Im Mai 1995 »landete« das von Luigi Colani entworfene »Ufo« auf dem ehemaligen Förderschacht von Minister Achenbach IV in Lünen-Brambauer. Viele Firmen saßen dort oben, sogar ein Tatort wurde hier gedreht – doch die Öffentlichkeit musste draußen bleiben. Das änderte sich 2024 und so begab ich mich gleich zweimal nach oben!

Vom Förderturm zum Designerturm

Fast 30 Jahre Wartzeit! Als ich Anfang der 1990er Jahre morgens zu »Grundschule Am Freibad« ging, konnte ich die drehenden Seilscheiben auf dem Förderturm noch sehen. Während mein Vater ins Bergwerk einfuhr, musste ich draußen bleiben und den Fördeturm aus der Ferne betrachten.

Zumindest bis 1992 drehten sich dort oben die Seilscheiben. Dann wurde der Schacht geschlossen und das Zechenareal zum LünTec, dem Lünener Technologiezentrum umgebaut.

Der Förderturm 1990 von Halde Tockhausen gesehen…

Ein Baustein dazu: gut 300 m² Bürofläche auf dem Förderturm zu schaffen. Dies übernahm der Designer Luigi Colani mit der Schaffung des Colani-Ufos, von den Brambaueranern gelegentlich auch Colani-Ei bezeichnet.

1992 begann der Abbau des oberen Teils des Fördergerüsts. 1995 landete dann das Ufo auf dem alten Förderturm. Nun, landen im weiteren Sinne, soweit ich mich erinne, wurde es mit Kränen und Hubschraubern nach oben transportiert.

Wie auch immer, seit 1995 blickte ich Jahrelang vom Garten meiner Eltern auf das Ei, fotografierte es bestimmt hunderte mal – doch hinauf oder gar hinein, blieb mir der Weg weiter versperrt.

Das Ufo 2007

Ab ins Ufo!

Im April 2024 änderte sich das. Die Werbung im Rathaus machte mich aufmerksam:

So ging es für mich und meinen kleinen Begleiter dann auf den roten Teppich, der in der ehemaligen Schachthalle zum Aufzug führt.

Zunächst die Eintrittskarte gekauft und das “Platzkärtchen” bekommen. Denn aus Brandschutzgründen dürfen sich maximal 30 Personen oben befinden.

Am Ende des roten Teppichs befindet sich dann der ziemlich schmale Aufzug. Erlaubt sind fünf Personen darin, effektiv passen doch eher vier durschnittliche Erwachsene hinein.

Interessant (und nicht barrierefrei) ist dabei: der Aufzug fährt nicht direkt im Erdgeschoss los, sondern liegt ein paar Treppenstufen höher. Zur Auswahl im Aufzug stehen dann lediglich das EG und die 1. Etage, die allerdings 35 Meter höher liegt.

Nach knapp 25 Sekunden Fahrzeit kommt der Aufzug oben an. Nun, ganz oben ist er jedoch nicht, sondern ein Stück darunter im Technikgeschoss. Deshalb führen nach dem Ausstieg nochmal 15 weitere Stufen nach oben.

Da wir uns nun oben im Ufo befinden, kündigt sich das freie WLAN mit dem passenden Namen »Raumschiff« an.

Und am Ende der Treppe empfängt uns dann auch gleich der sympathische Gästeführer, bereit, alle Fragen zu beantworten.

Noch viel mehr empfängt mich aber eine sehr besondere Atmosphäre: eine helle, aktustisch gedämpfte und zugleich ziemlich stylischbuntgemütliche Sessel. In den Farben gelb, orange und rot laden sie uns zum sitzen ein!

Wobei sitzen ist untertrieben, sie sind verdammt gemütlich. Oder wie eine Frau neben mir sagte: können wir nicht nochmal wiederkommen und ich bleibe einfach vier Stunden hier zum entspannen? Auch mein Sohn wollte sich kaum losreißen vom gemütlichen Sofasessel…

Als sich bei meinem zweiten Besuch die Gästeführerin dazu schiebt und ergänzt, es handle sich hier um den Lounge-Sessel »Amöbe« des dänischen Designers Verner Panton, fühle ich mich für einen Moment wie in einem Loriot-Sketch. 😀

Überhaupt ist jede »Ecke« in dem Oval anders eingerichtet. Es gibt einen größeren Bereich wo nun auch Trauuungen möglich sind. Es gibt verschiedenste Stühle, Bänke, Sitzgelegenheiten, Stehtische, mal keine Tische, in jeder Himmelsrichtung sieht es anders aus. Nicht alles davon hat Colani selbst designt, manches stammt auch von anderen Designern.

Bei meinem ersten Besuch fand zuvor eine Trauung statt….
…beim zweiten Besuch standen die Tische dann anders.

In jedem Fall hat Colani jedoch die WCs gestaltet und im Falle des Herren-WCs schaut es so aus, da haben Schüssel und Waschbecken auch eine leicht ufohaftige Form 😉

Zudem waren einige Flipcharts hingestellt, auf denen Besucher Grußbotschaften oder ähnliches hinterlassen konnten.

Die gedämpfte, wohltuende Akustik dort oben hängt einerseits mit dem besonderen Teppichboden zusammen, sowie mit der stoffbespannten Deckenabhängung.

Ein Blick auf den Brandschutzplatz zeigt den Grundriss des Ufos…

18 Fensterovale in alle Richtungen

Die 18 ovalen Fenster bringen viel Licht hinein und ermöglichen einen Blick in alle Richtungen. Allerdings sind viele Fenster, besonders die nach Südwesten (viel Regen und Sonne) schon ziemlich trübe bzw. dreckig an den Rändern. Gereinigt werden sie einmal im Jahr, was lt. Gästeführerin rund 15.000 € kostet.

Trotzdem bleibt ein schöner Blick über Brambauer, auf die Halde Tockhausen, das LünTec selbst bis hin nach Lünen. Auch Dortmund ist am Horizont zu erkennen, der Schwerter Fernsehturm, die Hügel und Berge des Sauerlandes.

Die vielen Fenster bringen jedoch nicht nur viel Sicht, sondern auch viel Wärme. Ich empfand es als sehr warm dort oben. Die Klimaanlage zeigte zwar 21 Grad an, gefühlt waren es eher über 25 Grad.

Versuch eines 360 Grad Fotos…

Fördermittel ermöglichten Bau, verhinderten aber freien Zugang

Da für den Bau Fördermittel des Landes verwendet wurden, gab es nämlich die Auflage, dass es eben nur als Bürofläche genutzt werden darf. So quartierten sich dort oben zwar zahlreichen Firmen ein, Architekten, Designer, ja sogar einmal kurz ein Fernsehsender (Düzgün TV) – doch die Öffentlichkeit, die musste draußen bleiben.

Da die Zweckbindungsfrist der Fördermittel von 30 Jahren nun um ist, dürfen jetzt alle rauf. Im Moment zumindest an ausgewählten Tagen in 2024 und für 5 Euro Eintritt, während die Stadtverwaltung noch an einem touristischen Gesamtkonzept für das Areal arbeitet.

Nähres dazu in diesem PDF der Verwaltung

Einen Sonderfall gab es in den 30 Jahren trotzdem: Als 2010 die Aktion »SchachtZeichen« (Wikipedia) stattfand, war es einmal kurz möglich, hinauf zu kommen. Zumindest die Außentreppe war bis ganz oben begehbar, soweit ich mich daran noch erinnere.

2010: Die Aktion SchachtZeichen am Ufo

Drehort für den Dortmunder Tatort

Einen ganz anderen Einblick in das Ufo gab es im Fernsehen:

2012 wurden hier Szenen für den ersten Dortmunder Tatort gedreht. In der Folge 844 »Alter Ego« befand sich im Ufo der Sitz eines fiktiven Dortmunder High-Tech Unternehmens, in dem das Mordopfer -der Student Kai Schiplok (Tom Viehoefer) – ein Praktikum absolvierte. In einer Szene ermittelt Kommissar Faber dann auch ganz oben. Die grauen Stühle und die weißen Tische (siehe Fotos oben) wurden dafür entsprechend zu einem Büro verarbeitet.

Ein Foto mit der Ufo-Szene gibt es auf der Seite der ARD, hier in dieser Bildergalerie zu sehen.

(Erstaustrahlung war am 23.09.2012)

Ein Stück Kuchen muss sein…

Zum Abschluss gönnten wir uns noch ein Stück Kuchen. Im ehemaligen Pförtnerhaus von Minister Achenbach IV befindet sich nämlich das »Café LünTec«. Es versorgt die Büros des LünTec und steht auch der Öffentlichkeit zur Verfügung mit einer großen Auswahl an Brötchen und Kuchen. Vorallem aber die Tortenauswahl ist unerwartet riesig – und lecker!.

Unter dem Uhrenturm ist das Café

Wirklich schön, dass ich dort nach 30 Jahren warten zweimal hinauf konnte.

Es bleibt zudem die Erinnerung, dass mein Vater -wie viele andere Bergleute- hier, genau hier, viele Jahre lang hinunter ins Bergwerk eingefahren ist. Genau hier, wo mich heute der Aufzug nach oben brachte, drehten sich einst die Seilscheiben für den Förderkorb; angetrieben vom Maschinenhaus gegenüber. Das wurde mir nochmal sehr bewusst, als ich vom Aufzug durch die Tür nach unten sah:

Blick vom Spalt in der Aufzugstür das Fördergerüst herab nach unten. Vor über 30 Jahren ging es hier mit dem Förderkorb noch rund 1.000 Meter weiter in die Tiefe, als die Zeche in Betrieb war.
Mein Vater unten rechts als Lehrling auf Achenbach in den 70ern, nur wenige Meter vom heutigen Ufo entfernt. (Foto mit Dank an Wolfgang Schubert)
Botschaft eines ehemaligen Bergmanns auf den Flipcharts…