte.

Am Ende, als wir sicher waren, wie es ausgesehen haben mag, machten sich Friedhelm und Erwin ans Werk und bastelten Wappenständer aus Holz und Metall:

In welches lokale Abenteuer ich mich auch begab, Friedhelm kam mit oder war schon vorher da. Überhaupt konnte Friedhelm immer etwas erzählen, denn er hat (so vermute ich) tatsächlich sein ganzen Leben in Brambauer verbracht. Und wenn ihm mal nichts über Brambauer einfiel, dann erzählte er ebenso gerne über Dortmund, wo er sein Arbeitsleben in einer Brauerei verbrachte.

Ganz oft fuhr er mit dem Rad durch Brambauer, schoss neue Fotos für seine Sammlung und kam überhaupt bei vielen Leuten herum, wo er wieder neues Material auftrieb – oder mit seinen Erinnerungen vor allem den Ältesten eine Freude bereitete.

So zum Beispiel Gerlinde Wittler, die selbst ganz viele Gedichte schreibt und mit der er besonders über alte Brambauer Kinos recherchierte. Aus der Zeit, als die Kinos noch »Lichtspielhaus« genannt wurden und Apollo oder Deli hießen. Monatelang hatten wir recherchiert, welcher Film da wohl damals lief, denn das Plakat im Schaufenster des Deli-Kinos war nur winzig klein zu erkennen, auf der Ansichtskarte (ja, wir haben es nie herausgefunden…)

Eschners Adventsfeier im chinesisch-ägyptischen Garten


Friedhelm und seine Frau Ingeborg hatten zudem eine ganz besondere Tradition: seit 1968 luden sie die Menschen alljährlich zum Auftakt der Weihnachtszeit am ersten Adventstag in ihren Garten ein.

Obwohl sie nur Mieter in einem Mehrparteien Haus in der Straße »Zum Dahl« waren und auf den ersten Blick nur einen Balkon ihr eigenen nennen konnten, täuschte dies gewaltig. Denn die beiden waren in den Besitz des Garten eines ehemaligen, hiesigen Industriellen gekommen, der sich direkt hinter dem Edeka an der Brambauer Straße befindet. Unscheinbar hinter Büschen, Sträuchern und einer Steinmauer lag ein kleines Paradies, zu dem eine dunkelbraune Holztür führte.

Es war ein Garten der einst als Ägyptischer Garten angelegt wurde, mit Säulen, Steinen und einem Badebecken, das selbst Kleopatra gefallen hätte. Später wurden Teile des Gartens thematisch nach China-/Japan umgestaltet, teilweise auch mit indischen Einflüssen. Es war wie ein kleiner nah- und fernöstlicher Themenpark, in dem nun ein christliches Fest gefeiert wurde. Ein Potpourri zahlreicher Religionen quasi, wo Madonna im Budda-Schrein steht und der Nikolaus auf einem Torii sitzt. Und das mitten in Brambauer, im Ruhrpott!

In den letzten zwanzig Jahren war dieser Tag Auftakt der Reihe »das Fenster im Advent« der evangelischen Kirchengemeinde geworden. Friedhelm und Ingeborg backten Waffeln, schenkten Glühwein aus und legten eine LP mit dem Glockengeläut der bekanntesten deutschen Kirchen auf (Track 1 stets der Kölner Dom!)

(Sehr schön dazu auch dieser Artikel in der Westfälischen Rundschau dazu)

Dann zog ich weg


2012 verließen meine Frau ich ich Brambauer in Richtung Selm. In der Zeit danach verloren Friedhelm und ich mehr und mehr den Kontakt. Ein paar mal telefonierten wir noch, sahen uns auf dem Brami oder trafen uns beim Spaziergang. Doch der intensive Kontakt über Brambauer Geschichte verschwand immer mehr.

So erfuhr ich dann erst mit der Todesanzeige, dass Friedhelm, meiner alter Geschichtsfreund, im Mai verstarb.

Friedhelm und ich am Colani-Ufo, 2008

Vielen Dank!

Daher bleibt mir an dieser Stelle vielen Dank zu sagen für die gemeinsame Zeit; die vielen, vielen Fotos, die Friedhelm mir überließ und die sich teilweise auf meiner Internetseite befinden. Noch viel mehr aber Danke für all die Geschichten, die er mir erzählte aus Brambauers vergangenen Tagen – und für die gemeinsamen Erkundungen, in denen wir keine Müh´scheuten, Altes wieder zum Vorschein zu bringen.

Nachlass im Stadtarchiv zu Lünen

Gut 70 Fotoalben haben die Verwandten von Friedhelm der Nachwelt übergeben: Anfang Dezember 2023 gingen sie in den Besitz des Lünener Stadtarchives über. Jedes Fotoalbum ist dabei ein Kunstwerk für sich, enhält es doch neben den Fotos weiteres Material, wie Zeitungsausschnitte, Eintrittskarten, Rechnungen und ähnliches. So bleibt »Friedhelms Schatz« auch kommenden Generationen erhalten und gewährt einen einzigartigen Einblick in Brambauers vergangene Zeiten.

Friedhelm Eschner starb am 25. Mai 2023 im Alter von 83 Jahren.


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